Dittmar Kania ist nach Verhaftung in Lybien wieder frei
Sea-Eye: Crew macht weiter

Das Schnellboot "Speedy" des Vereins Sea Eye. Bild: bdl
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Bayern
19.09.2016
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Michael Buschheuer, Dittmar Kania und Hans-Peter Buschheuer (von links) wollen ihre Arbeit auf jeden Fall fortsetzen. Schwer trifft sie der Verlust des Schnellboots "Speedy", das vor der libyschen Küste im Einsatz war. Bild: bdl

Dittmar Kania, Crew-Mitglied der Sea-Eye, ist wieder in Deutschland. Zuvor war er dreieinhalb Tage von der libyschen Küstenwache festgehalten worden. Bei einem Einsatz für Sea-Eye zur Rettung von Flüchtlingen hatte ihn die Küstenwache verhaftet. Nun berichtete er davon.

Regensburg. Ein deutsches Militärschiff brachte Kania und seinen Kollegen nach Verhandlungen der Deutschen Botschaft in Sicherheit auf das Mutterschiff "Sea-Eye". Das Schnellboot "Speedy" wird weiterhin von der libyschen Küstenwache beschlagnahmt. Kania ist am Montagvormittag nach Regensburg gekommen, um von seiner Entführung und den Folgen für den Verein Sea-Eye zu berichten.

Zu zweit seien sie am Freitag vor gut einer Woche mit der "Speedy" vor der libyschen Küste unterwegs gewesen, um nach Flüchtlingsbooten in Not Ausschau zu halten, sagte Kania. Dabei seien sie nicht in die Zwölf-Meilen-Zone - libysches Hoheitsgebiet - eingedrungen.

Von Piraten verfolgt?


Plötzlich seien sie von einem kleinen Schnellboot mit hoher Geschwindigkeit verfolgt worden. "Weil wir zuerst an Piraten dachten, haben wir Vollgas gegeben und die Flucht weg von der Küste ergriffen", erzählte Kania. Als sie aber Männer in Uniformen mit hochgehaltenen Maschinenpistolen sahen, hätten sie sofort angehalten. Drei ausschließlich Arabisch sprechende Libyer seien dann auf ihr Boot gekletter. Eine Verständigung sei nicht möglich gewesen. Er selbst sollte auf das libysche Boot umsteigen. Seinen Kollegen, Michael Herbke, habe er dann beim sechsstündigen Verhör bei der Küstenwache wiedergetroffen. Ihnen wurde vorgeworfen, in libysches Gebiet eingedrungen zu sein und auf Warnschüsse nicht reagiert zu haben. Weil sie noch mit dem Leiter der Küstenwache sprechen sollten, mussten sie bleiben. Übernachtet hätten sie im Haus des Kommandanten. Handys und Ausweise hatten sie abgeben müssen. Am nächsten Morgen seien noch weitere Mitglieder der Küstenwache gekommen. Alle waren freundlich: "Wir wurden gut versorgt", sagte Kania. "Angst habe ich nicht gehabt", erklärte Kania auf Nachfrage. Er habe in dem Moment nichts anderes tun können, als sich ruhig zu verhalten.

Weil wir zuerst an Piraten dachten, haben wir Vollgas gegeben und die Flucht weg von der Küste ergriffen.Dittmar Kania, Crew-Mitglied der Sea-Eye

Am nächsten Tag hätten sie dann die Information bekommen, sie würden auf ein deutsches Schiff gebracht. Sie mussten eigentlich noch bis Montagfrüh warten - bis es hieß, das deutsche Marineschiff "Werra" könne nicht mehr warten. "Dann ging alles ganz schnell." Die Küstenwache brachte sie zur "Werra", die Flüchtlingsretter wurden dort aufgenommen und zu ihrer "Sea-Eye" gefahren.

Dass "Werra" in der Nähe war, sei ihr Glück gewesen, sagte Kania. Sonst wären sie wahrscheinlich länger in Gewahrsam genommen worden. Geholfen habe auch der massive Einsatz des deutschen Botschafters in Libyen. Die beiden haben alles zurückbekommen, was sie abgeben mussten, nur "Speedy" nicht. "Das Schiff auf rechtlichem Weg zurückzuholen, wird kaum möglich sein", sagt Kania. Eher seien da diplomatische Kontakte hilfreich. Jemand habe gesagt, es werde drei Wochen dauern, aber das glaube er nicht. Angeblich müsse das ein Gericht in Libyen entscheiden. Er sei aber optimistisch, "weil für die Küstenwache das Schnellboot viel zu klein ist".

Crew ohne Rettungsboot


"Der monetäre Verlust liegt bei 110 000 Euro", sagt Michael Buschheuer, der Gründer und Vorsitzende des Vereins Sea-Eye. Viel größer wiege der Schaden, jetzt keine Rettungsmöglichkeit mehr zu haben. "Wir haben die Crew, aber es fehlt uns das Schiff." Für die Arbeit der Sea-Eye habe dieser Zwischenfall keine Bedeutung. "Die Gefahrenlage hat sich nicht geändert." Durch schwierige Momente würden sie sich nicht abhalten lassen. Das sei grundsätzlich eine relativ ungefährliche Arbeit. Auch Kania möchte weiterhin im Rettungseinsatz sein.

Aktuell sind es 4 074 Menschen, die durch den Einsatz der beiden Schiffe gerettet werden konnten. Die Aufgabe der Crew ist es, Flüchtlingsboote im Meer zu finden, die Menschen mit Rettungswesten und Wasser zu versorgen, sie zu beruhigen und die Boote durch Rettungsinseln zu entlasten. Mit einem SOS-Notruf an die "Seenotleitstelle Mittelmeer" werden Schiffe in der Nähe alarmiert, die die Flüchtlinge aufnehmen.

Das Einsatzgebiet von Sea-Eye ist ein Gebiet 25 Seemeilen vor Tripolis. "Die Flüchtlinge werden von den Schleusern bei Südwind in Gummibooten auf das Meer geschickt", erklärt Buschheuer. Sie hätten keine Chance, das andere Ufer zu erreichen. "Wenn wir sie nicht in unserem Einsatzgebiet finden, sind sie dem Tode geweiht."
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