Nach dem Zugunglück von Bad Aibling
"Das Land trauert"

Ein Spezialkran der Deutschen Bahn ist seit Mittwochnachmittag bei Bad Aibling an der Unglücksstelle im Einsatz. Dort hat die Bergung der beiden verunglückten Züge begonnen. Die ineinander verkeilten Züge sollen getrennt und dann in Teilen geborgen werden. Bei dem schweren Zugunglück zwischen Rosenheim und Holzkirchen waren am Dienstag zehn Menschen ums Leben gekommen, Dutzende wurden verletzt. Bild: dpa
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Bayern
11.02.2016
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Haben Sie Verständnis, dass ich den Untersuchungsergebnissen nicht vorgreifen möchte.

Dieser Aschermittwoch ist geprägt von Trauer. Sie eint die Politik, die sich sonst an diesem Tag einen heftigen Schlagabtausch liefert. Nach dem Bahnunglück von Bad Aibling haben aber auch Ursachenforschung und Aufräumarbeiten begonnen.

Bad Aibling. Es ist eine sonderbare Mischung: Am Tag nach dem verheerenden Zugunglück von Bad Aibling trauen viele Menschen um die Toten, gleichzeitig laufen an der Unfallstelle schon fast routiniert die Aufräumarbeiten. Für Gefühle ist bei diesem Job wenig Platz. Experten forschen intensiv nach der Ursache. Wie konnte es trotz moderner Sicherheitstechnik im Bahnverkehr passieren, dass zwei Züge frontal zusammenstoßen?

Menschliches Versagen?


Eines ist inzwischen gewiss: Bei dem Zugunglück - das schwerste in Bayern seit mehr als 40 Jahren - starben zehn Männer im Alter zwischen 24 und 60 Jahren. Alle lebten in der Region. Unter den Toten sind auch die beiden Lokführer und ein sogenannter Lehr-Lokführer.

Noch längst nicht sicher scheint indessen zu sein, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Zwar hat die Deutsche Presse-Agentur aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass die Tragödie durch menschliches Versagen ausgelöst worden sein soll. Doch weder Staatsanwaltschaft noch Polizei wollen unter Verweis auf laufende Ermittlungen etwas dazu sagen. Nur so viel: Der Fahrdienstleiter sei bereits befragt worden. Ein dringender Tatverdacht habe sich dabei aber nicht ergeben, sagt Jürgen Thalmeier vom Polizeipräsidium in Rosenheim. Grundsätzlich auszuschließen sei menschliches Versagen natürlich nicht. Auch Politiker halten sich bedeckt. Und Bahnchef Rüdiger Grube erklärt: "Haben Sie Verständnis, dass ich den Untersuchungsergebnissen nicht vorgreifen möchte."

Blumen und Kerzen


Ohnedies gehört der Mittwoch der Trauerarbeit. An der Mariensäule vor dem Rathaus von Bad Aibling haben die Menschen Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Passanten bleiben stehen, halten inne. "Das Land trauert", sagt Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der am Vormittag mit einem ganzen Tross an Politikern auch von SPD und Grünen an den Unglücksort gekommen ist. Trauer eint die Parteien, die sich sonst am Aschermittwoch einen harten Schlagabtausch liefern.

Erst sprechen Seehofer und andere Spitzenpolitiker hinter verschlossener Tür mit den Helfern von Feuerwehr, Rotem Kreuz und anderen Organisationen. 700 Helfer waren tags zuvor im Einsatz gewesen, um die 17 schwer und 63 leicht Verletzten aus dem unwegsamen Gelände auszufliegen. Danach fährt der Tross weiter zum Unglücksort. Vier Kränze und Blumengebinde mit weiß-blauen und weiß-roten Trauerschleifen werden niedergelegt. Dann verharren die Politiker zusammen mit Helfern hauptsächlich vom Technischen Hilfswerk (THW) minutenlang in stillem Gebet an der Stelle, wo sich die Triebwagen der Nahverkehrszüge ineinander gebohrt haben. Im eisigen Wind flattern die Schleifen der Gebinde. "Man ist ganz verstört, wenn man diese Bilder noch mal sieht, diese Knäuel", sagt Seehofer.

Die Knäuel zu entwirren, ist nun die Arbeit der Techniker. Schon am Dienstag war die Oberleitung entfernt worden. Nun fällen THW-Männer einige Bäume, die im Weg stehen. Von beiden Seiten sind inzwischen riesige Kräne herangefahren. Zunächst sind die Helfer noch mit Vorbereitungsarbeiten an den entgleisten Wagen beschäftigt. Erst am späten Nachmittag wird einer der hinteren Zugteile unter lautem Krachen vom Kran angehoben und wieder zurück aufs Gleis gesetzt.

Bis die Bergungsarbeiten zu den beiden total zerfetzten Zugteilen vordringen können, vergeht nach Einschätzung des Feuerwehr-Einsatzleiters Wolfram Höfler noch mindestens ein Tag. Ein eisigkalter stürmischer Wind und immer wieder einsetzende Schneeschauer machen die ohnedies schwierige Arbeit nicht leichter.
Haben Sie Verständnis, dass ich den Untersuchungsergebnissen nicht vorgreifen möchte.Bahn-Chef Rüdiger Grube


Fragen & AntwortenWelche Fehler kommen in Frage?

Prinzipiell möglich sind Fehler in der Zugleittechnik, in der Kommunikation zwischen Stellwerk und Lokführern oder im Verhalten von Fahrdienstleiter oder Lokführern. Auf eine technische Fehlschaltung deutet bislang nichts hin. Denkbar ist außerdem eine grobe Missachtung der Vorschriften durch Lokführer oder Fahrdienstleiter.

Wieso wurden die Züge nicht automatisch gestoppt?

Das PZB-System gilt als zuverlässig. Aber ein Fahrdienstleiter kann dessen Entscheidung überstimmen, etwa wenn die Signalanlage defekt ist und ein Zug dennoch bis zum nächsten Bahnhof fahren soll. Anderes Beispiel: Ein Zug bleibt auf freier Strecke liegen und muss abgeschleppt werden. Die Abstandsregeln verböten es, eine zweite Lok an den Zug heranfahren zu lassen.

Wie ist die Strecke ausgerüstet?

Die Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim wird mit der sogenannten Punktförmigen Zugbeeinflussung (PZB) gesichert. Diese wird bis Tempo 160 eingesetzt.

Was zeichnen Fahrtenschreiber auf?

Die elektronischen Fahrtenschreiber zeichnen den Fahrtverlauf auf, also Tempo, Bremsvorgänge und die Bedienbefehle des Lokführers. In Stellwerken werden nach Angaben der Bahn Signaleinstellungen und Kommandos der Fahrdienstleiter dokumentiert. (dpa)
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