Hebamme wegen mehrfachen Mordversuchs vor Gericht
Grauen im Kreissaal

Die angeklagte Hebamme soll Frauen bei Kaiserschnitt-Geburten Blutverdünner gegeben haben. Die Patientinnen überlebten nur knapp. Bild: dpa
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Bayern
26.01.2016
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Als Hebamme sollte sie Kindern ins Leben helfen - versuchte sie stattdessen, Müttern das Leben zu nehmen? Eine Hebamme steht wegen mehrfachen Mordversuchs vor dem Münchener Schwurgericht. Die Vorwürfe klingen unglaublich.

München. Sie wäre bei der Geburt ihres Kindes beinahe gestorben. Nach dem Kaiserschnitt traten Blutungen auf, die die Ärzte nicht stillen konnten. Über Tage musste sie 2012 immer wieder operiert werden. 44 Transfusionen waren nötig, um ihr Leben zu retten. Sie kann seither keine Kinder mehr bekommen.

Sieben Frauen geschädigt


Am Dienstag sitzt sie im Landgericht München der Frau gegenüber, die für ihr Martyrium verantwortlich sein soll - und die ihr doch eigentlich helfen sollte. Ihre Hebamme soll versucht haben, sie bei der Geburt ihres Kindes zu töten - so wie sechs weitere Frauen in Bad Soden und am Münchener Klinikum Großhadern.

Das, was die Staatsanwaltschaft der Hebamme (34) vorwirft, klingt unglaublich: Die gebürtige Gießenerin, die ihre Ausbildung an der Hebammen-Schule in Kiel als eine der Besten abschnitt, soll Frauen vor Kaiserschnitt-Geburten heimlich Heparin verabreicht haben - ein Mittel, das die Blutgerinnung hemmt. Die Patientinnen wären ohne Not-Operationen verblutet. In Bad Soden soll sie den Wirkstoff Misoprostol verabreicht haben, ein Mittel, das bei Abtreibungen eingesetzt wird und heftige Kontraktionen der Gebärmutter auslöst. Mutter und Kind waren in Lebensgefahr, ein Kaiserschnitt musste eingeleitet werden.

Die Frau, der all das vorgeworfen wird, ist unscheinbar. Als Motiv vermutet die Staatsanwaltschaft eine "Aufwertung ihres Selbstwertgefühls" und eine "insgeheime Demonstration einer Überlegenheit".

Die schwangeren Frauen waren offenbar Zufallsopfer. Der Hebamme sei "die Person der jeweils betroffenen Patientin gleichgültig" gewesen, erklärt die Staatsanwaltschaft beim Prozessauftakt. Auch habe sie kaum Einfluss darauf gehabt, "welche Patientin durch ihr schädigendes Verhalten betroffen sein würde".

Schweigen zu Vorwürfen


Die Angeklagte schweigt sich am Dienstag zu den Vorwürfen aus. Das kennt die Staatsanwaltschaft. In Bad Soden, wo sie laut Anklage versucht haben soll, drei Frauen zu töten, konnte ihr nichts nachgewiesen werden. Es kam zu einem Arbeitsgerichts-Prozess und zu einem Vergleich. Das Krankenhaus warnte allerdings inoffiziell die Kollegen in Großhadern, wo die Frau danach einen Job antrat. Als sich auch dort die Verdachtsfälle häuften und in einer Infusion bei einem Kaiserschnitt tatsächlich Heparin nachgewiesen wurde, erstattete das Klinikum Anzeige.

Morde in Krankenhäusern2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt einen Krankenpfleger wegen des Todes von fünf Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft. Der Mann hatte gestanden, 30 Patienten mit einem Herzmedikament getötet zu haben, es gibt mehr als 200 Verdachtsfälle.

2010: Wegen mehrfachen Mordes mit zu hoch dosiertem Insulin verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester (33) zu lebenslanger Haft.

2007: Wegen fünffachen Mordes wird eine Ex-Krankenschwester (55) der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Frau tötete ihre Opfer mit Medikamenten.

2006: Der "Todespfleger" von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis, weil er 28 Klinikpatienten zu Tode gespritzt hatte. (dpa)
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