Mehrere hundert Wetterinteressierte arbeiten gemeinsam an einer Übersicht
Wenn aus Blitzen Pixel werden

screenshot: lightningmaps.org
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Bayern
15.06.2014
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[Update] Die dräuenden Wolken, der grelle Lichtblitz, der gewaltige Donner. Eins von vielen Sommergewittern, typisch für den Sommer. Viele Menschen fürchten sich davor. Sie möchten in diesem Moment am liebsten unter das Sofa kriechen. Und es gibt Menschen wie Egon Wanke und Tobias Volgnandt, die sich über jedes Gewitter freuen. Gemeinsam mit vielen hundert anderen Mitstreitern betreiben sie die Internet-Seiten Blitzortung.org und Lightningsmap.org. Es sind Karten, die nicht nur vergangene Gewitter abbilden. "Seit drei Wochen gelingt uns die Abbildung live", berichtet Tobias Volgnandt.

Was auf der Seite bunt blinkt und leuchtet, ist das Ergebnis eines umfassenden Gemeinschaftswerkes. "Mehr als 300 Stationen allein in Deutschland senden uns diese Signale", erklärt Volglandt, der mal Physik studiert hat. Die "Stationen" sind aber mal keine übliche Handelsware. "Das muss man schon zusammenlöten können", sagt der 32-Jährige Volgnandt, der in Rosstal bei Nürnberg lebt. Die Kosten einer "Station" liegen bei etwa 200 Euro. Weltweit, schätzt er, sind es etwa zwischen 600 und 700 Stationen.

Das Prinzip wird klar: Blitze sind elektromagnetische Wellen, deren Frequenz erfasst werden kann. Diese Daten, die zudem mit einem Zeitstempel und einer sogenannten GPS-Uhr (GPS = Global Positioning System; deutsch Globales Positionsbestimmungssystem) versehen sind, werden von den Stationen an zentrale Server-Computer gesendet, die diese dann berechnen. "Mathematik, Informatik, Meteorologie und vieles mehr", berichtet Tobias Volgnandt über die Themen der Menschen, die an diesem Projekt mitarbeiten. Unter den Mitstreitern sind auch viele Amateurfunker.

Blitz-Daten werden nicht verkauft


"Für uns alle ist das ein Hobby", erklärt er. Ein Grund also, dass die Daten nicht verkauft werden. Anfragen gibt es schon. Stromlieferanten, Versicherungen und andere Branchen schauen interessiert. Konkurrenz zu den gewerblichen Meteorologen? "Ja, ein wenig. Aber wir können und wollen unsere Daten nicht garantieren", gibt Tobias Volgnandt zu bedenken. Er selbst ist seit drei Jahren bei diesem Projekt dabei, das Prof. Egon Wanke entwickelt hat. Jetzt, wo es sehr häufig überall mal wieder gewittert, ist auch viel zu tun. Bis zu 50 E-Mails aus aller Herren Länder müssen bearbeitet werden.

Was nicht geht: Aussagefähige Vergleiche. "Unser System ist noch so jung, dass wir die gewonnenen Ergebnisse nicht mit denen vergleichen können, die etwa vor fünf Jahren erhoben wurden", sagt er. Die Technik entwickelt sich zunehmend weiter, die Auswertungsmöglichkeiten auch. "Noch mehr Mitarbeiter, irgendwann mal die ganze Erde abdecken, die Genauigkeit noch weiter erhöhen, noch mehr wissenschaftliche Parameter erheben", formuliert Volgnandt ohne großes Zögern, wenn er auf die Zukunft und auf mögliche Wünsche angesprochen wird.

Jetzt im Sommer verwendet er sehr viel Zeit darauf. "Hauptsaison" kann man das nennen. "Im Winter ist fast nichts los", erklärt der Gewitter- und Blitzexperte.

Rekordeinschläge in OberfrankenDas oberfränkische Coburg hat im vergangenen Jahr die meisten Blitze in Deutschland angezogen. Der Karlsruher Blitz-Informationsdienst von Siemens (Blids) zählte dort 299 Blitze, das sind 6,39 Einschläge pro Quadratkilometer. Fast genauso oft wurde der Himmel im Landkreis Görlitz in Sachsen erleuchtet mit 5,89 Blitzen pro Quadratkilometer (4117 Blitze). Diese Zahlen gehen aus dem Blitz-Atlas hervor, der am Montag in München veröffentlicht wurde. Insgesamt entluden sich im vergangenen Jahr knapp 550 000 Blitze über Deutschland.

Jeder Blitz erzeugt eine elektromagnetische Welle, die über mehrere hundert Kilometer hinweg gemessen werden kann. Der Informationsdienst in Karlsruhe greift auf Daten von rund 150 Mess-Stationen in Europa zu. «Aus den Werten der verschiedenen Empfänger ermitteln wir genau, wo gerade ein Blitz einschlägt», erklärte Blids-Leiter Stephan Thern. Diese Informationen werden unter anderem von Stromnetzbetreibern und Versicherungen abgefragt.

Prinzipiell gilt: Im bergigen Süden Deutschlands schlägt der Blitz häufiger ein als im Norden. Allerdings können spezielle Großwetterlagen auch Landschaften im Norden hell erleuchten. So finden sich unter den Top Ten der blitzreichen Regionen 2013 nicht nur Kempten im Allgäu (5,24 Blitze) und Kaufbeuren (4,47) sondern auch Mühlheim an der Ruhr (5,14) und Kiel (4,47). Weitgehend verschont wurden dagegen der Landkreis Limburg-Weilburg mit lediglich 0,17 Blitzen pro Quadratkilometer sowie die Stadt Schweinfurt (0,20). (dpa)
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