Interview mit Bürgermeister Peter König zur Asylunterkunft Neusorg
Die Asylanten im Sängerlokal

Bürgermeister Peter König geht unaufgeregt mit dem Thema und solidarisch mit den Flüchtlingen um. Bilder: Herda
Vermischtes BY
Bayern
15.09.2014
86
0
 
Bürgermeister Peter König geht unaufgeregt mit dem Thema und solidarisch mit den Flüchtlingen um. Bilder: Herda
 
Nisama mit Tochter Samanta.

„Ich habe den Leuten klar gesagt, es kommen zunächst einmal Menschen an, die als Menschen behandelt werden müssen“, sagt Bürgermeister Peter König (SPD) zu besorgten Bürgern, als das Landratsamt im Juni 2013 entscheidet, in der 1800-Einwohner-Gemeinde die erste Asylunterkunft des Landkreises einzurichten. Inzwischen hört König keine Klagen mehr: „Die überwältigende Mehrheit findet, das Asyl gehört zum Ort dazu.“

Herr König, die erste dezentrale Asylunterkunft im Landkreis Tirschenreuth im ehemaligen Gasthof „Zur Kösseine“ war bei der Eröfnung im Juni 2013 für 15 bis 20 Asylbewerber vorgesehen. Wieviele sind heute hier untergebracht?

König: Wir haben aktuell 20 Flüchtlinge im ehemaligen Gasthof untergebracht. Zu Beginn waren es 17 Tschetschenen.

Wie kam es dazu, dass der alte Gasthof in Neusorg ausgesucht wurde. Haben Sie den angeboten?

König: Nein, Landrat Wolfgang Lippert hat mich angerufen und mir mitgeteilt, dass bei uns in Neusorg die erste Asylunterkunft im Landkreis entstehen soll. Der Gasthof war eine Zeit lang verpachtet, aber der Betrieb kam nicht mehr ins Laufen. Er stand dann eine Zeit lang leer, einzig der Männergesangsverein hat ihn als Sängerlokal genutzt. Das Landratsamt hat das Objekt angemietet.

Wie haben Sie auf die vollendeten Tatsachen reagiert?

König: Vor so einem Thema hat man schon etwas Angst. Man stellt sich erstmal alles mögliche vor, wie dass die Leute das soziale Gefüge durcheinander bringen. Wir haben dann gesagt, wir müssen das Beste daraus machen. Ein Schlüsselerlebnis war, dass ich als Vorsitzender des Männergesangsvereins die Frage gestellt habe: Was is', Manna, bleima drin? Alle waren dafür, wir bleiben, und die Flüchtlinge hörten zu.

Wie haben die Neusorger auf die Flüchtlinge reagiert?

König: Zu Beginn kamen schon einige Nachfragen, wie viele da jetzt kommen. Es war wichtig, dass wir darauf immer ehrlich geantwortet haben, es werden zwischen 15 und 25 Asylanten kommen. Transparenz ist wichtig. Ich habe den Leuten aber auch klar gesagt, es kommen zunächst einmal Menschen an, die als Menschen behandelt werden müssen. Es war ein Riesenvorteil, dass Familienverbände kamen, die sich untereinander vernetzt haben. Familien mit Kleinkindern erzeugen eher Mitgefühl in der Bevölkerung, als wenn 20 junge Männer gekommen wären – da wären vielleicht die Ängste und Konflikte größer gewesen.

Was konnten Sie dazu beitragen, um die Bewohner auf Zeit so gut es geht zu integrieren?

König: Ich denke, es war wichtig, dass ich immer die Nähe zur EInrichtung aufrechterhalten habe. Ich habe mich unter der Woche bei den Besuchen der Vertreter des Landratsamtes sporadisch mit eingeklinkt. Schule und Kindergarten stehen den Flüchtlingskindern offen. Die Fichtelnaabtalschule hat hier einen großen Beitrag geleistet. Es gab auch einen Workshop mit einer Familie aus Tschetschenien, bei dem die Schüler erfuhren, warum diese Menschen ihre Heimat verlassen mussten, welche Zustände in ihrem Land herrschen. Die Frau hat unter Tränen erzählt, wie ihr Mann erschossen wurde. Die Mutter hatte Angst um ihre Kinder, sie flohen hierher. Nach einem Vierteljahr musste ich die Ausweisung miterleben. Sie hatten das Pech, über Polen eingereist zu sein – ein sicheres Drittland. Das Asylgesetz ist da knallhart.

Von den Tschetschenen, die anfangs kamen, ist keiner mehr da?

König: Nein, wir hatten allein in diesem Jahr schon wieder einen Riesenumbruch. Für viele ist der Aufenthalt hier nur kurz. Im Zuge des Prüfungsverfahrens werden sie häufig dahin verwiesen, wo sie den Erstantrag gestellt haben. Ich habe den Eindruck, dass die meisten gar nicht wissen, was es bedeutet, irgendwo einen Erstantrag zu stellen – die geben bei der Einreise ihren Pass ab, werden registriert und haben somit ihren Asyanspruch in einem anderen Land verwirkt. In der statistik entsteht so der falsche Eindruck, als ob die Mehrheit keinen Asylgrund hätte.

Werden den Flüchtlingen Sprachkurse angeboten?

König: Die jungen Somalier zum Beispiel würden gerne einen Deutschkurs besuchen. Das dürfen sie leider nicht. Die Kinder dürfen in die Schule, die Erwachsenen aber nicht Deutsch lernen – das ist schon etwas paradox.

Wer kümmert sich um die Flüchtlinge im Gasthof – gibt es einen Hausmeister?

König: Amalia Steinmark ist als Betreuerin unser größter Erfolgsgarant. Sie kam selbst vor 25 Jahren als Flüchtling von Russland nach Neusorg und kann sich mit den slawisch-sprechenden Bewohnern verständigen. Sie kennt ihre Sorgen und ist die gute Seele des Hauses. Das hat hier alles Struktur, sogar die Mülltrennung klappt besser als bei manchen Einheimischen. Sie ist täglich vor Ort, hilft bei der Vereinbarung von Arztterminen, bei der Anmeldung im Kindergarten, bei Behördengängen oder wenn es Probleme in der Schule gibt. Ich bin froh, dass der Besitzer der Immobilie das so organisiert hat.

Aus welchen Ländern kommen die Menschen, wie klappt das Zusammenleben im Gasthof?

König: Wir haben derzeit Bosnier, Mazedonier, Somalier und Vietnamesen. Bisher kommen alle ganz gut miteinander aus. Und Frau Steinmark sagt dann schon, wenn mal die Musik etwas zu laut ist.

Gibt es noch Essenspakete oder können sich die Leute selbst versorgen?

König: Ganz am Anfang wurden sie kurze Zeit bekocht, bis alles eingerichtet war. Inzwischen kochen sie selber. Sie dürfen auch selbst einkaufen. Wir haben hier ja einen Rewe- und einen Netto-Markt. Das ist auch richtig so, gerade die Muslime praktazieren die Speisevorschriften und den Ramadan konsequent.

Dürfen die Flüchtlinge arbeiten?

König: Wer arbeiten will, kann am Bauhof 20 Stunden in der Woche eingesetzt werden. Wir haben bisher zwei Mann beschäftigt. Einer hat Neusorg bereits wieder verlassen. Derzeit haben wir einen Somalier untergebracht. Aber mehr als zwei geht leider nicht. Wir haben ja selbst nur drei Angestellte dort.

Was bekommen sie?

König: In der Stunde 1 Euro 05, das ist ein kleines Zubrot.

Inwieweit wird die Gemeinde bei der Unterbringung von Flüchtlingen mit einbezogen?

König: Eigentlich gar nicht. Ich hätte mir da schon etwas mehr Planung gewünscht. Das ist kein Vorwurf ans Landratsamt, dort ist man auch nur dem Ruf aus München gefolgt. Aber eine Woche nach dem Anruf des Landrates fuhr schon der Bus mit den Flüchtlingen vor. Es wäre hilfreich, wenn diejenigen, die das organisieren, einen Masterplan hätten. Wenn auf eine Gemeinde unvorbereitet die Unterbringung von Flüchtlingen zukommt, kann man nur noch reagieren, Schadensbegrenzung betreiben.

Erwarten Sie, dass aufgrund der Engpässe in den Aufnahmelagern mehr Flüchtlinge nach Neusorg geschickt werden?

König: Ich weiß, dass der Landkreis bemüht ist, sich auch weiterhin dezentral aufzustellen. Ich kann nur an alle Verantwortlichen appellieren, die herrschende Not flächendeckend zu verteilen und nicht nach dem Motto, da wo der geringste Widerstand ist, packt man die meisten drauf. Die Verteilung auf möglichst viele Ortschaften, ohne die jeweiligen Gemeinden zu überfordern, ist für die Flüchtlinge und die Gastgeber besser, als wenn 150 Menschen im Großschlafraum biwakieren müssen.

Stellen Sie sich darauf ein, dass die Krisenherde dieser Welt auch langfristig zu weiteren Flüchtlingsströmen führen werden?

König: Ich denke, das wird in den nächsten Monaten und Jahren nicht besser werden. Der Flüchtlingsstrom wird nicht abreißen. Jeder muss seinen Beitrag leisten. Es kann nicht sein, dass sich Kommunalpolitiker auf die Fahnen schreiben, sie hätten sich erfolgreich gegen Flüchtlinge gewehrt – so etwas sollte verpöhnt sein.