Niederbayern räumt nach Unwettern auf
Meterhoch Schutt und Schlamm

Von Schlamm bedeckte Flaschen und Krüge in der Innenstadt von Simbach am Inn. Bild: dpa
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Bayern
04.06.2016
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Ein kaputtes Auto, Schlamm und Unrat liegen im Zentrum von Simbach am Inn. Mindestens sieben Menschenleben hat die Flutwelle in Niederbayern gefordert. Bild: dpa

Sieben Tote - das ist die traurige Bilanz des verheerenden Hochwassers in Niederbayern. Es hat in der Region eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Nur allmählich entspannt sich die Lage.

Pfarrkirchen. Zwei Tage nach der Flutkatastrophe in Niederbayern ist die Zahl der Toten weiter gestiegen: Nach Angaben der Behörden starb am Freitag in einem Krankenhaus ein 72 Jahre alter Mann, der in Triftern noch aus dem Hochwasser gerettet worden war, dabei jedoch eine Herzattacke erlitten haben soll. Damit haben die schweren Überschwemmungen vom Mittwoch sieben Menschenleben gekostet. An diesem Samstag will sich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in Simbach am Inn ein Bild von der Lage machen.

Das Landratsamt Rottal-Inn in Pfarrkirchen gab am Freitagabend Entwarnung: Im niederbayerischen Überschwemmungsgebiet würden keine Personen mehr vermisst. Seit dem frühen Abend stehe dies fest. Damit gebe es keine aktuellen Vermissten-Meldungen mehr. Zuletzt war ein seit Donnerstag vermisstes Ehepaar - ein 81 Jahre alter Mann und seine 77-jährige Frau - unversehrt ausfindig gemacht worden. Unklar war, unter welchen Umständen sie gefunden wurden.

150 Menschen gerettet


Für sieben Menschen war jede Hilfe zu spät gekommen. Die Fluten rissen Tochter, Mutter und Großmutter einer Familie in den Tod, die Leichen der Frauen wurden im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses gefunden. Eine 80-Jährige wurde zwei Kilometer mitgerissen, als die Wassermassen über ihr Haus hereinbrachen und es total zerstörten. Auch zwei Männer - 75 und 65 Jahre alt - konnten nur tot geborgen werden. Insgesamt hätten Bergwacht und Wasserwacht bei 390 Einsätzen rund 150 Menschen aus lebensbedrohlichen Situationen gerettet, teils mit Hilfe von Hubschraubern und Booten. Die Aufräumarbeiten liefen unterdessen auf Hochtouren.

Gut 400 Betroffene holten Sofortgelder ab. Insgesamt zahlte das Landratsamt Rottal-Inn am Freitag bereits 645 000 Euro aus. Jeder Haushalt bekommt 1500 Euro, um das Nötigste anzuschaffen. Das Aufräumen ging weiter. Es werde Monate dauern, bis die Folgen der Flut beseitigt seien, hieß es. Bagger schoben meterhoch angeschwemmten Unrat weg. "Es liegen noch Baumstämme fünf Meter hoch an den Häusern", sagte ein Polizeisprecher. Feuerwehren saugten mit großen Spezialschläuchen Schlamm und Wasser ab. Anwohner griffen zur Schaufel. Taucher waren in überfluteten Kellern unterwegs. Bis die Folgen der Flut beseitigt sind, werden nach Schätzungen Monate vergehen. Am Montag fällt an einigen Schulen im Überschwemmungsgebiet erneut der Unterricht aus, darunter am Gymnasium in Simbach am Inn. Die Abiturprüfungen dort fänden aber statt, teilte das Landratsamt mit.

Weitere Regengüsse


Die Stromversorgung war am Freitag weitgehend wiederhergestellt. Mit Hochdruck wurde aber an der Trinkwasserversorgung gearbeitet. Das Technische Hilfswerk errichtete am Freibad von Simbach eine Anlage zur Wasseraufbereitung. Starke Regenfälle haben am Freitagabend in Teilen von Oberbayern und des Allgäus abermals zu überfluteten Straßen und vollgelaufenen Kellern geführt. Besonders betroffen war der oberbayerische Landkreis Weilheim-Schongau. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in München fielen in dem Landkreis binnen zwei Stunden mehr als 50 Liter Regen pro Quadratmeter.

s Innenminister Joachim Herrmann (CSU) lobte die Arbeit der Helfer. Bisher waren mehr als 300 Polizeibeamte im Einsatz, zudem 3000 Helfer der Freiwilligen Feuerwehr, mehr als 750 von freiwilligen Hilfsorganisationen sowie 200 vom Technischen Hilfswerk.

Der Mais und das HochwasserNach Ansicht von Umweltschützern spielt bei der Flutkatastrophe in Niederbayern auch die industrielle Landwirtschaft und der Verlust von Wiesen und Weiden eine Rolle. Besonders der Mais, der einen Anbauschwerpunkt in der vom Hochwasser betroffenen Region hat, steht in der Kritik. Früheres Grün- und Weideland als Rückhaltefläche für Wasser sei immer mehr in Acker vor allem für den Maisanbau umgewandelt worden, sagte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, im Gespräch mit der dpa. Komme der Regen, werde die fruchtbare Ackerkrume einfach weggeschwemmt. "Das sind die braun-gelben Fluten, die man dann in den Bächen und Flüssen sieht." Zudem wird gerade als Folge des Maisanbaus der Boden verdichtet. Dieser habe damit weniger Aufnahmekapazitäten für Niederschläge. (dpa)

"Elvira"-Schäden: 450 Millionen Euro

Braunsbach/Berlin. (dpa) Das Sturmtief "Elvira" wird die deutschen Versicherer nach eigener Schätzung voraussichtlich fast eine halbe Milliarde Euro kosten. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schätzt die Kosten auf rund 450 Millionen Euro, wie er am Freitag in Berlin mitteilte. "Elvira" wütete in der Nacht zum Montag vor allem über dem Norden und Osten Baden-Württembergs. In den Zahlen noch nicht enthalten sind die Unwetterschäden der darauffolgenden Tage, etwa in Niederbayern.

"Helfen statt gaffen"

Simbach. (dpa) Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) rief Schaulustige zum Anpacken auf. "Helfen statt gaffen - das ist das, was wir in Notsituationen brauchen", sagte er am Freitag. "Sich an menschlichen Katastrophen ergötzen und dabei Menschen im Weg stehen, die anderen Menschen in der Not helfen wollen, ist alles andere als lustig. Das gehört sich einfach nicht. Es ist schlichtweg unverschämt."

Hagel in Tschechien

Pilsen. (nt/az) Auch in Tschechien haben Unwetter große Schäden angerichtet. Dies berichteten Augenzeugen unserer Zeitung. In Horovice zwischen Prag und Pilsen gingen münzgroße Hagelkörner nieder, die sich wie Zentimeter hoher Schnee auf die Straßen legten.
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