Poetry Slam bringt Autoren auf die Bühne in Amberg
Julian Heun ist „Master of the Uni-Vers“

Julian Heun ist der Master of the Uni-Vers. Bild: wsb
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Bayern
20.11.2014
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Die Vorfreude ist spürbar. Die Zuhörer sitzen auf ihren Plätzen. Alle Blicke sind nach vorne gerichtet. Gespanntes Schweigen erfüllt den Raum. Das Licht ist gedimmt. Ein junger Mann, hochgewachsen und braungelockt, tritt ans Mikrofon: „Ich habe neulich versucht zu fliegen, also mit‘m Flugzeug und mein Pass war aber abgelaufen.“ Er berichtet, wie ihm keine Zeit mehr blieb, irgendetwas zu unternehmen. Er konnte den Pass nur am Schalter vorlegen: „Und ich hab dann überlegt, was ich machen kann. Vielleicht betteln oder 'ne ganz krasse Ausrede“. Doch ihm fiel nichts ein. Und so erzählte er der Frau am Schalter „das schlechteste Argument auf der Welt jemals“: „Ich möchte aber trotzdem fliegen“.

So beginnt der Finalbeitrag von Julian Heun, mit dem er den ersten „Master of the Uni-Vers“ in Amberg gewinnt. Eine Viertel Stunde vor dem Beginn des Poetry Slams, einem Autoren-Wettstreit mit selbstverfasste Texten, sitzen die etwa 200 Zuschauer schon auf ihren Plätzen. Das Publikum ist bunt gemischt: Leute in Anzügen, in Pullis, mit Dreadlocks, grauen Haaren und Piercings. Das Interesse für den Poetry Slam, der schon in Regensburg ein Riesenerfolg war, macht vor keinem Alter halt.

Die Organisatoren Thomas Spitzer und Ko Bylanzky, die den „Master of the Uni-Vers“ vergangenes Jahr in Regensburg ins Leben gerufen haben, moderieren mit Scherzen, die aus dem Moment entstehen. Für Musik zwischen den Beiträgen sorgt Felix Kaden von Culture Epic Sound. Durch dramatische Einspielungen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ sorgt er für zusätzliche Spannung in entscheidenden Momenten.


Anmachsprüche kennt er nur zur Hälfte


Es gibt zwei Duell-Runden, bis Heun und Sulaiman Masomi im Finale stehen. Seit kurzem ist Heun wieder Single, berichtet er. Vor jedem seiner Beiträge lässt er den Namen des neuen Freundes seiner Ex-Freundin vom Publikum ausbuhen. Er würde gerne Frauen kennenlernen, doch es fällt ihm schwer, sie anzusprechen. Anmachsprüche kann er sich nur zur Hälfte merken. „Dein Vater muss ein Dieb gewesen sein.“ „Warum?“ „Keine Ahnung. Weil du aussiehst, als wärst du im Knast aufgewachsen.“

Bevor die Teilnehmer mit den Rededuellen beginnen, erklären die Moderatoren die Regeln: Die Texte müssen selbstverfasst sein. Jeder Autor hat pro Auftritt maximal sieben Minuten Sprechzeit. Es sind keine Requisiten erlaubt. Spitzer fügt hinzu: „Jeder Poet sollte die Bühne mit einem letzten Rest Würde verlassen können“. Damit fordert er vom Publikum Respekt gegenüber den Auftretenden.

Eine Runde Testapplaus soll den Zuschauern verdeutlichen, was die Moderatoren von ihnen verlangen. Das Publikum entscheidet über den Gewinner. Also gibt es einmal dezentes Klatschen für eine „so lala“ Vorstellung, lautes Klatschen für „ein sympathisches Kerlchen, das ihr gleich in euer Herz schließt“. Und eine Kombination aus Pfeifen, Klatschen und Stampfen für einen Auftritt, bei dem „Magie in der Luft liegt“. Die Moderatorenbeschreibung dazu lautet: „Der Text ist so wunderbar, dass ich ihn meiner Tochter ins Gesicht tätowieren will“.


Beim Poetry Slam entscheidet der Applaus des Publikums über Sieg oder Niederlage.

Die Zuhörer jubeln. Jeder Teilnehmer versucht nicht nur durch einen guten Text zu überzeugen, sondern liefert auch eine passende Darstellung dazu. Sie verstellen die Stimmen, gestikulieren, reden mal schnell, mal langsam. Die Texte reimen sich nicht immer, sondern haben häufig Erzähl-Charakter. Heun verknüpft die Worte in seinen Texten oftmals so geschickt gereimt, dass der Zuhörer Mühe hat, zu folgen: „Wo sind die Kids, die mit spritzender Tinte Rilke in die Sitze ritzen? Die im Bus der Kultur ganz hinten sitzen, die im Buchladen ganz unten liegen, die beim Slam aus der ersten Runde fliegen?“

Der Deutschafghane Sulaiman Masomi schafft es mit seiner teilweise monotonen Erzählweise und seinem trockenen Humor ins Finale. Seinen ersten Auftritt an diesem Abend beginnt er mit: „Keine Angst, ich sprech' Deutsch“. Damit erntet er bereits den ersten Lacher. Im nächsten Moment rast er kaum verständlich durch seinen ersten Absatz, so dass ihm die Zuschauer schwer folgen können, kaum mehr als „Furz“ verstehen. Erst dann kommt er zur eigentlichen Geschichte. Er erzählt, wie er mit seinen Kumpels Sergej und Vitali auf den Weg zu Kik war, um Klamotten zu klauen. Sie begegneten einem Nazi-Aufmarsch. Einer seiner Freunde beschimpfte die Demonstranten als Ausländer. Dies führte zu einer wüsten Schlägerei und dann zur Flucht. Sie kamen zwar heil heraus, aber hatten keine Lust mehr zu klauen.

Humoriges, Nachdenkliches und Geschichten über Frauen


Einen besonders ungewöhnlichen Beitrag liefert Eny 42, Slammer und Organisator des Poetry Slams im Café Zentral in Amberg. Im Tonfall eines katholischen Pfarrers predigt er seinen Beitrag: „In nomine Patris et Filii, et Spiritus Sancti“. Er kommt auf einen toten Wal zu sprechen, auf dessen „Gemächt“ („Denn meiner ist kleiner“), auf Politik und auf kleine und große Vergehen von Prominenten, wie Uli Hoeneß‘ Steuerhinterzug.


Keine Angst vor dem Publikum: Thomas Spitzer (rechts) und Ko Bylanzky erklären die Regeln eines Poetry Slams.

Humoristisch berichtet Pascal Simon von der Vorbereitung zum Seminararbeits-Vorbereitungsgespräch, angereichert mit vielen imaginären Keksen, nach denen er greift. Mit denen will er seine Erfolge belohnen, wie das Aufsetzen einer Arbeitsüberschrift oder eine Nummerierung. Das Belohnungssystem hat er von der Hundedressur des Nachbarn abgeschaut.

Karla Schnikov und Daniela Plößner texten über Frauen. Plößner geht es um das Image der Frau im Vergleich zu ihren eigenen Kindheitsvorstellungen: „Frauen sind Pflasterkleberinnen, Süßigkeiten-vor-Kinder-Versteckerinnen und Prinzessinnen. Die moderne Frau braucht keine Komplimente, sie weiß, wie gut sie ist.“

Schnikov erzählt in ihrem ersten Text des Abends vom Altern: „Ich mag keine Schokolade. Da geh ich lieber zur Tankstelle und schnüffele am Tankhahn“. Im zweiten erzählt sie von der „Apokalypse der Zombie-Lesben“. Sie berichtet vom Hochwasser in Passau, als sie mit ihrer Nachbarin in der Wohnung von der Donau "gefangen" war. Verpflegung: Alkohol. Das Geld für Mineralwasser spart sich die Autorin. Erst in der "Gefangenschaft" stellte Schnikov fest, dass ihre Nachbarin lesbisch ist.

Nach rund zwei Stunden soll die Entscheidung fallen. Im ersten Applaus-Anlauf ist das Publikum unentschieden. Und dann wird es doch deutlich: Julian Heun ist der erste "Master of the Uni-Vers" in Amberg. Als Preis erhält er eine bunte Plastikbrille und eine Flasche Wodka, die er auf der Bühne mit seinen Slam-Kollegen teilt. Organisator Thomas Spitzer, sein Kollege Ko Bylanzky und Wolfgang Dersch, Kulturreferent der Stadt Amberg und Initiator des Master of the Uni-Vers in der OTH, lächeln angesichts des Erfolgs des Poetry Slams zufrieden. Das Publikum ist es wohl auch. Ein junger Mann fasst seinen Abend zusammen: „War ziemlich cool, schön so etwas mal in Amberg zu haben. Könnte öfter sein ...“