Neuausgabe von "Mein Kampf"
Hitler in Schranken weisen

Christian Hartmann, Projektleiter der wissenschaftlichen Ausgabe "Hitler, Mein Kampf - Eine kritische Edition", wird am Freitag von Journalisten umlagert. Bild: dpa
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Bayern
08.01.2016
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Das Münchner Institut für Zeitgeschichte bezeichnet die kommentierte Neuausgabe von Hitlers "Mein Kampf" als "politisch-moralisch notwendig". Bei der Vorstellung reagierten die Historiker gelassen auf kritische Stimmen.

München. Es ist wieder da. Hitlers Buch "Mein Kampf" gibt es seit Freitag wieder zu kaufen, als "kritische Edition". Herausgegeben hat diese das Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ). Die zwei Bände enthalten den Originaltext der Hetz- und Schmähschrift Hitlers, doch ist der angereichert mit über 3700 Kommentaren eines ganzen Historikerteams. "Wir haben Hitlers Text mit unseren Anmerkungen umzingelt", schildert Projektleiter Christian Hartmann das Vorgehen. Niemand mehr soll der darin enthaltenen Propaganda und den Tiraden ohne wissenschaftlich fundierte Kommentierung ausgeliefert sein.

Die Präsentation der editierten "Kampf"-Ausgabe ist ein internationales Medienereignis. Der Lesesaal im IfZ ist proppenvoll. Das französische Fernsehen hat ein Kamerateam entsandt, die New York Times eine Korrespondentin geschickt. Hitlers Buch ist noch immer ein Mythos, und genau damit will das IfZ auf 1948 Seiten aufräumen.

Lob von Ian Kershaw


"Es war höchste Zeit für eine streng wissenschaftliche Edition", lobt der englische Hitler-Biograph Ian Kershaw als Gastredner. Die vielen Anmerkungen der Editoren mit ihren zahlreichen Quellennachweisen seien ein "Kunstwerk an sich". Kershaw erkennt eine "dezidierte Widerlegung" der Hetzschrift Hitlers, die für die künftige Hitler-Forschung "unentbehrlich" sein werde.

Andreas Wirsching, der Direktor des IfZ, begründet die kommentierte Neuauflage des Buches mit dem Wegfall des Urheberschutzes zum Jahreswechsel. 70 Jahre nach dem Tod eines Autors ist dessen geistiger Nachlass qua Gesetz frei verfügbar, Hitler erschoss sich 1945. "Es wäre schlicht unverantwortlich, dieses Konvolut der Unmenschlichkeit gemeinfrei und kommentarlos vagabundieren zu lassen, ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gewissermaßen in die Schranken weist", erklärt Wirsching. Die Edition enttarne Hitlers Falschinformationen und "glatten Lügen" und mache auch jene Halbwahrheiten kenntlich, auf der seine Propaganda beruhte.

Es wäre schlicht unverantwortlich, dieses Konvolut der Unmenschlichkeit gemeinfrei und kommentarlos vagabundieren zu lassen, ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gewissermaßen in die Schranken weist.Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte zu Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf"


Das Editorenteam hat sich dieser Aufgabe mit akribischer Detailarbeit gestellt. Satz für Satz wird jede Aussage Hitlers hinterfragt und einem Faktencheck unterzogen. Nicht nur wegen des schwer verdaulichen Inhalts des Originaltextes ist die Edition deshalb keine leichte Kost, obwohl sie sich die bewusst an eine breitere Öffentlichkeit wendet und in einer allgemein verständlichen Sprache gehalten ist. Schließlich soll sie wissenschaftlichen und pädagogischen Zwecken gleichzeitig dienen. Um jegliches kommerzielles Interesse an der Neuauflage von "Mein Kampf" auszuschließen, bringt das IfZ die Edition im Eigenverlag zum Selbstkostenpreis von 59 Euro in den Buchhandel. Die genaue Zahl der Erstauflage nennt Wirsching nicht, sie liegt wohl im mittleren vierstelligen Bereich. Weltweit gebe es schon rund 15000 Bestellungen. Man werde wohl nachdrucken, "aber wir wollen vermeiden, dass die Edition zu einem Exportschlager wird".

Dienst an Würde der Opfer


Natürlich provoziert das Projekt auch Kritik. Aus der Literaturwissenschaft kommt der Einwand, das "absolut Böse" sei nicht editierbar, und die Verbände der Nazi-Opfer blicken fröstelnd auf die gedruckte Wiederauferstehung von Hitlers Rassenwahn. Wirsching betont, man sei sich dieser Einwände bewusst. Aber was wäre die Alternative nach Ende des Urheberschutzes? In Indien, berichtet Hartmann, sei ein Hochglanznachdruck von "Mein Kampf" im Handel. Vor diesem Hintergrund wäre "politisch-moralisch nicht zu vertreten, untätig zu bleiben", sagt Wirsching und sieht in der kritischen Aufarbeitung einen "sehr spezifischen Dienst an der Würde der Opfer". Hartmann ist sich sicher: "Die deutsche Gesellschaft ist reif für die Auseinandersetzung mit dem Buch."

"Mein Kampf" auch als UnterrichtsstoffDas bayerische Kultusministerium will mit Erscheinen der kommentierten Edition von "Mein Kampf" den Schulen erste Hinweise zum Umgang mit dem Pamphlet an die Hand geben. Zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit würden ab Februar auch Fortbildungen für Multiplikatoren angeboten, sagte ein Sprecher. Darüber hinaus plane die Landeszentrale eine Handreichung, die Tipps für Lehrer und Multiplikatoren zur Arbeit an Originaltexten aus "Mein Kampf" im Unterricht geben soll. Zudem bereite die Zentrale zusammen mit Wissenschaftlern eine neue, mehrbändige Geschichte des Nationalsozialismus vor. In dieser werde auch "Mein Kampf" als Bestandteil des NS-Schrifttums ausführlich behandelt. (epd)

ReaktionenDer Jüdische Weltkongress (WJC) hat das Erscheinen der neuen kritisch kommentierten Ausgabe von Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ kritisiert. Die Veröffentlichung sei „überflüssig“, sagte WJC-Präsident Ronald S. Lauder laut Mitteilung vom Freitag. Historiker und alle anderen, die Zugang zu dem Buch bräuchten, hätten ihn bereits. „Von diesem abscheulichen und giftigen Buch sind schon genug Exemplare gedruckt worden“, sagte Lauder. „Es wäre also das beste, ,Mein Kampf‘ dort zu lassen, wo es hingehört: Im Giftschrank der Geschichte.“

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) nennt die kritische Edition von „Mein Kampf“ einen wichtigen Beitrag für die politische Bildung, auch im Schulunterricht. In der Neuauflage sei nachzuvollziehen, „wie aus diesen gefährlichen Worten Hitlers schreckliche Taten werden, wie das funktioniert hat“. Es sei gut, dass Jugendliche nun „in die Lage versetzt werden, dass man selbstständig denken kann und dass man eben nicht auf populistische Verführer hereinfällt.“

Ohne Alternative - Kommentar von Jürgen Umlauft

Eine kommentierte Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“? Muss das sein? Es muss nicht. Aber was wäre die Alternative? 70 Jahre nach Hitlers Tod ist der Urheberschutz entfallen, der Text ist jetzt frei für jedermann. Für Historiker, aber auch für Geschäftemacher und Ewiggestrige. Da schadet es nicht, wenn eine wissenschaftlich fundiert aufgearbeitete Ausgabe einen Maßstab für den weiteren Umgang mit dem Machwerk setzt und mit dem Schauer des Geheimnisumrankten aufräumt.

Wenn nun Kritik daran geübt wird, dass sich das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) nicht streng an die Vorgaben für kritische Editionen in der Literatur hält, greift das in der Sache zu kurz. „Mein Kampf“ ist keine Literatur, das Buch ist – wie der Titel schon sagt – eine politische Kampfschrift, und zwar eine hetzerische und menschenverachtende. Sich ihr mit den Regeln der Literaturwissenschaft zu nähern, ist so wenig sinnvoll, wie das Gewicht eines Buches mit dem Meterstab zu bestimmen.

Die IfZ-Edition betreibt ganz bewusst keine Literaturexegese. Sie will die womöglich vielen Nachdrucke des hasstriefenden Gedankenguts Hitlers mit einer historisch und politisch einordnenden, die Lügen und Mythen entlarvenden Fassung konfrontieren. Im besten Fall wird sie ein Nachschlagewerk dafür sein, den plumpen Parolen unverbesserlicher Hitler-Verehrer und neuer Rassisten mit Aufklärung und Fakten begegnen zu können. Deshalb musste sie sein, dafür gebührt den Editoren Dank.
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