Prozess um acht Babyleichen in Wallenfels
Ende des Versteckens

Mit einer Aktenmappe vor dem Gesicht sitzt die wegen Mordes angeklagte Andrea G. zwischen ihren Anwälten Julia Gremmelmaier und Till Wagler im Landgericht Coburg. Bild: dpa
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Bayern
12.07.2016
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Acht Babyleichen - verwest, eingepackt in Plastiktüten, zusammen mit Unrat. Nun steht die Mutter wegen Mordes vor Gericht. Sie gesteht - und kann doch nicht sprechen.

Coburg. Die Geburt bricht über sie herein. Im Stehen bringt sie das Kind zur Welt, in der Küche oder im Wohnzimmer. Genau weiß sie das nicht mehr. Ohne Arzt und ohne ihren Mann. Achtmal passiert das. Die Neugeborenen sind heute nicht am Leben, und darüber kann die Mutter nicht sprechen. Auch nicht von der Wut ihres Mannes, der keine Kinder mehr wollte. Die 45-Jährige schweigt, stützt ihren Kopf auf drei Finger ihrer rechten Hand - Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger. Sie lässt ihren Anwalt für sich sprechen am ersten Tag, an dem das Landgericht Coburg gegen sie wegen Mordes in vier Fällen verhandelt. Ihr Mann ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Er sagt dazu nichts - dabei geht es gerade darum, wie viel er wusste.

Dessen Tochter aus erster Ehe, so berichtet es ein Polizist vor Gericht, findet die ersten Babyleichen in dem Haus im oberfränkischen Wallenfels, in dem sie mit ihrem Vater, dessen Frau und deren gemeinsamen Kindern lebt. Ihr Vater habe ihr von Geburten erzählt und von toten Kindern. Es habe ihr keine Ruhe gelassen. Als der 55-Jährige im vergangenen November nicht zu Hause ist, macht sie sich auf die Suche - und entdeckt eine übelriechende Box.

Insgesamt acht Babyleichen finden Ermittler schließlich in dem Haus. Die Mutter dieser Säuglinge ist da gerade mit ihrem neuen Partner unterwegs, in einer Pension im nahen Kronach. Die Ehe mit ihrem Mann beschreibt sie - über ihren Anwalt - als zerrüttet.

"Ich wollte keine Kinder mehr", sagte der 55-Jährige dem Richter. Er hatte aus erster Ehe bereits einen Sohn und eine Tochter, seine Frau ebenfalls. Schon die ersten Zwillinge, die er 2001 mit ihr bekam, als sie noch bei ihrem ersten Mann lebte, habe er eigentlich nicht mehr gewollt. Nach diesen beiden Mädchen zeugte das Paar allerdings noch ein Mädchen, das heute 14 Jahre alt ist. Nach dessen Geburt fing die Mutter laut ihrem Anwalt an, ihre Neugeborenen zu töten.

Die Schwangerschaften habe sie jedes Mal verdrängt. So sehr, dass sie von den Geburten völlig überrascht gewesen sei. Ihre Mutter und auch ihr Mann hätten sie zu einer Sterilisation gedrängt, der sie aber auswich. Als sie 2003 wieder schwanger wurde, habe sie sich gefreut. Und ihrem Mann davon erzählt. Der aber sei "ausgesprochen wütend" geworden, habe eine Abtreibung verlangt. Sie sei entsetzt gewesen - und habe danach jeden Gedanken an die Schwangerschaft weggeschoben. Wie bei jeder der sieben folgenden Schwangerschaften auch.

Nur manchmal sei das Bewusstsein aus ihr herausgebrochen, lässt sie sagen. Nach der dritten oder vierten Geburt habe sie ihrem Mann gesagt, es seien tote Kinder im Haus. Er habe da klar gemacht - noch einmal - er wolle keine Kinder mehr. Bei der letzten Schwangerschaft habe sie ihn gefragt, was sie tun solle. "Er lachte nur hämisch", sagt ihr Anwalt für sie. Das letzte Kind habe nicht geschrien.

Die 45-Jährige wisse nicht mehr genau, wie viele Säuglinge unmittelbar nach der Geburt gelebt hätten, schildert der Verteidiger. Es seien zwei, drei oder vier gewesen. Um den Kopf der Neugeborenen habe sie Handtücher gewickelt. Immer etwas enger. Und bei einem Lebenszeichen drückte sie auf das Handtuch. Danach räumte sie die toten Säuglinge weg, in eine zum Lagerraum umfunktionierte Sauna.

Vier Müllsäcke ineinander, darin eine Kinderdecke mit Kindercomic-Motiv, Kaugummi - und Knochen. Drei Plastiktragetaschen ineinander, darin Knochen. Damenbinden, Klopapierrolle, Zigarettenkippe, Kaugummi - und Leichnam Nummer sechs. So fanden Spurensicherung und Rechtsmediziner die toten Säuglinge.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter vor, mindestens vier der Babys vorsätzlich umgebracht zu haben. Von diesen wisse man, dass sie gelebt hätten. Der Vater erfuhr nach Ansicht der Anklagebehörde von den Schwangerschaften und rechnete demnach damit, dass seine Frau die Kinder umbringen würde. Er habe das billigend in Kauf genommen und sie nicht davon abgehalten. Wegen seiner Untätigkeit habe die Frau weitergemacht, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Die Angeklagten hätten ohne Einschränkung durch weitere Kinder leben wollen.

Der Vater der Kinder schweigt zu den konkreten Vorwürfen. Er sagt aber über seine Noch-Ehefrau: Gespräche über Probleme habe sie immer abgeblockt. Er bezichtigt sie, eine notorische Lügnerin zu sein. Über Geld habe sie gelogen und über ihre Sterilisation. Sie sitzt weiter da, inzwischen stützt sie den Kopf gegen alle fünf Finger ihrer Hand.

"Sie ist extrem verschlossen", sagt ihr Anwalt. Die 45-Jährige wisse heute, was sie getan habe. Bei Säuglingsmorden handle es sich oft um Frauen, die Probleme nicht nach außen tragen und entsprechende Lösungsstrategien entwickeln könnten. "Und das war aus meiner Sicht bei ihr auch so." Während der Geburten sei sie weggetreten gewesen. Wie unter Drogen, oder als sähe sie sich selber in einem Film.

Dass viele nun wiederum sie in dieser Kriminalgeschichte als Monster sehen, will sie mit ihrer Erklärung abmildern. Erleichtert sei sie gewesen bei ihrer Festnahme. Sie habe die Taten mit sich herumgetragen. Dann aber hatte das Verstecken ein Ende.
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