Die TV-Entertainer haben eine Botschaft für die "Ich-bin-kein-Nazi-aber-...-Idioten"
Joko & Klaas machen den Mund auf

Joko und Klaas. Bild: dpa
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Bayern
27.08.2015
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"Entfolgt uns bei Twitter, entfreundet uns bei Facebook, überzieht uns mit einem Shitstorm. Keine Fernsehquote und kein Shitstorm können jemals so schlimm sein wie der Applaus von Leuten, die auch dann laut klatschen, wenn ein Flüchtlingsboot mit 800 Menschen im Mittelmeer versinkt." Die TV-Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf nehmen in ihrer Videobotschaft kein Blatt vor den Mund.

Mit dem Schlagwort #mundaufmachen sprechen Joko & Klaas die "erbärmlichen Trottel" an, die im Internet gegen Flüchtlinge hetzen. In dem Beitrag, den sie über die Video-Plattform You-Tube verbreiten, geben beide zu, lange diskutiert zu haben, ob es denn überhaupt ihre Aufgabe sei, sich zu äußern. Der offene Hass und die fremdenfeindliche Hetze in den sogenannten sozialen Netzen wie Facebook, Twitter und Co. habe sie allerdings bewegt, es doch zu tun. Die große Reichweite, ihre Bekanntheit sei der ausschlaggebende Grund dafür gewesen. So wie es Anja Reschke in ihrem Kommentar (Link zum Kommentar) zum "Aufstand der Anständigen" forderte: "Dagegen halten, Mund aufmachen, Haltung zeigen".



Die Botschaft ist in einer Deutlichkeit, die man wohl so noch nicht gehört hat. In ihrem rund vier Minuten langen Statement gegen Fremdenhass bezeichnen sie sich sogar selbst als "relativ ungeeignet, die Moralkeule zu schwingen". "Nennt euch wie ihr wollt, Ihr bleibt erbärmliche Trottel, die sich auf Kosten der Ärmsten der Armen profilieren wollen", sprechen sie die Hass-Kommentierer als "Ich-bin-kein-Nazi-aber-...-Idioten" an. Auch wenn sie sich nach eigener Aussage keine Hoffnung machen mit dieser Nachricht die "Hater bekehren zu können", wollen sie ihre Zuschauer nicht im Unklaren lassen, wie sie darüber denken. Und dafür ernten sie im Internet viel Lob.



"Facebook verwechselt, ganz ähnlich wie ihr, Rassismus mit Meinungsfreiheit." Auch für die Kommunikationsplattform, auf der die TV-Entertainer rund 1,7 Millionen Fans (Link zur Fanseite) für ihre Show haben, finden Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf deutliche Worte. Dort würden eher Bilder von Brüsten gesperrt, als der "geistige Dünnpfiff" der Hasskommentatoren. Um das zu untermauern blenden die Entertainer während der Ansprache Kommentare von Nutzern ein, die durchaus strafrechtliche Konsequenzen haben könnten, aber weiterhin abrufbar sind.

Weitere Prominente, die sich einsetzen


Joko Winterscheidt (36) ahnt, was ihm blühen könnte. «Möge es einen Shitstorm gegen mich geben. Mir egal», schreibt der Fernsehmoderator auf Facebook. Dann ruft er dazu auf, eine Flüchtlingsorganisation zu unterstützen. Wim Wenders Produktionsfirma handelte. Sie verteilte vor einer Behörde in Berlin-Moabit mit einem Foodtruck Essen an Flüchtlinge. Immer mehr Menschen kommen nach Deutschland, auf der Flucht vor Krisen, Krieg und Armut. Selten hat ein Thema so viele bewegt. Auch immer mehr Prominente melden sich zu Wort.

Der Musiker Herbert Grönemeyer (59) sagt: «Da müssen wir klar Haltung zeigen und denen, die Flüchtlinge bedrohen oder angreifen, deutlich machen, dass sie gegen eine Wand laufen. Und wenn sie das nicht begreifen wollen, dann müssen sie damit rechnen, dass wir ihnen an die Wäsche gehen.»

Sein Kollege Heinz Rudolf Kunze (58) ruft dazu auf, für die Aktion «Musik hilft» Instrumente zu spenden, die nicht mehr gebraucht werden. Er denkt, dass die Menschen in Not nicht nur Essen und Kleider brauchen. Mögliche Anfeindungen halten ihn nicht ab. «Wer sich bewegt, macht was falsch», sagt er im dpa-Interview. «Am besten bewegt man sich nicht und hält die Klappe. Dann kriegt man auch keinen Shitstorm. Aber sobald man etwas Gutes tut, weht von irgendwoher der Dreckwind. Das ist halt so. Damit muss man leben.»

Besonders lautstark und mit vielen «!!!» bei Facebook machte es Til Schweiger (51), der in einer alten niedersächsischen Kaserne beim Bau eines «Vorzeige-Flüchtlingsheims» helfen will. Vorwürfe, das sei Eigen-PR, wehrte er im ZDF-Interview ab. «Ich bin der erfolgreichste Filmemacher im Land. Was brauche ich denn für eine PR? Das ist so dumpf und stumpfsinnig, das zu sagen.» Er sei auch mal froh, wenn er nicht in der Zeitung stehe. Nach seinem Treffen mit SPD-Chef Sigmar Gabriel zur Flüchtlingsproblematik hat er erneut seiner Wut über anonyme Anfeindungen im Netz freien Lauf gelassen. «Ihr seid so arm....!!!! Anstatt uns bei einer extrem wichtigen Sache zu unterstützen, gießt ihr eure Häme aus...! Schämt euch!!!», schrieb der Schauspieler und «Tatort»-Star auf seiner Facebook-Seite. «Aber ich scheiß auf euch und zieh mein Ding durch!!!! (Link zum Posting)

Fernsehmoderatorin Anja Reschke (42) machte sich in den «Tagesthemen» gegen fremdenfeindlichen Hass stark und bekam Lob, aber auch Beschimpfungen ab. «Da bin ich natürlich jetzt eine wunderbare Projektionsfläche für alle, die wütend sind, nicht klarkommen mit der Situation. Endlich haben sie eine Person, die sie angreifen können», sagte die Chefin des ARD-Politikmagazins «Panorama» dem «Tagesspiegel».

Campino (53) von den Toten Hosen wurde in einem Schweizer Interview deutlich: «Bei offenen Bedrohungen gegen Flüchtlinge muss die Staatsmacht mit aller Härte vorgehen. Wir als Gesellschaft müssen bei dieser Thematik rationaler sein.»

Schauspielerin Natalia Wörner (47) sagt: «Alle Anfeindungen und Beschimpfungen bei uns müssen aufhören. Wir müssen lernen, mit irrationalen Ängsten umzugehen.» Sie reist für ein Projekt des Vereins Kindernothilfe am kommenden Sonntag in den Libanon zu syrischen Flüchtlingsfamilien.
Ihre Kollegen Friederike Kempter (35) und Benno Fürmann (43) engagieren sich bei der UN-Flüchtlingshilfe - wie Hollywoodstar Angelina Jolie. Fürmann sagt: «Flüchtlinge gehören zu uns.» Sie bildeten eine Art Subkultur, von der man nichts mitkriege. Er will helfen, das zu ändern.

In Berlin haben die Kabarettisten Dieter Hallervorden (79) und Eckart von Hirschhausen (47) sowie Fernsehmoderator Jörg Thadeusz (47) eine Willkommensinitiative im eher vornehmen Steglitz-Zehlendorf unterstützt. Eigen-PR sieht deren Geschäftsführer Günther Schulze bei den Promis nicht: «Ich halte alle drei für unverdächtig.» Er ist begeistert, wie viele Leute generell sich engagieren wollen. «Ich würde mir wünschen, dass mehr Politiker mit gutem Beispiel vorangehen.»
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