Edeltraut Schlöger wird 80.
Der Engel der Spätaussiedler

Edeltraut Schlöger (Fünfte von rechts) im Kreise ihrer Freunde und Verwandten. Bild: hia
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Bayern
06.07.2016
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Wenn ein Mensch im Leben vieler Hilfesuchender ungemein wichtig war und ist, dann Edeltraut Schlöger. Im Kreise nicht nur ihrer Familie und Nachbarn, sondern eben dieser Menschen, von denen ihr viele zum Freund geworden sind, feierte sie ihren 80. Geburtstag.

Göppmannsbühl. Schlögers große Leidenschaft ist die russische Sprache. Mit ihr hilft sie seit über 27 Jahren aufopferungsvoll den Spätaussiedlern in der Gemeinde Speichersdorf. Sie weiß schon gar nicht mehr, wie viele Menschen bei ihr angeklopft und um Rat oder Unterstützung gefragt haben. Nicht ein einziges Mal wurde einer abgewiesen.

Schlöger ist am 29. Juni 1936 im polnischen Exin im Kreis Bromberg geboren und ist selbst Heimatvertriebene. Der frühe Ruhestand mit 59 Jahren ermöglichte ihr Engagement. Von der russischen Sprache als Pflichtfach in Berlin-Luckenwalde war sie so begeistert, dass sie später ihre Kenntnis in Bayreuth in der Volkshochschule vertiefte. Sogar über Tschechien hatte sie sich damals eigens Lehrmaterial besorgt, erzählt sie, um sich die Grammatik weiter selbst beizubringen. Diese Leidenschaft sowie ihr mittlerweile 21-jähriger Unruhestand machten sie für viele Aus- und Übersiedler oftmals zum rettenden Engel.

Seit Ende der 80er Jahre übersetzte sie bei Hochzeiten zunächst in Weidenberg, dann im Speichersdorfer Standesamt, in Gerichtsverhandlungen, beim Notar, im Grundbuchamt. Sie übersetzte Kaufverträge, Grundschuldeintragungen, Strafzettel. Sie hat geholfen, aus unsoliden Verträgen herauszukommen. "Was wurden die Neuankömmlinge ausgenutzt", berichtet sie betroffen. "Bei Mietnachzahlungen und Heizkostenabrechnungen wurden sie über das Ohr gehauen." Schlöger weiß schon gar nicht mehr, wieviele Briefe sie verfasst hat, an Botschaften und Ämter, so dass Verwandte nachgeholt werden konnten. "Meine Russischkenntnisse ermöglichten mir so in meinem Alleinsein eine sinnvolle Tätigkeit, mit der ich helfen konnte. Es hat mich ausgefüllt, auch wenn es mir oftmals schlaflose Nächte bereitete", betont sie. Sie hat nicht nur gute Bekannte, sondern auch viele Freunde gewonnen über alle Generationen.

In Exin aufgewachsen


Dabei war für sie es selbst nicht immer einfach: In Exin wuchs sie als älteste von vier Töchtern des Landwirts- und Gärtnerehepaars Wilhelm und Elisabeth Pohl auf. Die Mutter starb im Januar 1944, der Vater geriet in Schottland in Gefangenschaft. "Ich bin mit dem Bewusstsein für Krieg groß geworden." Gegen Kriegsende flüchtete die damals zehnjährige Jubilarin mit ihrer Großmutter und zwei Schwestern in Richtung Westen. Sie landeten in Luckenwalde bei Berlin. Nach dem Nervenzusammenbruch ihrer Großmutter wurden die Schwestern zunächst in einem Waisenhaus untergebracht und später auf Verwandte verteilt. 1947 meldete sich der Vater: Er lebte mit seiner späteren zweiten Frau Margarethe Gebhardt in Göppmannsbühl. 1952 holte Vater Wilhelm Traudl und ihre Schwester Nora schließlich nach. Göppmannsbühl wurde auch für die 16-jährige Edeltraut zur neuen Heimat.

In Bayreuth ging Schlöger auf die höhere Handelsschule. Mit der mittleren Reife fand sie als kaufmännische Angestellte bei Rosenthal in der damaligen Hauptverwaltung in Marktredwitz Arbeit. Hier wohnte auch ihr späterer Mann Heiner Schlöger. Mit 26 Jahren, am 23. Dezember 1962, gaben sie sich in der Sankt Johannis-Kirche Jawort. Aus der Ehe gingen die Töchter Jutta (1964) und Elisabeth (1967) hervor. Leider starb ihr Mann Heiner nach langer schwerer Krankheit viel zu früh (1994).

Reisen und Nähen


Wenn neben ihrem Engagement für die Aus- und Übersiedler noch Zeit bleibt, engagiert sie sich beim Obst- und Gartenbauverein, den sie vor 46 Jahren mitgegründet und 20 Jahre als Vorsitzende geleitet hat. Auch reiste sie gern, war schon am Baikalsee und in Ushuala, einer der südlichsten Städte der Erde nahe Feuerland. Mit dabei ist Schlöger beim monatlichen Treff der Literaturgruppe und des Frauenkreises in Wirbenz, ferner ist sie Mitglied bei der Ortsgruppe des Fichtelgebirgsvereins und der Diakonie. Zwischendurch näht sie gerne, was sie im Waisenhaus und von ihrer Stiefmutter gelernt hat.

Neben den Töchtern und Schwestern, Enkel Anton, den Neffen Reinhardt und Werner gratulierten zum Jubeltag und Tage danach viele Freunde persönlich oder per Telefon, darunter auch Pfarrer Dirk Grafe und Bürgermeister Manfred Porsch.
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