Kammertanz von Goyo Montero
Zwischen Entstehung und Vollendung

Dem Nürnberger Ballettchef Goyo Montero gelang es, eine Lizenz für die Aufführung des Stücks "Approximate Sonata" von William Forsythe am Staatstheater zu bekommen. Der dreiteilige Abend namens "Kammertanz" lotet die Entwicklung des Tanzes von den 90er Jahren bis heute aus. Die Tänzer: Max Levy und Esther Pérez. Foto: Jesús Vallinas
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Bayern
06.05.2016
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Zeit wird benötigt. Sie geht verloren oder zerrinnt zwischen den Fingern. Es gibt Momente des Getriebenseins, aber auch des Stillstands.

Nürnberg. Und auch Goyo Montero nimmt sich in seiner neuen Choreographie "Four Quartets" viel Zeit, um Tanz, Sprache und Musik miteinander zu vereinen. Brahms Sextett B-Dur op. 18, Schuberts einziges Streichquintett und T.S. Eliots Gedicht "Burnt Norton", als Tondokument des Dichters eingespielt, werden zum Fundament eines dramaturgisch soliden und ästhetisch stimmigen Tanz-Erlebnisses. Nicht nur für diese Uraufführung des Nürnberger Ballettchefs gibt es bei der Premiere im Staatstheater langanhaltenden Beifall.

Der Abend steht unter dem Titel "Kammertanz" und ist eigentlich dreigeteilt. In der Mitte steht die "Approximate Sonata", ein minimalistisches Meisterwerk, das der berühmte William Forsythe vor 20 Jahren für seine Frankfurter Compagnie erschaffen hat. Anmutige Pas de deus, weit ausladende Schwünge, hart ausgebremst und in ein wütendes Stampfen übergehend, dazu die sparsam gesetzten Klänge des holländischen Komponisten Thom Willems.

Die Zuschauer verfolgen das Geschehen atemlos, dem Atem der Tänzer lauschend, die in Trainingskleidern über die Bühne huschen. Wird hier noch geübt oder bereits dargeboten? Ist da noch Entstehung oder bereits Vollendung? Das große "Ja" auf einem Schild am Rand lässt beide Deutungen zu.

Sowohl bei Montero als auch im dritten Teil, einer Arbeit von Christian Spuck, spielt das polnische Apollon Musaète Quartett, live auf. Faszinierend ist die Idee, die Musiker auf rollende Podeste zu setzen, die zu weiten Räumen werden, aber auch zu einem engen Gefängnis zusammenrücken können. Die Kästen sind mit unzähligen Gummiseilen bespannt, durch die sich die Tänzer hindurchschlängeln.

Mithilfe eines durchdachten Lichtdesigns wirkt das, als würden sie in die Käfige hineingesaugt und von ihnen verschluckt. Ein ähnlicher Effekt ist dann im Schluss-Stück "Das siebte Blau" zu erleben, in dem sich der Zürcher Ballettdirektor Spuck mit Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" auseinandersetzt. Sieben Paare, natürlich ganz in Blau gekleidet, interpretieren diesen Totentanz in einer unglaublichen Geschwindigkeit und mit großer Synchronität.

Feinsinnige Bewegungstableaus, Tanz und Ton, sich gegenseitig immer wieder fordernd, raumübergreifende Gruppenfiguren, aus denen sich Soli und Duette herauslösen, ergeben ein Gemisch aus klassischen und modernen Elementen.

Die Tänzerinnen legen sich auf den Boden, der an einigen Stellen nach unten fährt, so dass nur die Füße mit den Ballettschuhen herausschauen. Der Tod als humoreskes Gruftvergnügen, mutig und ansprechend zugleich. Ja, Zeit hat auch ein irdisches Ende - von diesem "Kammertanz" wünscht man sich das Gegenteil: Er möge niemals enden.
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