Familiendrama in Rosenheim
Verwahrlost und eingesperrt

Bei der Zwangsräumung einer heruntergekommenen Wohnung hat sich die Inhaberin im Treppenhaus in die Tiefe gestürzt. In der Wohnung entdeckten die Polizisten eine verwahrloste, geistig behinderte Frau. Bild: dpa
Vermischtes BY
Bayern
20.04.2016
58
0

Als der Gerichtsvollzieher wegen einer Zwangsräumung kommt, stürzt sich eine 54-Jährige im Treppenhaus in die Tiefe. Doch erst danach offenbart sich das ganze Ausmaß des Dramas: Die Frau hat ihre geistig behinderte Tochter wohl jahrelang eingesperrt.

Rosenheim. Es ist nicht die beste Wohngegend in Rosenheim, doch die Häuser am nördlichen Stadtrand sind gepflegt, wurden erst vor wenigen Jahren modernisiert. Zwischen zwei Wohnblöcken liegt ein kleineres, zweistöckiges Acht-Parteien-Haus. In einer der beiden Dachgeschosswohnungen dort hat die Polizei am Dienstag eher zufällig eine schreckliche Entdeckung gemacht: Eine Mutter hat ihre geistig behinderte Tochter jahrelang in völlig verwahrlostem Zustand in einem kleinen Zimmer eingesperrt.

"Wie konnte ich das wissen", sagt die Nachbarin der 54-Jährigen, die in der Mansardenwohnung nebenan lebt. "Sie wollte sich ja nicht helfen lassen." Vor allem nachts habe die Tochter öfter geschrien und gegen die Wände der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung getreten, "aber keiner hat geöffnet, wenn ich geläutet habe".

Seit die heute 26-Jährige vor fünf Jahren eine Schule für geistig Behinderte verlassen habe, sei sie Tag und Nacht in der Wohnung gewesen, schildert die erschütterte Nachbarin. "Nur einmal im letzten Jahr durfte sie kurz raus. Wenn man sie gesehen hat, hätte man nicht geglaubt, dass etwas nicht in Ordnung ist."

Angeblich Umzug geplant


Neben der 54-Jährigen und ihrer Tochter lebt in der Wohnung ein weiterer Sohn. Der etwa 15-Jährige besucht ein Gymnasium, wie die Nachbarin sagt. Angeblich war ein Umzug in eine größere Wohnung geplant, "damit (er) ein eigenes Zimmer zum Hausaufgabenmachen hat". Der Vater der 26-Jährigen soll gestorben sein, sagt die Nachbarin, der Jugendliche habe einen anderen Vater.

Anscheinend konnte die Mutter die Miete nicht zahlen. Als der Gerichtsvollzieher eine behördlich angeordnete Zwangsräumung vollziehen will, springt die 54-Jährige vom zweiten Stock in die Tiefe. Ein Polizeisprecher vermutet, dass sich die Frau in einer für sie ausweglosen Situation befand und umbringen wollte: "Sie ist in einem kritischen Zustand, aber nicht in Lebensgefahr." Vernehmungsfähig sei sie nicht.

Als Polizisten die Wohnung betreten, finden sie völlig verwahrloste Räume vor. Ein Zimmer ist abgesperrt. Sie brechen die Tür auf und finden die junge Frau "in psychischem Ausnahmezustand", wie der Sprecher es nennt. "Sie war auf den ersten Blick verwahrlost und nicht auf dem geistigen Stand einer 26-Jährigen. Das Zimmer war in einem sehr unhygienischen Zustand." Womöglich durfte die Frau nicht einmal auf die Toilette gehen. Sie wird in eine Nervenklinik gebracht.

Jetzt, da die möglicherweise jahrelange Freiheitsentziehung der jungen Frau aufgeflogen ist, macht sich die Nachbarin Gedanken, ob sie hätte einschreiten sollen. "Ich wollte schon etwas melden, aber dann habe ich mir gedacht, das Kind hat doch eine Mutter und einen Bruder." Murat Hylai (33), der in der Siedlung wohnt, empört sich. "Das ist eine Frechheit", sagt der vierfache Familienvater. "Dass so etwas heute noch passiert, ist unmenschlich und geht gar nicht." Waltraut Gelner (67), ebenfalls aus der Nachbarschaft, ergänzt: "Es ist erschreckend, dass man so etwas nicht weiß. Es macht mir Angst."

Ermittlungen schwierig


Die Polizei steht erst am Anfang ihrer Ermittlungen. Sie will nicht sagen, ob womöglich ein behördliches Versagen vorliegt. Die 26-Jährige wird der Polizei kaum helfen können. "Eine Kommunikation mir ihr ist sehr, sehr schwierig", so der Polizeisprecher.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.