Ein Auto zum Kneten

Die neun Schüler haben noch viel Arbeit vor sich, damit der TT und die Radkästen des Q 7 zu einer "Offroad-Einheit" werden. Die Pläne dazu hängen schon an der Wand. Unterstützung bekommen sie von ihrem Lehrer Jürgen Heinl (Fünfter von links). Bilder: hfz
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Bayern
12.11.2015
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Viel Fingerspitzengefühl zeigt Luisa Sommer aus Münchenreuth (Kreis Tirschenreuth) beim Setzen der schwarzen Tapes.

Für den Audi hatte die Fachschule für Produktdesign eigentlich überhaupt keinen Platz. Zu eng ist es in der Weißenbacher Straße 60 in Selb. Nun hat die Einrichtung aber doch eine Garage gefunden. Dort verpassen die Schüler dem Wagen eine neue Form.

Passenderweise hat die Schule den Audi TT in einem ehemaligen Gebäude des Autohauses König geparkt. Allerdings fehlt dem Wagen dann doch so ziemlich alles. Er hat keinen Motor, keine Elektronik und kein Interieur. Aber das brauchen die Schüler auch nicht. Sie interessieren sich nur für das Außendesign des Autos. Genauer gesagt: für die Radkästen.

Plastilin zum Modellieren

Audi hat der Fachschule ein original 1:1-Modell des TT aus Industrial Design Clay zur Verfügung gestellt. Dies ist eine Masse aus Wachs, Öl, Füllstoffen sowie Pigmenten und ähnelt der Schulknete. Seit den 1980er Jahren verwendet die Industrie dieses Plastilin zum Modellieren von Autos. Früher benutzte sie Gips.

Clay bietet eine leicht zu bearbeitende Oberfläche, die dennoch relativ hart und standhaft ist. Mit speziellen Werkzeugen, viele stammen aus der Keramikindustrie, gestalten Experten so die Karosseriefläche. Der Vorteil des Materials ist, dass man es immer wieder auf- und abtragen kann.

Ziel: ein Offroad-TT

Und damit beschäftigen sich auch die Schüler in Selb. "Wir suchen Design-Lösungen für einen Offroad-TT. Daher stammen die Radkästen auch von einem Q 7", erklärt Jürgen Heinl. Der Fachoberlehrer ist total begeistert von der Möglichkeit, an einem 1:1-Modell zu arbeiten. "Das hat es noch nie gegeben. Das ist für uns alle eine riesige Herausforderung. Damit setzen wir als Schule eine Duftmarke." Denn eigentlich sei so etwas nur direkt bei den Automobilherstellern möglich.

An dem Wagen aus Ingolstadt arbeiten seit September neun Abschlussschüler. Bis Februar haben sie wöchentlich 21 Schulstunden zur Verfügung, um die Radkästen möglichst fließend mit den angrenzenden Teilen zu verbinden. Das Fach nennt sich Produktgestaltung.

Dabei lernen die jungen Leute zum einen, wie sie auf dem Clay Tapes setzen, um die Flächen abzugrenzen. Zum anderen müssen sie mit Ziehklingen aus Federstahl die Formen ausarbeiten. Laut Heinl gibt es aber ein noch wichtigeres Werkzeug: "Die Qualität einer Fläche lässt sich am besten mit der bloßen Hand erfühlen." Hinzu komme, dass die Schüler durch diesen Unterricht Teamarbeit zu schätzen lernen. Darauf lege seine Einrichtung ein Hauptaugenmerk.

Zum Schluss müsse bei dem Audi-Modell alles stimmig aussehen. "Was zählt ist der Übergang vom Radkasten zur Body Side." Die Entwürfe dazu haben auch die Schüler gezeichnet. Sie hängen an der Wand neben dem TT. Zur Unterstützung schickt Audi immer wieder einen Modelleur und einen Designer nach Selb. Schließlich sind alle deutschen Automobilhersteller auf der Suche nach Talenten.

Somit profitieren beide Seiten von dem Austausch. Denn Heinl hat festgestellt, dass sich die Sicht seiner Zöglinge auch verändert hat: "Vorher haben sie sich für Autodesign nicht so sehr interessiert. Nun ist aber der Knoten aufgegangen. Sie sind mit Feuereifer dabei."

Ausstellung geplant

Ihre Idee des künftigen Audi-Modells stellen die neun jungen Leute Mitte Juli 2016 bei einer Abschlussausstellung vor. Der Wagen parkt dann im Factory-In (ehemalige Ofenhalle von Porzellan Heinrich) in Selb und kann dort neben anderen Arbeiten bewundert werden.

Bilder: Privat

Fachschule für Produktdesign und Kurse für Clay-Modelling

Die Fachschule für Produktdesign in Selb ist weltweit einzigartig. Die Einrichtung besteht seit 1909 und war bis Anfang der 90er Jahre zentrale Ausbildungsstätte für die Porzellanindustrie. Nur hier wird das Clay-Modelling vermittelt. "Durch das 1:1-Modell von Audi ist unsere Ausbildung noch eine Qualitätsstufe höher", schwärmt Fachoberlehrer Jürgen Heinl.

Die Schule bildet zum staatlich geprüften Produktdesigner aus und qualifiziert ihre Absolventen für designorientierte Wirtschaftsunternehmen. Laut Heinl ist die Ausbildung mit der eines Meisters oder Technikers vergleichbar. "Wir schauen vor allem auf die handwerklichen Sachen." Vom Entwurf bis zum fertigen Modell wird alles gelehrt.

Die Kernfächer sind Modelltechnik, CAD, Dekortechnik, Grafikdesign, Zeichnen und Malen. Viel Fingerspitzengefühl, räumliches Vorstellungsvermögen, handwerkliches Geschick und Kreativität sind Voraussetzung, um im Beruf des Modelleurs Fuß fassen zu können.

Wer Clay-Modelling ausprobieren möchte, kann an einem Kurs von Heinl teilnehmen. Er bietet 2016 zwei Workshops an. Der erste ist am 11. und 12. Juni in Landshut (VHS), der zweite am 29. und 30. Juli in Waldsassen (Kultur- und Begegnungszentrum). Nähere Informationen und Anmeldung unter Telefon 0151/17341317.
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