Kopiertes Impressum vermittelt trügerische Sicherheit
Alles nur geklaut

Das Telefon hat Gerhard Pirner derzeit immer griffbereit. Seit dem Inhaber einer Firma für Elektrotechnik das Impressum und das Logo von seiner Internetseite "geklaut" wurde, melden sich misstrauische Kunden eines Onlineshops. Bild: uax
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Bayern
01.01.2015
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Das Angebot klingt verlockend: günstig ein Smartphone oder eine Kaffeemaschine bestellen und sogar Rabatt für Vorauskasse erhalten. Der Anbieter erscheint auf seiner Internetseite vertrauenswürdig. Schließlich ist es eine bodenständige Firma, die seit langem besteht. Die Überraschung kommt bei der Zahlungsabwicklung. Die Identität war einfach geklaut.

Die Anzeige in der Berliner Zeitung lockt mit günstigen Smartphones der neuesten Generation. Der Preis scheint derzeit unschlagbar zu sein. Der Onlineshop, der in der Anzeige beworben wird, macht einen soliden Eindruck. Impressum mit Umsatzsteuer-Identifikationsnummer, Allgemeinen geschäftsbedingungen (AGB), Informationen zum Widerrufsrecht, eine Servicerufnummer und sogar ein Logo "Trusted Shops Guarantee" erwecken den Anschein, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.

Dieser erste Anschein trügt in diesem Fall. Die angebotenen Kaffeemaschinen oder Handys gibt es hier nicht. An der angegebenen Adresse scheint kein Elektronikversender seinen Sitz zu haben. Die angerufene Service-Nummer leitet nur auf eine Mailbox weiter. Geld, das per Vorauskasse gezahlt wurde ist wohl weg. Was mit persönlichen Informationen wie der Adresse oder dem E-Mail-Konto geschieht, bleibt im Dunkeln. Die angegebenen Daten im Impressum sind von einer anderen Seite kopiert, der Rest entweder frei erfunden oder gut nachgemacht.


Das Telefon hat Gerhard Pirner derzeit immer griffbereit. Seit dem Inhaber einer Firma für Elektrotechnik das Impressum und das Logo von seiner Internetseite "geklaut" wurde, melden sich misstrauische Kunden eines Onlineshops. Bild: uax

Gerhard Pirner, Inhaber der Firma Megatec, deren Impressum und Daten abgekupfert wurden, telefoniert derzeit viel. Mit der Polizei, Gerichten, seinem Anwalt und vielen "Kunden", die Fragen zum bestellten Handy haben. Gerhard Pirner verkauft aber gar keine Handys, betreibt keinen Online-Shop für Smartphones oder Kaffeemaschinen sondern entwickelt und produziert elektronische Bauteile für Autos oder Röntgengeräte. "Wir sind erst auf den Fall des 'geklauten Impressums' aufmerksam geworden, als eine Kundin des Smartphone-Anbieters angerufen hat." Am selben Tag meldet sich auch die Kriminalpolizei aus Ahaus (Nordrhein-Westfalen). Die Beamten dort ermitteln gegen den Betreiber der Internetseiten. In anderem Zusammenhang. "Ja, es liegt die Anzeige einer Softwarefirma vor", bestätigt Frank Rentmeister, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde Borken.

Dabei geht es nach Recherchen von onetz.de nicht um bezahlte aber nicht gelieferte Smartphones. Der Macher hinter dem Onlineshop hat die Software dafür bei einem Unternehmen im Münsterland (Nordrhein-Westfalen) gekauft und wollte mit einer gefälschten Kreditkarte bezahlen. Ralf Marpert, zuständig für Finanzen bei der betroffenen Shopware AG, berichtet: "Am 13. Dezember ist die gefälschte Kartennummer aufgefallen. In der darauffolgenden Woche haben wir Anzeige erstattet." Der Zahlungsverkehr für eine weitere Seite, die ebenfalls das "geklaute Impressum" benutzt, lief laut Ralf Marpert problemlos. "Das lief zwar über eine Bankverbindung in Barcelona. Internationaler Zahlungsverkehr ist aber nichts ungewöhnliches."

Manchen Kunden, die ein Handy bestellt haben, kam allerdings die Zahlungsabwicklung spanisch vor. Eine Frau aus Berlin war dem Online-Shop gegenüber misstrauisch genug und hat nach eigener Recherche in Etzelwang angerufen. Im Elektronikunternehmen im Kreis Amberg-Sulzbach steht seitdem das Telefon kaum still. Gerhard Pirner soll den Anrufern erklären, warum für eine Kreditkartenzahlung 30 Euro Aufpreis fällig wäre, warum Pay-Pal als weitverbreitete Methode nicht funktioniert und was denn Bitcoins eigentlich sind. "Die Kunden werden durch hohe Gebühren in die Vorauskasse gedrängt. Manche haben sogar berichtet, dass es hohe Rabatte dafür gebe. Das Geld ist dann weg. Die bestellte Ware wird wohl niemals geliefert."

Einstweilige Verfügung soll die Seite vom Netz nehmen


Gerhard Pirner berichtet, dass die beinahe Geschädigte den Kontakt per E-mail mit dem Onlineshop aufgenommen hatte und dass ihr versichert wurde, alles sei in Ordnung. Schließlich ist die Firma Megatech schon seit 1985 fest etabliert, wie auf der Internetseite nachzulesen sei. "Die haben sich richtig gut vorbereitet. Die wissen sehr viel über unser Unternehmen. Das ist alles sehr professionell gemacht." Gerhard Pirner hat mittlerweile auch Anzeige erstattet und wartet. "Unser Anwalt versucht, beim Amtsgericht Köln eine einstweilige Verfügung zu erreichen, damit die "betrügerischen Seiten" vom Netz genommen werden." Bei Host-Europe in Köln, auf deren Rechnern diese Onlineshops betrieben werden, will man ohne Gerichtsbeschluss nicht aktiv werden. "Egal wie logisch die Zusammenhänge auch sind, ohne Unterschrift eines Richters handeln die nicht. Wir haben es versucht."

"So eine Entscheidung geht im Regelfall schnell", erklärt Dr. Sonja Heindl, Pressesprecherin am Amtsgericht in Köln. Normalerweise, so berichtet sie weiter, entscheidet ein Richter noch am selben Tag, spätestens am nächsten. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass alle benötigten Unterlagen vorliegen. Eine eidesstattliche Versicherung über den Sachverhalt ist dabei unabdingbar. Ob damit die Internetseiten vom Netz gehen, ist noch nicht sicher. "Wir haben noch keinen Eingang des Antrags festgestellt."

Bis dahin klingelt im beschaulichen Etzelwang weiter das Telefon und treffen E-Mails von misstrauischen Kunden ein. "Der finanzielle Schaden hält sich in Grenzen. Unser Ruf leidet enorm. Wir haben überwiegend Industriekunden und keinen Einzelhandel. Die Shopbetreiber waren klug genug, in der Tageszeitung zu werben. Damit erreichen die Kunden, die sich die Angebote nicht unbedingt googeln. Kurz vor Weihnachten ist das natürlich noch ein Riesengeschäft. Vor allem mit dem Siegel als "vertrauenswürdiger Onlineshop."

Siegel sollen Vertrauen schaffen - wenn sie berechtigt getragen werden


Das Siegel auf einer Internetseite soll vertrauen schaffen. Dass dieses Logo nicht immer berechtigterweise benutzt wird bestätigt auch Franziska Solbrig, Pressesprecherin beim Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh). "Wir können nur den Rat geben, auf das Siegel zu klicken. Der Nutzer wird dann weitergeleitet zu der Organisation, die es vergibt." Im Falle des missbräuchlich benutzten "Trusted-Shop"-Logos ist dies nicht der Fall. "Dann sollten die Alarmglocken läuten."


Eine ganzseitige Anzeige in einer Berliner Zeitung verspricht günstige Smartphones. Zu dieser Zeit weiß noch keiner, dass bei Bezahlung der bestellten Ware das Geld wohl weg ist. Weit weg. Auf Gibraltar. Bild: privat

Das "Trusted Shops Gütesiegel" als Kombination einer Prüfung durch Rechtsexperten, lösungsorientiertem Kundenservice und finanzieller Absicherung kennzeichnet vertrauenswürdige Shops. Derzeit tragen über 18.000 Onlineshops dieses Gütesiegel. Auf der Internetseite können Verbraucher in den Kategorien nach als vertrauenswürdig eingestuften Anbietern stöbern und somit Online-Shops finden und überprüfen. "Wir wissen, dass es einige schwarze Schafe, die sich einfach ein Siegel kopieren, gibt. Dies zielt nicht auf Nachhaltigkeit ab sondern auf das schnelle Geld." Franziska Solbrig bestätigt, dass die Möglichkeit der Gegenrecherche über die Trusted-Shops-Seite noch nicht so im Bewusstsein der Bevölkerung vorhanden ist. "Den meisten reicht es schon wenn sie das Logo sehen."

Auf eine ganz andere Quelle setzt shopauskunft.de. Dort geben von Kunden ihre Meinung ab. Die Macher setzen auf die gute alte Mundpropaganda. Man setzt drauf, dass eine Vielzahl von Verbrauchern ohne wirtschaftliche Interessen ein genügend großes Wissen über Online-Shops zusammentragen.


Linktipps


Im Internet gibt es viele Seiten, die sich mit dem Thema "Sicher online einkaufen" befassen. Hier eine Auswahl:

Infos zum Siegel TÜV Süd
Infos zu Trusted Shops Guarantee
Infos zum Siegel "Geprüfter Online Shop"
Infos zum Siegel Bonicert

Stiftung Warentest zu Online­shopping: Sicherer mit Siegel
Videos mit Tipps für Verbraucher

Studie zu Internetgütesiegeln in Deutschland und Europa
Infos zur Impressumspflicht beim Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz e. V.
Infos zu Gütesiegeln beim Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz e. V.