Politiker und Parteien auf der Videoplattform Youtube
Die Macht der bewegten Bilder

Florian Mundt. Bild: dpa
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Bayern
07.07.2015
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Von Alexander Unger und Christian de Vries

Wann kommt schnelles Internet für alle? Wie funktioniert die Reichensteuer? Warum wurde Putin nicht zum letzten Gipfel eingeladen? Was halten Sie von deutschem Rap? Junge Menschen haben Fragen an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Am Freitag ist es soweit. Sie stellt sich diesen und anderen Fragen von Florian Mundt, besser bekannt als Youtuber LeFloid. Er rief auf seinem Kanal beim Videoportal, der derzeit rund 2,6 Millionen Abonnenten hat, dazu auf, Fragen einzuschicken. Haben die Politiker das Videoportal Youtube für sich entdeckt? Oder haben die Youtuber die Politik für sich entdeckt?

In einem Video-Beitrag kündigt LeFloid an "ein wenig mit Angela Merkel zu schnacken". Für den "Termin mit einer jungen Frau" sollen seine Follower Fragen stellen. Unter dem Suchbegriff #NetzfragtMerkel sammelt er die Anliegen der User und wählt daraus aus. Passend zum Portal sollen die Nutzer die Fragen auch in einem Video stellen und veröffentlichen. Einen Zusammenschnitt vom Gespräch will er am folgenden Montag im Internet veröffentlichen. Am Dienstag nach der Ankündigung hatten bereits über 450.000 Nutzer das Video aufgerufen. Knapp 50.000 gaben einen "Daumen hoch" für den Aufruf, rund 15.000 Kommentare finden sich bereits dazu unter dem Beitrag. Sieht so politische Bildung und Teilhabe mittels Internet aus?

Eine Auswahl der Fragen an Bundeskanzlerin Angela Merkel



Florian Mundt produziert seit 2010 Videos für die Youtube-Plattform. Innerhalb weniger Jahre finden immer mehr Abonnenten Gefallen daran. Der Student der Psychologie und Rehabilitationspädagogik gehört zu den meistgesehenen Youtube-Produzenten in Deutschland. Vor ihm liegen allerdings mit deutlichem Abstand Unterhaltungsformate. "Gronkh" (3,6 Millionen Abonnenten) etwa produziert ausschließlich Videos zum Spiel "Minecraft", die Formation YTITTI (3,1 Millionen Abonnenten) ausschließlich Unterhaltung.

Weniger bekannt ist vielen, dass Mundt mit anderen Produzenten auch weitere Formate bespielt. Geschickt spielt er auch weitere Kanäle im Web: Auf Facebook hat der Video-Produzent 621.000 Fans, bei Twitter 565.000 Follower. Das Ziel dabei: Der Verweis auf seine Videos. Anders als viele andere fordert LeFloid immer wieder zu Diskussionen auf der Videoplattform auf, nimmt selbst rege daran teil. Im Jahr 2014 erhielt er den angesehenen Grimme Online Award, zudem bereits zwei Mal den Webvideopreis. Wenn auch zuweilen mit deutlicher Meinung ist Florian Mundt dennoch nicht damit bekannt geworden, sich gründlich mit dem Thema Politik zu befassen.

Medien und Akteure im Netz spekulieren darüber, wer für das Interview auf wen zugegangen ist. Vielleicht hat sich die Bundeskanzlerin den amerikanischen Präsidenten Barack Obama zum Vorbild genommen. Er hatte sich vor geraumer Zeit mit einigen Videobloggern getroffen, erneut ein gelungener PR-Coup, der in den Vereinigten Staaten viel Aufmerksamkeit erreichte. Vermutet wird, dass die Angela Merkel mit dem Interview von LeFloid ein jüngeres Publikum erreichen möchte.

Ähnlich wie Unternehmen und bekannte Marken versuchen auch Politiker und Parteien Youtube als Möglichkeit für Botschaften, Standpunkte und auch Wahlwerbung zu nutzen.

Die Videoarbeit der Parteien und Politiker steckt da scheinbar noch in den Kinderschuhen. Die Zahl der Abonnenten bleibt meilenweit hinter den "Marktführern" zurück. Fünfstellige Zuschauerzahlen sind eher die Ausnahme.

Abonnenten der Parteienkanäle:
  • Die Linke im Bundestag: 20872
  • SPD: 5313
  • Bündnis90/Die Grünen 5118
  • Piratenpartei: 5165
  • FDP: 3431
  • AFD: 1251
  • CSU: 822


Auf den Kanälen finden sich im Regelfall Statements und Positionen - verfilmtes Wahlprogramm. Interaktionen? Bei der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag (Link zum Kanal der CDU und CSU-Fraktion) heißt es wie bei Beiträgen der FDP (Link zum Kanal der FDP), der CSU (Link zum Kanal der CSU) oder der AFD (Link zum Kanal der AfD) : "Kommentare sind für dieses Video deaktiviert". Die SPD (Link zum Kanal der SPD) lässt zumindest Kommentare zu den Videos zu. Antworten auf Fragen, Interaktionen oder Moderation der vorhandenen Kommentare sind Mangelware. Damit reduziert sich die Präsenz auf dem Videoportal auf Verlautbarungen, statt auf die Kommunikation mit Befürwortern oder auch Kritikern.

Spannender erscheint da schon der Kanal der Bundesregierung (Link zum Kanal der Bundesregierung). Knapp 13.000 Abonnenten folgen derzeit (Stand Juni 2015) den Videos aus Berlin. Kommentare sind zugelassen, auf Fragen gibt es zeitnah Antworten, der Umgangston ist freundlich und bestimmt.

"Da geht definitiv mehr"


Besonders im Wahlkampf entdecken die Parteien und Politiker die Macht der bewegten Bilder für sich. Spots gibt es dann nicht nur bei den TV-Sendern, auch auf Youtube präsentieren sich die Politiker mit ihren Programmen. Auf der Internetseite www.hamburger-wahlbeobachter.de von Marin Fuchs hat der Berater und Projektmanager für Bewegtbildkommunikation Thomas Wagensommer im Mai 2014 die TV-Spots zur Europawahl unter die Lupe genommen (Link zum Gastbeitrag). Sein Fazit: "Da geht definitiv mehr". Einer der markantesten Kritikpunkte: "Für die meisten TV-Zuschauer ist die klare, leicht verständliche Werbebotschaft genau das Richtige und passt sich gut in das übrige Werbeumfeld ein".


Bürgersprechstunde im Internet


Mehr Interaktion gibt es beim Kanal der Digitalen Bürgersprechstunde. Verantwortlich dafür ist die Nichtregierungsorganisation Politik-Digital (Link zum Kanal von politik-digital). Im Mittelpunkt steht dabei nach eigenen Aussagen die "Verbesserung der Möglichkeiten für eine demokratische Beteiligung der Bürger sowie ein Mehr an Transparenz innerhalb der politischen Institutionen und Prozesse". Zu den digitalen Bürgersprechstunden laden die Macher verschiedene Politiker in das Sendestudio. Dort gibt es Fragen, welche die Nutzer vorab eingesendet haben. Per "Hang-out" können sich Interessierte quasi live per Videokamera oder Tastatur in die Diskussion einmischen und Fragen stellen. Uli Grötsch (SPD) beispielsweise war am 19. März 2014 live auf Sendung. Die Aufzeichnung bleibt auf dem Youtube Kanal auch danach abrufbar.


Ungefiltert, ungeschnitten und scheinbar naiv


Jenseits der Parteien, die das Portal nahezu ausschließlich zur Publikation nutzen, setzt Journalist Tilo Jung (Link zum Kanal von Tilo Jung) in seinen Beiträgen auf direkte Nachfragen. Direkt, schonungslos und manchmal auch scheinbar naiv. Der Name des Kanals, der rund 32.000 Abonnenten zählt, ist hier Programm: Jung & Naiv. Tilo Jung stellt seinen Gast schon mal vor mit "Wer bist du?" Auch ein Gregor Gysi nennt dann brav seinen Namen und erklärt, was er beruflich macht.



Ungefiltert, ungeschnitten. Die Gäste können kein Wort zurückholen, nichts versendet sich, es ist jederzeit abrufbar. Sogar als Gregor Gysi kurz das Zimmer verlassen muss, läuft die Kamera weiter. Ein Interview mit einem Poltiker, der nicht anwesend ist. Auch die ausgewählten Zuschauerfragen - zum bedingungslosen Grundeinkommen oder auch zur eigenen Frisur - gehen ungeschnitten "auf Sendung".

Die Direktheit der Fragen überrascht vor allem in der Bundespressekonferenz die politischen Akteure und bringt sie teilweise dazu, nach Worten und Erklärungen zu ringen. Tilo Jung entlarvt mit dieser vermeintlichen Naivität die Floskeln der Agierenden und lässt sie zu Reagierenden werden, treibt sie manchmal gleichsam vor sich her.



In den Kommentaren zu den Videos listet Jung seine Fragen auf, damit der Sprung zum entsprechenden Abschnitt im Film für Ungeduldige möglich ist. Fragen und Kommentare moderiert Tilo Jung im ähnlichen Stil. Der Beitrag über die Fragen der Bundespressekonferenz zu Russland, Inszenierungen, BND Klima und TTIP (Link zum Video)verzeichnet bei knapp 26.000 Aufrufen rund 200 Kommentare.

Wie es mit dem ehemaligen Krautreporter (Link zu Krautreporter) und dem Youtube-Format "Jung und Naiv", für das Tilo Jung den Grimme Online Award bekommen hat, weitergeht, steht derzeit noch nicht fest. Nachdem wegen eines Bildes, das er veröffentlicht hat, eine Welle der Entrüstung über ihn hereingebrochen war(Link zum Bericht bei der FAZ), hat Tilo Jung bei einer Podiumsdiskussion in Berlin angekündigt dem Journalismus, wie er ihn bisher betrieb einzustellen.


Fazit: Die Politiker und Parteien haben auch Youtube für sich entdeckt - zumindest als Publikationskanal. Auf echten Dialog und Interaktionen setzen die wenigsten. Der oft gehörte Spruch "Man muss die Bürger da abholen, wo sie stehen" ist zumindest in diesem Zusammenhang noch eine Ankündigung. Vor allem junge internetaffine Wähler stehen - besser ist wohl sitzen - oft vor dem Monitor. Youtube als Verlautbarungsmittel für ansonsten gedruckte Parteiprogramme scheint zumindest in dieser Variante an der Zielgruppe vorbeizugehen. Dass es auch anders geht, zeigen die Youtuber, welche die Politiker für sich entdeckt haben. Sie setzen auf ihre vorhandene Reichweite und bauen politische Themen oder Nachrichten in ihre Kanäle ein - frisch, ohne falschen Respekt und manchmal auch frech.

Wer hat nun wen oder was für sich entdeckt? Die Parteien das Videoportal oder die Youtuber die Politik? Unentschieden. Die Youtuber allerdings nutzen die Plattform für den Dialog. Sie haben erkannt, wie wichtig die Kommunikation mit den Nutzern ist. Reine Frontalvorträge wecken kein Interesse. Die Arbeit der Parteien auf dem Portal ähnelt da noch dem gedruckten Wahlprogramm im Briefkasten - nur eben als Film.

Youtube - Zahlen und Fakten


Auf der Videoplattform tummeln sich täglich Millionen von Nutzern. Ob diese hohe Anzahl auch über andere klassische Medien und Kanäle zu erreichen wären, bleibt wohl ungeklärt. Nachrichten, Interviews und Beiträge auf Abruf ohne festgelegte Sendezeiten - das ist eine der Stärken von Youtube. Stars der deutschen Video-Szene haben hundertausende, manche Millionen sogenannter Follower oder Abonnenten. Die derzeit wohl erfolgreichsten LeFloid (2.619.435)(Link zum Kanal von LeFloid), Dagi Bee (2.045.824)(Link zum Kanal von Dagi Bee), LionT (1.596.293) (Link zum Kanal von LionT) und unge (1.253.331) (Link zum Kanal von unge) sind vor allem aus den Zimmern der Jugendlichen kaum wegzudenken.

Zählt also allein Unterhaltung? Nein. Auch wenn die meisten Videos dieser "Youtube-Millionäre" unpolitisch sind, produzieren sie immer wieder Clips, die sich mit dem aktuellen Geschehen auseinandersetzen. Die Macher nutzen ihre Popularität, um auch ernstere Themen anzusprechen oder die Nachrichten zu erklären.

Zahlen und Daten laut eigener Angabe (Stand Juli 2015):

YouTube hat mehr als eine Milliarde Nutzer.
Täglich werden auf YouTube Videos mit einer Gesamtdauer von mehreren hundert Millionen Stunden wiedergegeben und Milliarden Aufrufe generiert.
Die Anzahl der Stunden, die Nutzer jeden Monat auf YouTube ansehen, steigt jährlich um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Pro Minute werden 300 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen.
Etwa 60 Prozent der Aufrufe eines Videokünstlers werden außerhalb des Heimatlandes generiert.
YouTube gibt es in 75 Ländern und 61 Sprachen.
Die Hälfte der Aufrufe werden über Mobilgeräte generiert.
Der über Mobilgeräte generierte Umsatz steigt auf YouTube pro Jahr um über 100 Prozent.

Da das "Youtube-Universum" sehr komplex ist und Daten dazu sehr schnell überholt sind, hat sich Medienwissenschaftler Bertram Gugel in seinem Blog "Digitaler Film" dem Thema mithilfe einer interaktiven Grafik genähert. Darin zeigt er die Vernetzung der von rund 3300 Kanälen aus Deutschland.


Ein Klick auf das Bild führt zur interaktiven Grafik.