Festakt zu 500 Jahre Reinheitsgebot
Gefeiertes Gesetz

Prost! Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) feiert das 500. Jubiläum des Reinheitsgebotes. Bild: dpa
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Bayern
23.04.2016
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Überraschung ist die Differenz aus Erwartung und Wirklichkeit. Nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel ist einigermaßen verblüfft von dieser Veranstaltung in Ingolstadt.

Ingolstadt. Da feiert der Deutsche Brauerbund das 500-jährige Bestehen des Bayerischen Reinheitsgebotes für Bier und außer einem weiß-blauen Tücherhimmel an der Decke des Festzelts und den Brezen auf den Tischen erinnert rein gar nichts an bajuwarische Bierseligkeit. Nicht einmal Ilse Aigner ist im Dirndl erschienen. Auf der Speisekarte stehen Cous-Cous-Salat, Tortilla-Wraps und Iberico-Schweinerücken auf Portweinglace, und statt Blasmusik gibt das Georgische Kammerorchester Ingolstadt Mozart und Bach. Da meint selbst Merkel etwas irritiert, dass sie eher "landestypische Musik" erwartet hätte.

Seehofer weg, Merkel da


Dass die Wirtschaftsministerin Aigner die Begrüßung im Namen der Staatsregierung hält, ist noch so eine Überraschung. Für Regierungschef Horst Seehofer wäre der Auftritt in seiner Heimatstadt ein Heimspiel gewesen, zudem hat er auch schon unbedeutenderen Jubiläen seien Ehre erwiesen. Doch Seehofer lässt sich entschuldigen, er muss zur Sonderkonferenz der Ministerpräsidenten nach Berlin. Seehofers Ab- und Merkels Zusage, das hatte für Spekulationen über das angespannte Verhältnis zwischen den beiden gesorgt. Man kann es durchaus als Spitze Merkels gegen Seehofer werten, als sie ihr Kommen trotz Terminfülle so begründet: "Es geht gar nicht anders, als dass ich an diesem kulturellen Ereignis teilnehme."

Dessen Bedeutung fasst Hans-Georg Eils, der Präsident des Deutschen Brauerbundes, in den schönen Satz, dass man ein 500-jähriges Jubiläum ja nicht alle Tage feiere. Normalerweise seien Gesetze und Gebote hierzulande nicht sonderlich beliebt, doch zum Reinheitsgebot stünden über 85 Prozent der Deutschen. "Soviel Zuspruch aus dem Volk bekommen Sie heute nicht einmal für eine Steuersenkung", wendet sich Eils an Merkel. Die zeigt sich beeindruckt. Das müsse ein Gesetzgeber erst einmal schaffen, dass ein Gesetz auch nach 500 Jahren noch im Kern gelte - und das auch noch gefeiert werde.

Überhaupt ist Merkel gut drauf. Sie zitiert den Reichskanzler Otto von Bismarck, der sich über das "Grundbedürfnis der Menschen" beklagt hatte, "beim Biere schlecht über die Politiker zu reden". Das habe sich bis heute gehalten, meint Merkel, um süffisant anzufügen, "außer es geht um die bayerische Staatsregierung".

100 Liter am Tag trinken


Neben launigen Worten hat Merkel aber auch einige politische Botschaften dabei. Sie wirbt für das Freihandelsabkommen TTIP, das die Absatzchancen für deutsche Bierbrauer in den USA erhöhen könne, und lässt die Naturschützer vor dem Zelt abblitzen, die vor Glyphosat im Bier warnen.

"Da müsste man schon 100 Liter am Tag trinken, bevor es bedenkenswert würde", rechnet die Physikerin Merkel vor. Bei dieser Menge Bier würden sich vorher aber schon "andere gesundheitsbeeinträchtigende Wirkungen" einstellen.

Man feiere den "runden Geburtstag eines unerreichten Erfolgsrezepts", würdigt Ilse Aigner das Reinheitsgebot und ergänzt, Brauen sei eine "bayerische Kernkompetenz". "Bier berührt die Seele unseres Landes, es ist mehr als ein Lebensmittel, es ist ein Lebensgefühl", sagt sie.

Darauf und auf die große Vielfalt an Bieren und Brauereien in Bayern würde sie gerne anstoßen, "aber ich habe jetzt gerade kein Bier dabei", steht sie trocken am Rednerpult. Merkel hat da besser vorgesorgt. Vielleicht auch deshalb darf sie sich am Ende ihres Grußwortes stehender Ovationen erfreuen. Mag sein, dass Seehofer genau das nicht erleben wollte und lieber den Termin in Berlin vorgezogen hat. Dort treffen sich beide dann am Nachmittag, ganz ohne Mozart und Portweinglace.

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Mehr dazu im Internet:

www.onetz.de/tagdesbieres2016

Dosenbier zunehmend beliebterDie Deutschen kaufen zunehmend Bier in Dosen. Der Absatz wächst kontinuierlich und stieg 2015 um 29 Prozent auf 263 Millionen Liter, wie Marcus Strobl vom Marktforschungsunternehmen Nielsen am Freitag sagte.

"Der Erfolg der 0,5-Liter-Dose wird maßgeblich über die Discounter getrieben", erklärte Strobl. "Wir beobachten, dass viele Jüngere die Dose zunehmend bevorzugen. Das liegt auch daran, dass ihnen diese durch Energy-Drinks bekannt ist." Für die Brauereien seien Dosen außerdem logistisch einfacher zu handhaben. Insgesamt kauften die Deutschen laut Nielsen 2015 6,1 Milliarden Liter Bier.

Zuwächse hätten Helle sowie Spezialitäten wie Keller-, Land-, oder Festbiere sowie alkoholfreies Bier. Lieblingsbier der Deutschen bleibe aber das Pils: Sein Absatz stieg um 1,4 Prozent auf 3,2 Milliarden Liter. (dpa)
Es geht gar nicht anders, als dass ich an diesem kulturellen Ereignis teilnehme.Bundeskanzlerin Angela Merkel
1 Kommentar
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Gerald Schmid aus Mitterteich | 23.04.2016 | 13:20  
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