Fahrdienstleiter spielte in Bad Aibling am Computer
Wenn aus Mitleid Wut wird

Elf Menschen starben beim Zugunglück in Bad Aibling. Archivbild: dpa
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Bayern
13.04.2016
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Bad Aibling . Zwei Monate nach dem schrecklichen Zugunglück von Bad Aibling mit elf Toten steht der beschuldigte Fahrdienstleiter plötzlich in einem ganz anderen Licht da. Während dem 39-Jährigen bisher viel Verständnis entgegengebracht wurde, obwohl er ein falsches Signal gab, löst eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft nun Kopfschütteln aus.

Der Bahnbedienstete spielte unmittelbar vor der Katastrophe auf seinem Handy Computerspiele, wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag einer staunenden Öffentlichkeit mitteilte. Der Mann sitzt nun in Untersuchungshaft. Es ist kaum vorstellbar, was in den Köpfen der Hinterbliebenen der elf getöteten Männer und der 85 teils schwer verletzten Zuginsassen nun vorgeht. Ein für die Sicherheit auf der eingleisigen Strecke zuständiger Bahnmitarbeiter schaltet unter Missachtung der Vorschriften sein Smartphone ein - und spielt Online-Spiele. "Es muss aufgrund des engen zeitlichen Zusammenhangs davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte dadurch von der Regelung des Kreuzungsverkehrs der Züge abgelenkt war", erklärt die Staatsanwaltschaft.

Von der Bahn abgeschirmt


Auf Mitleid darf der Fahrdienstleiter mit beinahe 20-jähriger Berufserfahrung nun nicht mehr hoffen. Bahnmanager berichteten noch vor kurzem, Hinterbliebene hätten ihnen geschrieben, dass ihnen bei aller Trauer um ihre Liebsten auch der Mitarbeiter leid tue. Die Deutsche Bahn (DB) sorgte dafür, dass sich der 39-Jährige abgeschirmt von der Öffentlichkeit auf die Anklage gegen ihn und den Prozess vorbereiten kann. Nun hat er in der Untersuchungshaft Gelegenheit dazu.

Die Staatsanwaltschaft wird sich fragen lassen müssen, warum dieses erschütternde Detail der Ermittlungen erst jetzt bekannt wurde. Nur wenige Tage nach dem Unglück vom 9. Februar hatte sie mitgeteilt, dass sich der Beschuldigte im Beisein seines Anwaltes ausführlich zu den Vorwürfen geäußert habe. Das Spiel mit dem Computer am Smartphone verschwieg er offensichtlich. Vielleicht wurde er auch nicht danach gefragt.

Ohnedies nahm der Druck der Politik auf die Ermittler zu. Vor zwei Wochen platzte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit der Nachricht heraus, dass der Fahrdienstleiter nach Bemerken seines verhängnisvollen Signalfehlers auch noch die falschen Tasten beim Abschicken der Notrufe drückte. Statt die Lokführer der beiden aufeinander zurasenden Züge zu warnen, ging der Alarm bei den Fahrdienstleitern der Umgebung und in der Zentrale ein. Die Katastrophe war nicht mehr zu stoppen.

Bis zu fünf Jahre


Sollten sich die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft im Prozess bewahrheiten, muss der Fahrdienstleiter mit einer hohen Strafe rechnen. Die Anklagebehörde spricht schon jetzt nicht mehr nur von einem augenblickliches Versagen, sondern von einer "erheblich schwerer ins Gewicht fallenden Pflichtverletzung". Die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung beträgt fünf Jahre. Und auch zivilrechtlich dürften auf den 39-Jährigen beziehungsweise die DB nach Bekanntwerden des vorschriftswidrigen Computerspielens im Dienst erhebliche Forderungen zukommen.
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Johann Strasser aus Winklarn | 13.04.2016 | 08:24  
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