Grenzzaun-Halbe flutet die Medien
Schlechter Herrenwitz in Bierlaune

Alles Zufall? Haltbarkeitsdatum: 9.11., das Datum des Novemberpogroms. Der Preis, 88 Cent, als Symbolzahl der Nazis für den 8. Buchstaben im Alphabet, HH für Heil Hitler. Bild: Armin Forster/Kollage: Herda
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Bayern
22.03.2016
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Die Grenzzaun-Halbe im Design der 30er-Jahre überlebte keine 1000 Tage - nach einer Woche nahm die niederbayerische Brauerei das Gebräu vom Markt.

Straubing. Ein schlechter Herrenwitz in Bierlaune löst einen Medien-Tsunami aus: Frank Sillner, Geschäftsführer der Straubinger Brauerei Röhrl, verflucht inzwischen das Feierabendbier, bei dem die Idee zum bayerisch-völkischen Bier entstand. Ein Schelm, der bei einer braunen Flasche Böses denkt. Aber was kann man missverstehen, wenn dazu
  • in Frakturschrift Grenzzaun-Halbe, das Doppel-zz dem Schriftzug SS ähnlich,
  • als Verfallsdatum der 9. November, wie Reichspogromnacht, prangt
  • und die Flasche 88 Cent kostet, ein Code, der Neonazi-Shirts ziert - zweimal der achte Buchstabe im Alphabet für Heil Hitler?

Die Welle der Empörung über diese "Interpretationen und Missverständnisse" hat Sillner am falschen Fuß erwischt. Ursprünglich wollte er die Charge von 200 Hektolitern abverkaufen - das Bier habe reißenden Absatz gefunden, große Supermarktketten hätten angefragt. Inzwischen hat er die Segel gestrichen, die Kommunikation in die Hände des PR-Krisenmanagers Dietrich von Gumppenberg gelegt und sich per Pressemitteilung entschuldigt: "Mit unserem Bier haben wir Gefühle verletzt."

Der 74-jährige ehemalige FDP-Landtagsabgeordnete hat schon manche Schlacht für bedrängte Unternehmen geschlagen - etwa als Lidl wegen der Personalüberwachungsaffäre in die Schlagzeilen geriet. "So ein ungeheurer Sog kann erhebliche wirtschaftliche Folgen haben." Das Studentenwerk Niederbayern-Oberpfalz, das mit Röhrl einen Exklusivvertrag hat, erwägt zu kündigen. "Das wäre sehr schmerzhaft."

Marketing-Gag


Man sei derzeit bemüht, die Fragen aus dem studentischen Bereich zu beantworten, sagt der Kommunikator. "Keiner hat auch nur am Rande darüber nachgedacht, was da passieren kann." Ein Marketing-Gag sollte es werden, "sicher ein missglückter". "Man weiß doch, wie das ist", sagt der Alt-Politiker, "ursprünglich sollte das Bier Bayern-Halbe heißen, was aus namensrechtlichen Gründen nicht ging." Man habe kreativ herumgesponnen, und sei auf Grenzzaun-Halbe gekommen, ohne alle Konsequenzen zu bedenken.

Schwer vorstellbar, dass alle Daten zufällig mit der NS-Zeit in Verbindung stehen. So sei es aber, betont der Gründer der PR-Agentur wbpr Gesellschaft für Public Relations und Marketing mbH mit Sitz in Unterföhring, "ein 100-prozentiger Zufall." Eine Verkettung unglücklicher Umstände, folgert der Landshuter, der mit seinem Auftraggeber die niederbayerische Heimat gemeinsam hat.

Apropos Heimat: Unbestritten ist, dass der Geschäftsführer mit der provokanten Aufmachung ein politisches Statement setzen wollte: Auf Facebook postete er, die Grenzzaun-Halbe habe den Denkanstoß für die Schließung der Balkanroute gegeben. Und am Etikett steht zu lesen: "Beschützen - Verteidigen - Bewahren: Toleranz, Trachtengewand, Loyalität" bis "Mia samma mia". Das alles seien auch schützenswerte Werte, nicht nur Leib und Leben der Flüchtlinge.

Dietrich von Gumppenbergs Stimme klingt geschmerzt, wenn er versucht, solche Statements aus dem rechten Licht zu rücken: "Herr Sillner ist nicht apolitisch, aber bestimmt nicht einschlägig aktiv." Er habe Flüchtlinge unterstützt, "relativ selbstlos, nah am Selbstkostenpreis". Die 30 Angestellten seien über den Sturm der Entrüstung "erschrocken", aber sie stünden loyal zur Firma.

Ritt auf Wutbürgerwelle


Die Hoffnung aller Beteiligten: Schadensbegrenzung. "Die Brauerei Röhrl ist ein mittelständisches Unternehmen, das Bier braut und verkauft", ist die Botschaft. Der Versuch, ein wenig auf der Wutbürgerwelle zu surfen, ist gescheitert. Man könne sich eine Geste der Wiedergutmachung vorstellen. "Aber das ohne Öffentlichkeit", sagt der Berater. "Alles andere wäre schlechter Stil."
2 Kommentare
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Un Person aus Postbauer-Heng | 22.03.2016 | 21:29  
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Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 23.03.2016 | 15:19  
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