Hochwasser in Simbach und Triftern
Der Untergang

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Bayern
03.06.2016
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Häuser liegen in Trümmern, Autos stecken verkehrt herum im Schlamm - am Tag nach dem verheerenden Hochwasser wird in Simbach am Inn und Triftern das Ausmaß der Hochwasserkatastrophe deutlich. Und es herrscht die bange Frage: Gibt es weitere Tote?

Simbach/Triftern. Eine Region steht unter Schock. Mindestens fünf Tote hat die Hochwasserkatastrophe in Niederbayern gefordert - allein vier im 10 000 Einwohner zählenden Städtchen Simbach am Inn. Weitere Menschen werden am Tag nach der Flutwelle vermisst. Zwei Frauen stehen am Donnerstagmorgen mit Tauchern der Wasserwacht zusammen und weinen. Sie vermissen Angehörige. Zwei Menschen würden noch in einem Haus hinter der Unterführung vermisst, sagt Polizeisprecher Armin Angloher. Taucher haben sich auf den Weg gemacht, sie zu finden.

Tochter, Mutter, Großmutter


Schon am Tag zuvor war klar: Das Wasser hat nicht nur Existenzen zerstört, sondern auch Menschenleben gekostet. Drei Opfer werden spätabends im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses gefunden. Es sind Tochter, Mutter und Großmutter einer Familie im Alter von 28, 56 und 78 Jahren. Am Donnerstag wird in der Grenzstadt zu Österreich die Leiche eines 75-Jährigen geborgen.

Im Simbacher Nachbarort Julbach war schon in der Nacht zuvor eine 80-Jährige in einem Bach tot aufgefunden worden. Die Fluten hatten sie rund zwei Kilometer mitgerissen, als die Wassermassen über ihr Haus hereinbrachen und es total zerstörten.

"Wir hoffen, dass wir nichts finden, was wir nicht finden wollen", sagt Simbachs Bürgermeister Klaus Schmid am Donnerstag. Denn noch immer werden mindestens zwei Menschen vermisst. Der Rathauschef beklagt schon jetzt vier Todesopfer der Katastrophe. Mit einem derart verheerenden Hochwasser hatte niemand gerechnet. Die Menschen sind fassungslos. "Krieg", sagt einer. "Wie im Krieg sieht das aus." Autos liegen auf ihren Dächern, Straßenlaternen sind umgeknickt wie Strohhalme, Läden und Wohnhäuser liegen in Trümmern. Mit Gummistiefeln steht Bettina Putta mitten im Empfangsbereich ihres Schnellrestaurants. "Hier ist doch keiner versichert", sagt sie.

Anwohner schaufeln Schlamm aus zerstörten Läden und Restaurants. Auch von außerhalb kommen Helfer. Zwei festgenommene jungen Männer, die in der Nacht versucht hatten, ein Radio aus einem Auto zu klauen, sind eine unrühmliche Ausnahme. Drei andere wollen Zigaretten aus einem Kiosk stehlen, doch auch sie werden gestellt.

"Was in fünf Jahren aufgebaut ist, ist in fünf Minuten weg", sagt Muhammed Fidanci. Dem 25-Jährigen gehört ein Kebab-Stand. "Ich bin nur rausgerannt, als das Wasser kam", berichtet er. Innerhalb von zehn Minuten stand das Wasser zwei Meter hoch, es hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Fidanci muss alles Inventar wegschmeißen.

Pizza wird es gegenüber, im Restaurant "O Sole Mio", bis auf weiteres nicht geben. Was einmal ein gemütliches Restaurant gewesen sein muss, ist zerstört. Scheiben zerborsten, Bänke und Tische umgefallen, Weinflaschen stecken im Schlamm fest. "Das Wasser stand zweieinhalb Meter hoch", sagt Besitzer Carmelo Giandinoto. "Scheiße ist das. Da muss ich wieder von vorne anfangen."

Existenzen fortgespült


Im gut 15 Kilometer von Simbach entfernten Triftern hat das Hochwasser Dutzende Häuser verwüstet, Autos zerstört, Existenzen fortgespült. Doch schon am Tag danach packen die Anwohner an. Mit Schaufeln, Eimern und Schubkarren beseitigen sie den Schlamm. Die Feuerwehr pumpt Keller aus, ein Reinigungsfahrzeug fährt durch die Straßen. In all dem Chaos herrscht Aufbruchstimmung - irgendwie soll es weitergehen.

Hildegard Hitzlinger stehen die Tränen in den Augen. Das Haus der Schneiderin liegt direkt am Altbach. Gemeinsam mit ihrem Mann wirft sie ihr Hab und Gut vor die Tür - Kleidung, Nähmaschinen, Möbel. "Das Wasser zerstört alles", sagt sie, "es zerstört ein Leben." Erwin Wimmer steht vor einem völlig zerstörten Schuhgeschäft. "Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann man es nicht glauben." Auch Franz Jugl hilft. Er schaufelt Schlamm aus dem Haus eines Bekannten. "Eh klar", sagt er und berichtet fassungslos von der Flut: "Es war wie ein Weltuntergang."

Wir hoffen, dass wir nichts finden, was wir nicht finden wollen.Klaus Schmi, Bürgermeister von Simbach
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