Prozess gegen Ted T.
Schwierige therapeutische Versorgung für Opfer von Gewaltverbrechen

"Im Einzelfall können wir höchstens an einen Therapeuten herantreten und bitten, dass das Opfer in der Warteschlange nach vorne rutscht." Josef Wittmann, Weißer Ring Weiden/Neustadt/Tirschenreuth)
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Bayern
21.01.2016
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Weiden. "Unglaublich, dass jemand, der so ein traumatisches Erlebnis hinter sich hat, acht Monate keinen Termin beim Psychologen bekommt." Vorsitzender Richter Walter Leupold war schon zu Beginn des Prozesses gegen Ted T. erbost darüber, dass das Opfer in dieser Situation keine ausreichende therapeutische Betreuung erhalten habe.

Die 25-jährige Frau, so Leupold am Mittwoch im Gespräch mit unserer Zeitung, habe zwar im Bezirksklinikum Wöllershof für einige Zeit eine ambulante psychotherapeutische Versorgung in Anspruch genommen. "Aber die Anschlussbehandlung hat nicht stattgefunden", sagt der Landgerichtspräsident, "offenbar, weil die Psychologin wegen Überlastung keine freien Termine mehr hatte." So jedenfalls habe es der Anwalt der Altenpflegerin geschildert. "Es ist absolut nachvollziehbar, dass jemand in ihrer Situation sich außerstande sieht, allein zu wohnen oder nachts allein das Haus zu verlassen."

Tatsache ist: Wenn Menschen einer Gewalttat zum Opfer fallen, werden sie nicht automatisch seelsorgerisch oder psychotherapeutisch betreut. Die Polizei, die in der Regel zuerst Kontakt zu ihnen hat, tut, was sie kann. Marco Müller, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, sagt: "Das ist keine klassische Aufgabe der Polizei, aber wir werden immer den Einzelfall anschauen und Hilfe anbieten." Notfallseelsorger etwa stünden auf Anfrage der Polizei immer bereit.

Weißer Ring hilft


Für die weitere Betreuung könne man lediglich Ansprechpartner vermitteln. "Bei Fällen häuslicher Gewalt stellen wir etwa den Kontakt zu Frauenhäusern oder Opferschutzorganisationen wie dem Weißen Ring her." Der Weiße Ring wurde auch im Fall der 25-jährigen Altenpflegerin aktiv. Der frühere Weidener Polizeidirektor Josef Wittmann, Leiter der Außenstelle Weiden/Neustadt/Tirschenreuth, besuchte die junge Frau rund einen Monat nach der Tat. "Ich habe den Fall aufgenommen und Hilfe angeboten", sagt er.

Kaum Einfluss möglich


Unter anderem habe sie einen Gutschein bekommen, der die Kosten einer ersten psychotraumatologischen Behandlungsstunde abdeckt. Ob und wann das Opfer diese Hilfe bekommt, darauf habe er kaum Einfluss: "Im Einzelfall können wir höchstens an einen Therapeuten herantreten und bitten, dass das Opfer in der Warteschlange nach vorne rutscht", räumt Wittmann ein, "aber dafür muss dann natürlich jemand anders länger warten." Der ehemalige Polizeibeamte benennt das Problem: "Wir haben hier einfach viel zu wenige Therapeuten."
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