Im Land der 1000 Seen und Teiche kurbelt der Speisefisch Wirtschaft und Tourismus an
König Karpfen regiert die Oberpfalz

Herbst - Zeit zum Abfischen.
Vermischtes BY
Bayern
05.10.2014
502
0
Nebelschwaden ziehen über das feuchte Gras. Die bunten Blätter rascheln im Wind. Sonnenstrahlen blitzen durch die Baumkronen. Karpfenmäuler gucken immer wieder aus dem Wasser. Flossen paddeln. Die Karpfen von Wolfgang Veigl tummeln sich in einer Wasserlache am Auslauf seines Weihers. Sie schnalzen mit ihren Flossen. Das Wasser spritzt in alle Richtungen. Es ist Herbst, die Zeit zum Abfischen.

Von Anne Spitaler

Der selbstständige Fischwirtmeister aus Haunritz, einem Dorf an der Grenze zwischen der Oberpfalz und Oberfranken, steht mit einer Wathose bekleidet bis zu den Knien im Schlamm. Er hat den Betrieb seines Großvaters übernommen und kümmert sich täglich um 50 Weiher mit 70 Hektar Teichfläche. Das ist so groß wie rund 100 Fußballfelder.

Im Herbst lässt er das Wasser in den Weihern ab, bis am Auslauf nur noch eine größere Pfütze übrig ist, in der seine Karpfen schwimmen. Dort positioniert Veigl einen Korb. Die Fische werden mit dem abfließenden Wasser in den Korb gespült. Und ein spezieller Kran hebt den Korb schließlich aus dem Wasser. Darin befinden sich nun 700 zweisömmerige (siehe interaktives Karpfenlexikon) Karpfen mit einem Gesamtgewicht von 300 bis 400 Kilogramm. Mit dem Kran werden sie in Behälter mit Wasser und Sauerstoffpumpen verladen. "Wir fischen nicht mit Keschern, sondern mit einem Kran und dem Korb, um die Tiere nicht zu sehr zu stressen", erklärt Veigl.



Von den Behältern kommen die Karpfen in eine nicht mechanische Sortiermaschine: ein Becken voll Wasser, in dem Gitter befestigt sind. Jedes Gitter hat verschieden breite Spalten. "Die kleinen Fische passen ganz vorne noch durch die Stäbe. Je weiter sie hinter schwimmen, desto enger wird es und irgendwann sind auch sie zu dick für die Lücken. Die großen Karpfen passen schon eher nicht mehr durch. So sortieren sich die Fische zu 90 Prozent von selbst", sagt Veigl. Dann werden sie verkauft. "Jeder kriegt einen Karpfen. Egal, ob zwei Fische im Milchkann'l oder zwei Zentner für die Gastronomie."

Oberpfalz als geeignetes Gebiet für Teichwirtschaft


Poetisch wird die Oberpfalz das Land der Tausend Seen und Teiche genannt und ist bekannt für seinen "Oberpfälzer Karpfen". Erste urkundliche Belege über die Teichwirtschaft in der Oberpfalz gibt es im 11. und 12. Jahrhundert. Adalbert Busl, Lehrer und Hobby-Historiker aus Wiesau, ist sich aber sicher, dass es die Karpfenteiche schon weit vor dem 11. Jahrhundert hier gegeben hat: "An geeigneten Stellen haben die Menschen einen Damm gebaut und das Wasser angestaut. Bürger mit Geld, Bauern und sogenannte Klosterverwandte, Arbeiter, die im Kloster Waldsassen lebten, haben die Teiche an Flüssen und Bächen gebaut. Im Jahr 1669 gehörten dem Kloster Waldsassen 160 von 4206 Teichen im Stiftland. Darin wurden Karpfen und Nerflinge gezüchtet.

"Das Kloster Waldsassen was Vorreiter für die Teichwirtschaft in der Oberpfalz. Es hat Forderungen zur Verbesserung der Zucht angestellt und letztlich die Idee gehabt, dass Bauern und Bürger mit Karpfen Geld verdienen können", erklärt Stephanie Wenisch. Sie ist Projektmanagerin für das Fischwirtschaftsgebiet Tirschenreuth am Landratsamt in Tirschenreuth. Aufgrund seiner hohen Anpassungsfähigkeit bot sich der Karpfen für die Zucht an. Denn die Tiere können auch in Weihern gehalten werden, die ausschließlich von Schmelz- und Regenwasser gespeist werden.

Diese Weiher nennen Teichwirte Himmelsweiher. "Das ist ein Vorteil, denn Karpfen brauchen kein fließendes Wasser", erklärt Busl. Der Karpfen stammt laut Wenisch ursprünglich aus Asien, die Römer haben ihn "nach Deutschland mitgebracht".

Lehmige und tonige Böden haben den Teichbau vereinfacht. "Die Oberpfalz ist ein klimatisch raues Land mit wenig Sonnentagen", berichtet Busl. Das Betreiben von Landwirtschaft sei deshalb im Mittelalter noch schwierig gewesen. "Man konnte nicht jede Getreidesorte anbauen. Auch, weil die Böden wenig ertragreich waren. Dafür ist die Oberpfalz reich an Wasser. Und damit wie geschaffen für die Teichwirtschaft", erklärt Busl. "Die Gebietsstruktur mit Gräben, Wäldern und Flüssen ist ideal für die Fischzucht", bestätigt aus Hans Bergler, Betriebsleiter des Teichwirtschaftlichen Beispielbetriebes in Wöllershof. "Im Mittelalter war Eiweiß eine Rarität auf der Speisekarte des armen Volkes. Und der Karpfen dadurch sehr kostbar", weiß Busl, "wer damals Teiche hatte, war im wirtschaftlichen Vorteil. Im Jahr 1560 hatte ein Zentner Karpfen einen Wert von vier Gulden. Und wurde im Zollregister mit einem Ochsen gleichgesetzt."

"Fisch war damals sehr wertvoll", sagt Wenisch. "Die Fischbauern waren reich, sie hatten Tausende Gulden und haben das getan, was heute die Banken machen: Geld verleihen. Später bekamen sie es mit fünf Prozent Zinsen wieder zurück", sagt Busl. Dieser feste jährliche Zinssatz sei zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert angewandt worden.

Wirtschaftlicher Profit vom Speisefisch


Heute bewirtschaften laut Bergler und Hans Klupp, Vorsitzender der ARGE Fisch im Landkreis Tirschenreuth e.V., rund 3500 Karpfen-Teichwirte 10.000 Hektar Wasser, also 14.000 Karpfen-Teiche, in der Oberpfalz. Hauptberufliche Fisch-Betriebe, die allein von der Zucht und dem Verkauf von Fischen leben können, gibt es zwischen 20 und 25. Die Fischwirte würden laut Klupp dazu beitragen, das landwirtschaftliche Gesamteinkommen zu stabilisieren.

ArgarKulturerbe Preis 2014 für ARGEOb „Erlebniswochen Fisch“ oder „Phantastische Karpfen" - Die "ARGE Fisch im Landkreis Tirschenreuth e.V Karpfen“ hat viele Aktionen angestoßen, die aus der Region nicht mehr wegzudenken sind. Für diese Leistung erhielt die ARGE Fisch e.V. am 10. Oktober 2014 den AgrarKulturerbe-Preis 2014 der Gesellschaft für Agrargeschichte.

"Harte körperliche Arbeit ist nötig, wenn man von der Teichwirtschaft leben will: per Hand Fische in Wasserbottichen oder Kalksäcke tragen. Das ist der Unterscheid zur Landwirtschaft. Sehr wenig Maschinen", berichtet Bergler aus Erfahrung.

Die Region profitiert von der Teichwirtschaft und dem Karpfen. "Jeder sechste deutsche Karpfen stammt aus der Oberpfalz", weiß Wenisch. Vor allem für die Gastronomie ist der Speisefisch bedeutend. "Über 90 Prozent der Karpfen werden im Restaurant verzehrt und nicht daheim zubereitet", sagt Klupp. "Deshalb ist der Karpfen eine große Chance für die Gastronomie."

Der Karpfen lockt Touristen an


Der "Oberpfälzer Karpfen" lockt Touristen aus ganz Deutschland an. Im Herbst, der Zeit zum Abfischen, ist Hauptsaison. Die beste Zeit für die Erlebniswochen Fisch im Landkreis Tirschenreuth, zu der auch die Karpfen-Kirchweih in Kornthan bei Wiesau gehört. "Zu der Kirchweih kommen in zwei Tagen zwischen 30.000 und 40.000 Menschen", sagt Peter Knott, Tourismusreferent des Landkreises Tirschenreuth. "Es gibt Fische zu sehen und natürlich zu essen. Auf dem Dorfweiher können Besucher mit Elektrobooten Runden drehen." "In diesem Jahr findet die Kornthander Kirchweih zum 17. Mal statt und ist mittlerweile schon Kult", bestätigt Wenisch. "Die Menschen planen sogar ihren Urlaub danach und reisen mit Bussen aus ganz Deutschland an."

Durch die Teichlandschaft, die Veranstaltungen und die Angebote rund um den Karpfen, wie die Kirchweih oder der Kemnather Karpfenweg sei der Karpfen zum Alleinstellungsmerkmal der Region geworden.

"Im Landkreis Tirschenreuth sind 30.000 Übernachtungen pro Jahr auf den Karpfen zurückzuführen", sagt Hans Klupp. Darunter seien Angler oder Menschen, die sich für die Teichlandschaft und den Karpfen interessieren. "Die Leute erinnern sich beispielsweise an die bunt bemalten Karpfenskulpturenin Kemnath. Der Karpfen kurbelt die Wirtschaft dadurch an", ist Wenisch überzeugt.

In der Tirschenreuther Teichpfanne steht die Himmelsleiter, ein 20 Meter hoher Aussichtsturm aus Stahl. "Von dort aus hat man einen tollen Panoramaausblick auf die Teichlandschaft", erzählt Knott, "Der Turm wird sehr gut von Touristen besucht." Teichführer zeigen Besuchern die seltene Tier- und Pflanzenwelt: Fischadler und Kraniche brüten beispielsweise dort. "Wer Karpfen gerne isst, kann auch bei Koch-, Filetier- oder Schlachtkursen teilnehmen. Viele Touristen macht das Spaß", berichtet Knott. Der Karpfen kann unterschiedlich serviert werden: gebacken, blau oder geräuchert.

Dann gibt es da noch das Fischereimuseumin Tirschenreuth. Dort können die Besucher die Unterwasserwelt entdecken. Große Aquarien zeigen, wie es in den heimischen Gewässern aussieht. In den sieben Aquarien schwimmen die Bewohner der Teiche - Fische aus der Region. Auf drei Etagen des Museums bekommen Touristen einen Einblick in die Geschichte und Gegenwart der Teichwirtschaft.

Das interaktive Karpfenlexikon



Karpfen-Lexikon: Fahren Sie mit der Maus über das Karpfenbild und wählen Sie einen der Punkte aus. Es erscheint ein kleines Fenster mit Informationen rund um den Karpfen.