Fahrdienstleiter muss wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung vor Gericht
ad Aibling: Anklage erhoben

Fünf Monate nach dem verheerenden Zugunglück erhebt die Staatsanwaltschaft nun Anklage gegen den Fahrdienstleiter von Bad Aibling. Bild: dpa
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Bayern
19.07.2016
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Ein Fahrdienstleiter der Bahn spielt auf dem Handy, statt sich um den Zugverkehr zu kümmern. Er wird abgelenkt, zwei Züge rasen frontal aufeinander zu. 12 Menschen sterben, fast 90 werden verletzt. Jetzt liegt die Anklage vor. Der Prozess könnte im Herbst beginnen.

Bad Aibling. Gut fünf Monate nach dem Frontalzusammenstoß zweier Meridian-Züge auf eingleisiger Strecke bei Bad Aibling hat die Staatsanwaltschaft Traunstein Anklage erhoben. Sie wirft dem Mitarbeiter der Deutschen Bahn fahrlässige Tötung in 12 Fällen und fahrlässige Körperverletzung in 89 Fällen vor. Es war eines der schwersten Zugunglücke der Nachkriegsgeschichte.

Ablenkung Handy


Es bestehe der Verdacht, "dass der Fahrdienstleiter entgegen einem bestehenden Verbot im Dienst bis unmittelbar vor der Kollision der Züge durch die Nutzung eines Online-Computerspiels abgelenkt war", teilten die Ermittler am Montag mit. Daher sei der Mann von falschen Annahmen ausgegangen, was den Kreuzungsverkehr der Züge betrifft.

Der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese hatte schon wenige Tage nach dem Unfall über den Fahrdienstleiter (damals 39) gesagt: "Hätte er sich regelgemäß, also pflichtgerecht, verhalten, wäre es nicht zum Zusammenstoß gekommen." Und Oberstaatsanwalt Jürgen Branz ergänzte: "Was wir momentan haben, ist ein furchtbares Einzelversagen."

Die Zahl der Opfer wäre womöglich noch deutlich höher gewesen, wenn nicht an jenem Unglückstag, dem Faschingsdienstag, Ferien in Bayern gewesen wären. An Schultagen sitzen in den Zügen morgens viele Kinder und Jugendliche. Bad Aibling ist Sitz mehrerer Schulen.

Der Fahrdienstleiter sitzt seit April in Untersuchungshaft. Nachdem die Ermittler anfangs lediglich von einem Signalfehler und der falschen Bedienung des Notrufes ausgegangen waren, blieb der Mann auf freiem Fuß. Erst nach Vorliegen der Smartphone-Daten unmittelbar vor dem Unfall, erließ der Ermittlungsrichter Haftbefehl.

Keine technischen Defekte


Ein technischer Defekt konnte nicht festgestellt werden, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte: "Die Überprüfung der bahntechnischen Anlagen an der Unfallstrecke und im Stellwerk einschließlich der Funktechnik durch mehrere technische Sachverständige ergab keine Anhaltspunkte für technische Mängel als Unfallursache."

Das Landgericht Traunstein muss nun prüfen, ob es die Anklage zulässt. Die Vorbereitungszeit wird auf drei bis vier Monate geschätzt. Der Prozess könnte noch in diesem Jahr beginnen. Die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung beträgt fünf Jahre.

HintergrundBei der Deutschen Bahn arbeiten mehr als 13 000 Fahrdienstleiter, die täglich mehr als 40 000 Züge quer durch Deutschland steuern. Auf dem 34 000 Kilometer umfassenden Schienennetz werden dafür rund 3000 Stellwerke genutzt, wo die Stellwerker Signale und Weichen per Hebel, Tasten oder Mausklick kontrollieren.

Grob gesagt gibt es vier Arten von Stellwerken. Für die Unglücksstrecke bei Bad Aibling ist ein sogenanntes Relaisstellwerk zuständig, wo die Gleispläne der Bahnhöfe und der angrenzenden Streckenabschnitte schematisch auf Stelltischen abgebildet sind. Die Gleise werden überwiegend automatisch frei gemeldet, der Fahrdienstleiter kann aber manuell eingreifen.

Die Ausbildung zum Fahrdienstleiter dauert in der Regel drei Jahre, kann aber je nach Qualifikation auf zwei Jahre verkürzt werden. Das Brutto-Jahres-Einstiegsgehalt liegt bei 31 500 Euro und kann je nach Berufsjahren, Komplexität des Arbeitsplatzes sowie Zulagen etwa für Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit auf 47 000 Euro steigen. Die Arbeitsbelastung eines Stellwerkers gilt als groß. (dpa)
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