Die Telefonseelsorge Nordoberpfalz hilft Menschen aus dem emotionalen Loch
Stille Nacht, einsame Nacht

Weihnachten gemeinsam zu verbringen ist für viele ein Wunsch. Manchmal bleibt er unerfüllt. Bild: Franziska Kraufmann
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Bayern
22.12.2014
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Keine Familie, kein Baum, keine Geschenke, ­kein Weihnachten? Die Erwartungen an das "Fest der Liebe" sind hoch und werden regelmäßig enttäuscht. Besonders ältere Menschen, sozial Schwächere und Einsame fallen in diesen Tagen in ein emotionales Loch, weil sie niemanden und oft auch nichts haben. Friedrich Dechant und Gertrud Bäumler-Lenz kennen die Sorgen der Menschen - vom Telefon und aus E-Mails. Der katholische Theologe und die Diplom-Sozialpädagogin sind in der Telefonseelsorge Nordoberpfalz aktiv. Hauptamtlich.

Rund 70 Ehrenamtliche unterstützen Dechant und Bäumler-Lenz, um den Ratsuchenden 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. "An Weihnachten ist nicht mehr los, als an jedem anderen Tag im Jahr", berichtet Friedrich Dechant. Nicht weil weniger Bedarf bestünde für Gespräche, sondern weil dieser Tag - wie jeder andere - ausgefüllt ist mitTelefonberatungen, E-Mails und Chats. Rund 23.000 Anrufe pro Jahr verzeichnet die Telefonseelsorge Nordoberpfalz. "Mit rund 60 Ratsuchenden pro Tag sind wir derzeit schon 'ausgebucht'."

Themen an Weihnachten: Familienprobleme, Einsamkeit und enttäuschte Erwartungen


Nicht die Zahl der "Kunden" ändert sich merklich an den Feiertagen, wohl aber die Themen, die die Menschen bewegen. Gespräche, die über Weihnachten eingehen, drehen sich um Konflikte in der Familie, Einsamkeit, weil im Laufe des Jahres ein geliebter Mensch verstorben ist, oder weil sonst ein veränderndes Lebensereignis belastet. Die manchmal verklärte Vorstellung von Ideal-Weihnachten und die Enttäuschung wegen der real existierenden Stimmung klingt bei vielen Anrufern durch. "Das ist kein Wunder, wenn man einen Hollywoodfilm als Vorlage für das eigene Fest nimmt."

Familienstreitigkeiten"Wenn an Weihnachten Familien zusammenkommen, die sich nur einmal im Jahr sehen und Alkohol getrunken wird, dann kommt es schon mal zu Streit oder Handgreiflichkeiten." Stefan Hartl, Sprecher im Polizeipräsidium Regensburg, kann aber keine "exorbitanten Anstiege" an Straftaten während der Feiertage erkennen. Taschendiebstahl habe jedoch "Hochsaison". Die große Menge an Menschen auf den Weihnachtsmärkten und die vorherrschende Enge dort lockt viele Täter an.

Martin Seidl, Chef der Integrierten Leitstelle in Regensburg, bestätigt die Erfahrung der Kollegen der Polizei. "Der ein oder andere Adventskranz brennt über die Feiertage. Die Menschen werden aber immer vorsichtiger. Gott sei Dank." Auch die Zahl der Notrufe, die wegen emotionaler Ausnahmezustände eingehen, hebt sich laut Seidl nicht von den anderen Tagen ab. "Wir stellen keine Zusammenhänge mit Weihnachten fest."

"Der Heiligabend ist sogar etwas ruhiger als man denkt." Gertrud Bäumler-Lenz meint auch einen Grund dafür ausmachen zu können. "Es gibt einfach keine Möglichkeit, sich zurückziehen zu können und die Nummer der Telefonseelsorge zu wählen und dann in Ruhe über Sorgen und Ängste zu reden. Die Menschen sitzen da einfach zu dicht aufeinander." Am ersten und zweiten Feiertag steigt der Beratungsbedarf wieder an. "Frust, Enttäuschungen und Streitigkeiten sind dann die vorherrschenden Themen." Besonders in Familien, die sich nur einmal pro Jahr sehen, schwelt Konfliktpotenzial. "Menschen ändern sich im Lauf ihres Lebens. Dies zeigt sich dann besonders bei den Zusammenkünften."

Enttäuschungen vorbeugen und selbst aktiv werden - Wunsch nach Gemeinsamkeit dominiert


"Meine Kinder haben sich wieder nicht gemeldet." Diesen Satz bekommen die Berater am Telefon nach Weihnachten besonders oft zu hören. Manche Anrufer beugen der "Weihnachtserwartungsenttäuschung" aber vor. Bereits in den Wochen vor dem Fest gibt es Anfragen zu Veranstaltungen und Programmen für "Einsame oder Alleinstehende". "Wo kann ich hin, was kann ich tun?" Der Wunsch nach Gemeinsamkeit an den Festtagen ist besonders hoch. "Es gibt genau dafür Veranstaltungen in der Region. Diakonie und Caritas in Weiden oder auch der CVJM in Amberg bieten etwas an." Friedrich Dechant hat einen weiteren Rat bereit: "Der Weihnachtsgottesdienst. Da kommen die Menschen zusammen. Es ist schließlich ein religiöses Fest: Besonders in der Christmette erkennen die Menschen, dass sie nicht allein sind." Dechant erinnert sich an einen Anrufer, den auch die Sorge wegen der Einsamkeit zum Telefonhörer hat greifen lassen. "Ich habe ihm im Internet herausgesucht, wo es in seiner Nähe Möglichkeiten gibt, Heiligabend in Gesellschaft zu verbringen." Der Anrufer, berichtet Dechant weiter, hat sich danach sogar überlegt, nicht nur zu feiern, sondern bei den Veranstaltern mitzuhelfen. "Wir geben immer wieder den Rat aktiv zu werden und sich zu fragen, was man selbst tun kann, statt zu grübeln, was andere für einen machen können."

Einsamkeit und psychischer DruckDem psychischen Druck der Einsamkeit oder der vermeintlichen Geborgenheit der Familie halten manche nicht stand. Wolfgang Herzog, Leiter der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Universität Heidelberg berichtet gegenüber Spiegel Online: "Weihnachten ist mit zahlreichen Idealvorstellungen verbunden, und deren Kontrast zur Realität ist oft enorm. Das ist für manche Menschen sehr belastend." Ob an den Feiertagen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko besteht, haben David Phillips von der University of California und zwei seiner Kolleginnen erforscht. Dazu haben sie alle elektronisch registrierten Todesfälle in den USA von 1979 bis 2004 unter die Lupe genommen. Ergebnis: An Weihnachten und Neujahr schnellt zumindest in den USA die Zahl der Todesfälle in den Notaufnahmen und auf dem Weg zum Krankenhaus in die Höhe. Auch die Zahlen für Todesfälle in anderen Situationen zeigen deutliche Abweichungen nach oben, wie die Forscher im Fachblatt "Social Science & Medicine" schreiben.

Auch wenn rund um den 24. Dezember Gespräche zu Themen rund um die Familie stärker nachgefragt würden, bleiben die "Dauerbrenner" an Sorgen nicht außen vor. Ältere Anrufer bewegen Themen wie Krankheit, Einsamkeit und der Tod, Jüngere machen sich Sorgen um die Familie, Arbeit und die eigene Zukunft. "Wir können aber nicht genau sagen, wie alt oder jung ein Ratsuchender ist oder woher er kommt. Die Anrufer bleiben absolut anonym." Ein Netz von Ehrenamtlichen am Telefon sorgt dafür, dass immer ein Gesprächspartner zur Verfügung steht. "Wenn einmal belegt ist, schaltet die Anlage weiter. Nach Bamberg, Nürnberg oder woanders hin." Gertrud Bäumler-Lenz und Friedrich Dechant sind sich allerdings einig: "Die Zahl der Anrufer wegen psychischer Erkrankungen hat zugenommen. Das gesellschaftliche Klima ist rauer geworden." Der Grund? "Man hat weniger Geduld, weniger Zeit für den Menschen." Es wird laut Bäumler-Lenz immer schwieriger, sich mit seinen individuellen Eigenschaften zu behaupten und akzeptiert zu werden. Steigende Zahlen von Mobbing am Arbeitsplatz und in der Schule spiegeln ihrer Meinung nach diese Entwicklung wider. "Es wird immer weniger drüber nachgedacht, wie es dem anderen geht." Der manchmal achtlose Umgang miteinander im Internet habe ein Übriges dazu beigetragen.

Trennungen und neue BeziehungenDass die Stille der Feiertage auch manchmal negative Auswirkungen auf die Beziehung haben kann, meint der Autor David Mc Candless mithilfe von Facebook herausgefunden zu haben. Er hat untersucht, wann die Mitglieder der Internetplattform am häufigsten ihren Beziehungsstatus ändern. Seine Erkenntnis: Zwei Wochen vor Weihnachten gibt es die meisten Trennungen ebenso wie in der Zeit der Springbreak. Die Frühjahrsferien in den USA werden besonders von Studenten zum exzessiven Feiern genutzt.

Den Anstieg der Zahlen erklärt sich Mc Candless ganz einfach: In der Adventszeit wird vielen klar, was die Weihnachtsgeschenke für den noch-geliebten Menschen kosten. Direkt an Weihnachten gibt es laut McCandless die wenigsten Trennungen. Ein solcher Schritt wird seiner Meinung nach als "zu grausam" bewertet.

Internet eröffnet neue Möglichkeiten - E-Mails und Chats senken die Hemmschwelle



Gertrud Bäumler-Lenz und Friedrich Dechant kennen die Sorgen und Ängste der Menschen - nicht nur zur Weihnachtszeit. Bild: uax

Das Internet mit seinen Kommunikationsmöglichkeiten ist aber nicht nur Auslöser für Probleme, sondern bietet sich auch für Ratsuchende an. Derzeit treffen zwischen 20 und 25 E-Mails pro Tag ein. "Das klingt im Vergleich zu den Zahlen über Anrufer nach wenig. Ist es aber nicht." Friedrich Dechant weiß, dass auf eine erste Mail viele weitere folgen. "Wer einen Text aufsetzt, setzt sich meist viel intensiver mit dem Thema auseinander. Selbst wenn der erste Kontakt aus wenigen Worten besteht, entstehen manchmal im Lauf der Konversation seitenweise Schriftstücke." Der Absender bleibt auch hier anonym. "Niemand ist mit seiner echten E-Mail-Adresse bekannt. Die Nutzer geben sich einen frei gewählten Namen. Wir sehen nur diesen und den Inhalt." Zusätzlich zur Telefon- und Mailberatung gibt es die Möglichkeit, sich über einen Chat an die Seelsorge zu wenden. "Wir vereinbaren eine Zeit und dann treffen wir uns in einem Chat. Besonders die Jüngeren nutzen diesen Weg." Als "jünger" bezeichnen Dechant und Bäumler-Lenz die Kundschaft zwischen geschätzten 30 und 45 Jahren. Die Generation der über 45-Jährigen, die den Großteil der Anrufer ausmacht, bevorzugt noch das persönliche Gespräch am Telefon.

Beratung per E-Mail oder im Chat bietet in der Seelsorge einen weitern Vorteil. Die Hemmschwelle für Hilfesuchende ist damit extrem niedrig. Es ist keine Identifikation möglich. "Man hat nicht einmal mehr eine Stimme." Für die Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge hat die schriftliche Beratung einen großen Vorteil. Es entsteht ein nachhaltiger Dialog. Beide Seiten können auch nach Abschluss der Beratung noch lesen, was besprochen wurde. Die Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes bietet diese Möglichkeit nicht. Auch können vor allem bei E-Mails die Antworten umfangreicher und noch präziser formuliert werden. Die Erfahrung zeigt, dass Mails vor allem in der Nacht geschrieben werden, wenn die Routine des Tages wegbricht und Zeit ist, Gedanken in Worte zu fassen. "Der Kontakt ist länger und intensiver per E-Mail. Man bekommt ein direktes Echo auf die Ratschläge und Hilfsangebote", betont Friedrich Dechant. "Manchmal melden sich Menschen sogar Wochen später noch einmal. Nach einer Therapie oder Denkpause."

Zwischen Anteilnahme und Burn-Out - Musik und Sport als Ausgleich


Auf der Suche nach ZweisamkeitChristian Schumann, Sprecher von joyclub.de, eines Netzwerkes für Erwachsene, kann keine großen Veränderungen feststellen, was die Nutzerzahlen an Weihnachten und den Feiertagen angeht. "Wir haben zwischen 400 und 1000 Neuanmeldungen jeden Tag. An Weihnachten sind da keine Ausreißer feststellbar." Irgendetwas scheint aber doch anders zu sein, zumindest im Verhalten der Nutzer. "Wir können in unseren Foren eine steigende Zahl von besinnlichen und nachdenklichen Beiträgen messen." Laut Schumann beherrschen emotionale Beiträge bereits seit Anfang Dezember manche Bereiche in den Diskussionsforen.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Anne Teigler, Sprecherin bei der Online-Partnervermittlung "eDarling". Eine Umfrage hat dort ergeben, dass rund 58 Prozent der Singlemänner und 76 Prozent der Singlefrauen sich ein traditionelles Fest der Liebe gemeinsam mit einem Partner wünschen. "Gerade in den Wochen vor Weihnachten steigt damit der Druck auf diejenigen, die bislang noch auf der Suche sind. 35 Prozent der Befragten gaben an, in der Weihnachtszeit besonders aktiv nach einem Partner zu suchen.

Dass in der dunklen Jahreszeit das Bedürfnis nach Nähe, Sicherheit und Geborgenheit größer ist als in den Sommermonaten, meinen die Macher von ElitePartner, einer weiteren Online-Partnervermittlung, herausgefunden zu haben. Diesen Effekt bezeichnen die Experten als Wintimacy. Der Begriff setzt sich aus Winter und Intimacy (engl.:Vertrautheit) zusammen. ElitePartner rechnet deswegen nach den Feiertagen mit einer Steigerung der Neuanmeldungen.

Die Telefonseelsorge ist eine Einrichtung des Bistums Regensburg und des evangelischen Dekanats Weiden.

Unter der kostenfreien Rufnummer 0800/1110111 gibt es rund um die Uhr seelsorgerische Beratung. Die Telefonseelsorge empfiehlt, wenn irgend möglich, aus dem Festnetz anzurufen.

Regelmäßig startet ein neuer Ausbildungskurs. Wer sich für die ehrenamtliche Arbeit interessiert, sollte zuhören können und etwa zwanzig Stunden Zeit im Monat für dieses Engagement mitbringen." Dieser stärkere Kontakt hat nicht nur Vorteile. Für die Mitarbeiter ist es wichtig, die Sorgen und Probleme der Ratsuchenden nicht mit nach Hause zu nehmen. "Bei jedem Dienstwechsel besteht die Möglichkeit mit Kollegen das Gehörte zu besprechen. Einmal pro Monat treffen wir uns zusätzlich zu einer Supervision." Die Vorbereitungszeit, bis ein Ehrenamtlicher in die Beratung geht, dauert rund zwei Jahre. Erst nach langer Telefonerfahrung übernehmen die Mitarbeiter dann die E-Mail- und Chat-Beratung. "Es darf, es muss sein, dass die Schicksale der Ratsuchenden berühren. Wenn mich gar nichts bewegt, ist es zu spät. Das ist der Burn-Out." Gertrud Bäumler-Lenz findet in der Musik einen Ausgleich zur Arbeit, andere Mitarbeiter, so berichtet sie, gehen joggen. "Jedem das Seine." Kunden, die sich nicht mehr melden, Kontakte, die einfach abreißen gibt es immer wieder. "Man darf sich nicht fragen, ob man was Falsches gesagt oder gemacht hat. Die Ratsuchenden sind letztlich für sich selbst verantwortlich. Wir können nur einen möglichen Weg aufzeigen."

Täglich mit Problemen konfrontiert zu werden, manchmal das Gefühl zu haben, gegen Windmühlen zu kämpfen oder nichts bewirken zu können - gerade zur Weihnachtszeit, dem Fest der Liebe, wiegen diese Sorgen bei Hilfesuchenden und Beratern schwer. Ob Gertrud Bäumler-Lenz und Friedrich Dechant trotzdem auf Weihnachten freuen? "Ja!"

Linktipps


Informationen über die Telefonseelsorge in Deutschland
Informationen über den Internationalen Verband von Telefonseelsorge
Das Bistum Regensburg im Internet
Das Denakant Weiden stellt sich vor