Programmreform im Radio des Bayerischen Rundfunks
Bayern 1 verbannt die Volksmusik

Der Vorsitzende des Kulturausschusses im bayerischen Landtag, Michael Piazolo: "Der BR läuft Gefahr, nach den Klassikfans eine weitere wichtige Hörerschaft zu verlieren." Bild: dpa
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Bayern
02.02.2016
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Es hat sich ausgeschunkelt: Der Radiosender Bayern 1 spielt künftig keine Volksmusik mehr. Wer die heimatlichen Melodien trotzdem hören will, muss auf eine der vielen Digitalwellen ausweichen.

München. Der Radiosender Bayern 1 streicht die Volksmusik aus seinem Programm. "Ab Pfingsten ziehen die Volksmusiksendungen, die bisher auf Bayern 1 laufen, dann komplett zu 'BR Heimat'", teilte der Bayerische Rundfunk (BR) am Dienstag in München mit. "Das Gleiche gilt für die BR-Blasmusik." Wer künftig im BR noch Volksmusik hören will, muss also künftig auf die Digitalwelle "BR Heimat" ausweichen. Dies hatte zuvor bereits der "Münchner Merkur" berichtet.

Kritik von Söder


Heimatminister Markus Söder (CSU) legte dem Sender nahe, seine bayerische Identität besser zu pflegen. "Der BR soll der Bayerische Rundfunk bleiben und nicht zu einem WDR 2 oder WDR 4 werden." Söder empfahl, "BR Heimat" auch analog auszustrahlen, damit nicht ein Teil der Radiohörer auf die Volksmusik verzichten muss. "Ich hätte es schön gefunden, wenn Bayern 1 auch Heimat der Volksmusik bleiben würde." Die Freien Wähler im bayerischen Landtag kündigten an, Unterschriften gegen die Entscheidung des BR sammeln zu wollen.

"Die Volksmusiksendungen sollen auch künftig auf Bayern 1 gesendet werden", forderte der Vorsitzende des Kulturausschusses im bayerischen Landtag, Michael Piazolo. Der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei es, ein Angebot für alle Hörer bereitzustellen. "Der BR läuft Gefahr, nach den Klassikfans eine weitere wichtige Hörerschaft zu verlieren", warnte Piazolo.

Der BR will mit dem umstrittenen Schritt die "vorhandenen Formatbrüche (Volksmusik neben Pop- und Rockmusik) auf Bayern 1" beseitigen. "BR Heimat" ist nach Angaben des Senders mit rund 110 000 Hörern in Bayern die erfolgreichste Digitalwelle des Bayerischen Rundfunks. "Mit 'BR Heimat' erhält die Volks- und Blasmusik im Bayerischen Rundfunk mehr Platz als je zuvor", betonte der BR. Die Musik wird dann allerdings nicht mehr über UKW zu hören sein.

Volksmusik und volkstümliche Musik haben es in letzter Zeit im Mainstream-Programm nicht gerade leicht. Erst kürzlich hatten die ARD sowie die Partnersender aus der Schweiz und Österreich beschlossen, den Nachfolger des "Musikanten-stadls", die "Stadlshow", im Fernsehen auf Silvesterausgaben zu beschränken. Federführend für die ARD ist in diesem Fall ebenfalls der BR. Bereits im Jahr 2010 hatte das ZDF den "Grand Prix der Volksmusik" aus dem Programm geworfen.

Klassikfans vergrätzt


Das Streichen der Volksmusik auf Bayern 1 ist nicht die erste Neuerung im BR-Radioprogramm, die Aufsehen erregt: Im Jahr 2014 beschlossen die Senderverantwortlichen einen umstrittenen Wellentausch zwischen "BR-Klassik" und dem BR-Jugendradio "Puls". Demnach wird die UKW-Frequenz des Klassiksenders ab dem Jahr 2018 dem Jugendsender zur Verfügung gestellt. "BR-Klassik" wird dann nur noch über Digitalradio (DAB+), Kabel, Satellit und Internet zu empfangen sein. Der Entscheidung waren kontroverse Diskussionen vorangegangen. Am Bayerischen Verfassungsgerichtshof ist bereits eine Popularklage gegen den Wellentausch anhängig.
Weitere Informationen im Internet:
www.br.de/radio/br-heimat

Angemerkt

Der letzte Landler
Von Frank Werner

Der Trend zu glatt gebügelten Rundfunksendern ist nicht neu. "Formatradio" lautet das Zauberwort. Die Unterschiede sind minimal, die einen bringen das Wetter vor den Nachrichten, die anderen die Werbung vor dem Verkehrsfunk. Oder umgekehrt. Dazwischen der beste Musikmix.

Es gibt kaum Sendungen, die aus dem Rahmen fallen. "Mensch, Otto" auf Bayern 3 gehört dazu, die famose tägliche Talksendung mit dem Weidener Thorsten Otto. Oder auch der Frühschoppen am Sonntagvormittag auf Radio Ramasuri.

Bayern 1 hat sich das Motto "Das Beste aus den 70ern und 80ern" verpasst. Schon das stimmt eigentlich auch nicht so ganz, weil ein paar Ur-Oldies und neue Songs eine größere Bandbreite erzeugen sollen. Aber zumindest Volksmusik passt da so gar nicht mehr ins Schema. Das Ende der Nische zwischen 19 und 20 Uhr ist nur konsequent.

Für viele ältere Hörer geht damit ein Stück musikalische Heimat verloren. Klar, die heute 60- oder 70-Jährigen sind auch schon mit dem Rock 'n' Roll groß geworden. Aber ob sich die Senioren schnell in die digitalen Ausweichkanäle leiten lassen, darf bezweifelt werden. Bayern 1 beerdigt ein Stück Tradition. Wenn nun als nächstes auch noch das Betthupferl gestrichen wird, ist allerdings Schluss mit lustig.
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