Internationale Hilfe läuft an - Gebürtige Weidenerin koordiniert Malteser International
"Wir gehen dahin, wo sonst keiner hingeht"

Die Stromversorgung wurde zum großen Teil unterbrochen, vielen Bewohnern fehlt es an sauberem Trinkwasser.
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Bayern
18.05.2015
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(uax) Samstag, 25. April 2015, 11:56 Uhr Ortszeit: Ein Erdbeben mit der Stärke 7, 8 auf der Momenten-Magnituden Skala erschüttert Nepal und das Himalaya-Gebiet. Unmittelbar danach entsandte die indische Regierung mehrere Flugzeuge mit Nahrungsmitteln, Wasser und Rettungsausrüstung. In Köln klingeln die Telefone beim Hilfdienst Malteser International. Und bei Sonja Greiner.

Köln/Weiden. Sonja Greiner koordiniert den Einsatz der Kräfte von Malteser International. "Nepal hat relativ schnell um internationale Hilfe ersucht." Aus ihren 15 Jahren, die Sonja Greiner bereits für die Hilfsorganisation arbeitet, kennt sie auch andere Vorgehensweisen von Regierungen. "Manche Länder lassen keine Hilfe rein. Das passt nicht ins Selbstverständnis mancher Mächtiger."


Dr. Gudrun Müller aus dem Nothilfe-Team behandelt ein kleines Mädchen, deren Hand durch herabfallende Trümmer verletzt worden war. Insgesamt waren beim zweiten schweren Beben am 12. Mai rund 2.000 weitere Menschen verletzt worden. Bilder: Malteser International

Die Mitarbeiter bekommen erste Infos über Naturkatastrophen, wie das Erdbeben in Nepal, auf das Handy. Trotz der gebotenen Eile herrscht keine Aufregung. "Was können wir tun, was müssen wir tun?" lauteten die ersten Fragen, um Hilfe in die Himalayaregion zu bringen. "Wir sind seit Jahren als Hilfsorganisation in Nepal aktiv", berichtet Sonja Greiner. Ein Mitarbeiter von Malteser International ist in Nepals Hauptstadt Kathmandu aktiv. "Er hat gute Kontakte, kennt die verantwortlichen Ansprechpartner. Die Ausgangslage war dementsprechend gut."

In Köln haben sich mittlerweile mehrere ehrenamtliche und ehemalige Mitarbeiter gemeldet, die bereit sind "sofort loszufliegen". "Wir sitzen ja nicht auf gepackten Einsatzkoffern, können keine großen Lagerbestände an Hilfsmitteln vorhalten", berichtete Sonja Greiner. Das Netzwerk der Helfer funktioniere problemlos. "Viele gehen immer wieder in den Einsatz und sind kurzfristig verfügbar."

Botschaft als Basislager


Einer der ersten, der sich gemeldet hat, war der Duisburger Arzt, Dr. Frank Marx, der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes der Berufsfeuerwehr Duisburg. Schon einen Tag nach der Meldung über das Erdbeben saß Marx im Flugzeug mit dem Technischen Hilfswerk (THW) nach Kathmandu. Seine Aufgabe: Als Mitglied eines Vorauskommandos sollte Marx klären, welche Hilfe wo benötigt wird. "Unser Schwerpunkt liegt im Gesundheitsbereich, nicht im Einsatz von schwerem Gerät."


Dr. Frank Marx auf dem Weg zum Einsatz.

Erste Anlaufstelle und in den folgenden Tagen und "Basislager" für Marx sollte die deutsche Botschaft in Kathmandu sein. Der Garten des Geländes diente als "Auffanglager für gestrandete Touristen und Einsatzzentrale für ankommende Einsatzkräfte. Die Koordination der Hilfsorganisationen mit ihren Fähigkeiten hat oberste Priorität. Welche Spezialisten sind verfügbar, wo werden sie gebraucht, und wie kommen sie an den Einsatzort gehört zu den Standardaufgaben des sogenannten Vorauskommandos. "Suchhunde in ein Gebiet zu schicken, wo es keine Verschütteten gibt ist sinnlos und frustrierend."

Hauptproblem: Logistik


Die Logistik stelle sich in den meisten Fällen als größte Herausforderung dar. "Nach dem Erdbeben in Haiti hat die US-Army den Flughafen übernommen und gemanagt. Das hat gut geklappt", blickt Sonja Greiner zurück. Für den aktuellen Einsatz in Nepal mussten Hilfsflugzeuge in Nachbarnationen Zwischenstation machen. Manchmal erhielten sie keine Überflugrechte. "Da warten dann Personal und Hilfsgüter in Delhi in Indien auf den Einsatz oder können gar nicht aus Berlin losfliegen." Angekommen in Kathmandu fehlt es dann an weiterer Logistik. "Ohne Gabelstapler kann man viele Maschinen überhaupt nicht entladen. Diese blockieren dann die Landebahnen. Das kostet alles wertvolle Zeit." Wenn die Flugzeuge dann entladen sind, braucht es Lastwagen, um sie zu transportieren. "Hubschrauber waren Mangelware im Einsatzgebiet. Die hätten wir dringend gebraucht um in die abgelegenen Bergregionen zu kommen."


Link zur interaktiven Karte - Vollbild


Mitarbeiter der Vereinten Nationen (UN) übernehmen bei Naturkatastrophen und Hilfseinsätzen in dieser Größenordnung die Koordination. In einem Bericht der Koordinationsstelle United Nations Office for Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) vom 11. Mai berichten die OCHA-Mitarbeiter von 330 Organisationen und 2200 laufenden Einzelaktionen. Darunter auch Malteser International mit mittlerweile sieben Spezialisten (Arzt, Gesundheitsexperte, lokaler Mitarbeiter und vierköpfiges medizinisches Team) in Nepal.


Lageberichte geben einen Überblick darüber, welche Aktionen aktuell in den einzelnen Regionen laufen und wo Hilfe am dringensten gebraucht wird. Screenshot: OCHA

Professionalisierung der Hilfe


Ein täglicher Lagebericht mit "fast militärischer Präzision" zu Fortschritten und Anforderungen soll helfen die nächsten Aktionen zu planen. Sonja Greiner berichtet von täglichen Lagebesprechungen auch in Köln. "Unsere Mitarbeiter besorgen sich im Normalfall sehr schnell SIM-Karten der lokalen Telefonanbieter." Hier habe auch die fortschreitende Digitalisierung eine "enorme Erleichterung" gebracht. Vor Jahren konnten die Mitarbeiter noch mit nur wenigen Satelliten-Telefonen Kontakt zum Heimatland halten. "In Nepal war unser lokaler Mitarbeiter für solche Anforderungen Gold wert. Er hat Kontakte, weiß wo es etwas gibt, und er spricht natürlich die Landessprache."

Zur Person: Sonja GreinerSonja Greiner (Jahrgang 1969) stammt aus Pirk. 1991 begann sie ein Studium der Regionalwissenschaften mit Schwerpunkt Lateinamerika in Köln. Seit 15 Jahren arbeitet Sonja Greiner für Malteser International, derzeit als Personalreferentin. Sonja Greiner kehrt immer wieder in die Heimat zurück. Für ihre beiden Söhne sei dieser Urlaub auf dem Lande bei der Oma ein ganz besonderes Abenteuer. Rund zwei Wochen nach dem Erdbeben berichtet sie im Gespräch mit Oberpfalznetz.de von den ersten abgeschlossenen Aktionen und weiteren Projekten, die in Planung sind. Damit sollen auch nach der ersten Nothilfe langfristig die Lebensbedingungen für die Betroffenen verbessert werden.

Sonja Greiner will auf alle Fälle weitermachen. Nach eigenen Auslandseinsätzen in Mosambik, Peru und Mexiko freut sie sich noch immer über kleine 'Dankesaufmerksamkeiten' aus den Katastrophenregionen. In den Büros in Köln hängen Kinderbilder und Urkunden, welche die Malteser von den Menschen in den Einsatzgebieten erhalten haben. Sonja Greiner sieht sich selbst angetrieben von den Ergebnissen. 'Der Sinn in unserer Arbeit ist die Motivation.'

Sorgen um die Helfer im Einsatzgebiet machen sich die Kollegen im Köln trotzdem "in Grenzen". "Es vergehen im Normalfall keine zwölf Stunden, ohne dass wir auf irgendeine Art Kontakt haben. Wenn sie länger unterwegs sind, melden sie sich ab und dann wieder zurück." Die Erfahrung der "Nothelfer" gibt den Koordinatoren im Heimatland die Ruhe, um die Aufgaben konzentriert angehen zu können. "Unsicherheit oder gar Panik ist da fehl am Platz."

Konkurrenzdenken fehl am Platz


Im Laufe der Jahre habe sich das System professionalisiert. Es reiche nicht mehr aus helfen zu wollen. Das Herzstück, um effektiv zu sein, ist Koordination. "Es gibt einfach zu viele Hotspots, um allein loszulegen." Die gute Zusammenarbeit der Organisationen beginne schon in Deutschland. Man kenne sich, schätze sich und ergänze sich in den Spezialaufgaben. "Es gilt, Nischen zu besetzen und aufzufüllen", so Sonja Greiner. "Das THW kümmert sich um die Wasseraufbereitung und -versorgung, und wir um medizinische Probleme." Konkurenzdenken sei da fehl am Platz.

"Niemand fährt in den Einsatz, nur um Flagge zu zeigen. Wer so etwas behauptet, war noch nie dabei." Aussagen von Politikern, die in diese Richtung zielen, gingen an den Mitarbeitern "einfach vorbei". "Wir gehen dahin, wo sonst keiner hingeht. Auch wenn es manchmal viel Zeit braucht und mühsam ist. Uns geht es um die Menschen."

Vor und nach dem Einsatz


Malteser International setzt zur Erkundung der Lage im Einsatzgebiet auf erfahrene Mitarbeiter. Die Einreise und der Aufenthalt in Regionen in Asien oder Afrika kann problematisch sein. Für viele Gebiete sind Impfungen gegen die bekannten Tropenkrankheiten zwingend nötig. Für einige Länder brauchen auch Helfer ein Visum.

"Auch wenn sich sehr schnell viele Mitarbeiter freiwillig zum Einsatz melden, können wir nicht jeden überall hinschicken. Manche überschätzen sich und ihre Leistungsfähigkeit oder unterschätzen die Gefahren im Einsatzgebiet", weiß Sonja Greiner.

Spezialisten für Regionen und Kulturkreise kann eine Hilfsorganisation wie Malteser International nicht vorhalten. "Routine und langjährige Erfahrung der Mitarbeiter zählt." Ein "kulturkreis-sensibles Verhalten" gehört zu den wichtigsten persönlichen Eigenschaften der Helfer. "In manchen Regionen dürfen Frauen eben ausschließlich von Frauen behandelt werden - selbst im Notfall." Anpassungsfähigkeit und rücksichtsvoller Umgang mit Besonderheiten oder Befindlichkeiten erleichtert das Helfen. "Wir machen aber bestimmt auch mal Fehler."



Die Helfer in den Katastrophengebieten sehen viel Leid und Not. Nach der Rückkehr ins Heimatland haben viele da "ganz schön geschluckt", wie Sonja Greiner berichtet. Selbst an einem erfahrenen Arzt wie Dr. Frank Marx gehe das nicht spurlos vorbei. "Unsere Mitarbeiter kommen in Situationen, die sie so noch nicht kannten." In Gesprächen versuchen die Mitarbeiter von Malteser international, nach dem Einsatz Hilfe zu leisten. "das geht aber nicht am Telefon. Wir müssen uns bei den Briefings in die Augen sehen." Viele könnten die Eindrücke bis zu einem gewissen Maß gut verarbeiten, was darüber hinausgehe, könne aber durchaus zu einem Posttraumatischen Stress-Syndrom führen. Einem Symptom, das man eher von Soldaten kennt, die aus Kampfeinsätzen zurückkehren. "Es gibt bei uns eine eigene Einheit auf Bundesebene für die psychosoziale Unterstützung. Da heißt es dann 'Helfer helfen Helfern'."

Beben erschüttert Menschen in der Region


Das Erdbeben in Nepal und die Auswirkungen trifft auch Menschen und Organisationen in der Region.
In Sulzbach Rosenberg sorgte sich die Auszubildende Leesa Shresta um ihre Familie. Erst Tage nach der Naturkatastrophe gelang es der 27-Jährigen eine Nachricht von ihrer Mutter und Schwester zu erhalten. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Vereins "Wir helfen Nepal", Manfred Härtl, sammeln sie Spenden (Sparkasse Amberg-Sulzbach, IBAN: DE93 7525 0000 0200 1015 74; BIC: BYLADEM1ABG; Stichwort Erdbeben).

Sofort als das verheerende Erdbeben in Nepal bekannt wurde, hatten der Amberger Professor Dieter Dausch und seine Hilfsorganisation Africa Luz Deutschland (Sparkasse Amberg-Sulzbach, IBAN: DE65 7525 0000 0200 7997 99, BIC: BYLADEM1ABG und VR-Bank Amberg: IBAN DE92 7529 0000 0006 4939 39, BIC: GENODEF1AMV sowie Raiffeisenbank Hirschau: IBAN DE87 7606 9486 0000 0801 01, BIC: GENODEF1HSC) zur Hilfe für die Bevölkerung aufgerufen. Inzwischen ist dokumentiert: Die Africa-Luz-Spenden kommen vor Ort an. Davon konnten sich die Fernsehzuschauer in den vergangenen Tagen im ZDF-Heute-Journal und im 3-SAT-Auslandsjournal überzeugen.

In Weihern (Kreis Schwandorf) sorgt sich Manoj Thapa um seine Angehörigen. "Sie haben überlebt, doch ihre Existenz, ihr Zuhause und ihr Geschäft sind zerstört", berichtet der 45-Jährige.

Der Sulzbach-Rosenberger Pfarrer Uwe Markert und seine Frau Christina waren Nepal auf Trekkingtour als die Erde bebte. Von den verheerenden Folgen des Erdbebens beide erst erfahren, als sie den 5500 Meter hohen Pass "Thorong La" überwunden hatten. Aus dem Wunsch, zumindest mit Geldspenden helfen zu können, sind mittlerweile fast 30.000 Euro für das Spendenkonto der Kirchengemeinde Johanniskirche für Nepal geworden (Betreff „Soforthilfe Nepal“; Raiffeisenbank Sulzbach-Rosenberg; Iban: DE 71 7526 1700 0000 7000 10; Bic: GENODEF1SZH).

Erdbeben haben in Nepal nach offiziellen Angaben bisher weit mehr als 4000 Todesopfer gefordert. Tausende Menschen sind nach der Naturkatastrophe verletzt. Viele verloren ihre Häuser oder haben Angst, in die Gebäude zurückzukehren. Hilfsorganisationen rufen zu Spenden auf.

100 Projekte in rund 25 Ländern




Malteser international hilft nicht nur in Katastrophengebieten. Mit jährlich mehr als 100 Projekten in rund 25 Ländern Afrikas, Asiens und Amerikas engagieren sich die Mitarbeiter und fördern Projekte zum Wiederaufbau und zur nachhaltigen Entwicklung.

Die Themengebiete umfassen dabei:

  • Wiederaufbau nach Katastrophen
  • Gesundheit und Ernährung
  • Wasser, sanitäre Grundversorgung und Hygiene
  • Soziale Projekte und Existenzsicherung
  • Katastrophenvorsorge



Die Grafik zeigt einen Ausschnitt der Arbeit von Malteser International im Jahr 2013. Grafik: Christian Gold⁄ Quelle Malteser