Prozess um Zugunglück von Bad Aibling
Fahrdienstleiter ahnte schnell, was passiert war

Umringt von Fotografen und Kamerateams sitzt der Angeklagte Fahrdienstleiter (links) im Landgericht in Traunstein auf seinem Platz. Dem Mann wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Archivbild: dpa
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Bayern
14.11.2016
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Im Prozess um das Zugunglück von Bad Aibling arbeitet das Gericht die Schuldfrage akribisch auf. Am zweiten Verhandlungstag stellte sich heraus, dass dem Angeklagten das Ausmaß der Katastrophe sehr rasch bewusst war.

Traunstein. Bei der Vernehmung des Fahrdienstleiters stellte sich am zweiten Verhandlungstag heraus, dass dem angeklagten Fahrdienstleiter von Bad Aibling schon sehr bald nach dem Zusammenstoß der beiden Züge das Ausmaß der Katastrophe bewusst war. So sagte der 40 Jährige seinem Kollegen kurz nach 7 Uhr am Telefon: "Die Kacke ist jetzt richtig am Dampfen." Der Fahrdienstleiter muss sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Beim Zusammenstoß der Züge waren am 9. Februar 12 Menschen ums Leben gekommen und 89 teils lebensgefährlich verletzt worden. Der Angeklagte hatte zu Prozessbeginn gestanden, die Nahverkehrszüge gleichzeitig auf die eingleisige Strecke geschickt zu haben. Außerdem gab er zu, im Dienst auf seinem Smartphone gespielt zu haben.

Notrufsystem nicht optimal


Bei seinem Telefonat habe der 40-Jährige recht aufgeregt gewirkt, sagte der Bahnmitarbeiter weiter aus. Auf die Frage des Gerichts, was er sich beim Anruf seines Kollegen gedacht habe, sagte der Zeuge: "Ich habe das so hingenommen", fügte aber hinzu: "Im Nachgang fragt man sich schon: Wie ist das passiert?"

Die Befragung des Fahrdienstleiters machte auch deutlich, dass das Notrufsystem der Deutschen Bahn (DB) nach Zwischenfällen beim Personal als nicht optimal gilt. Auf die Frage eines Anwalts, der Angehörige von Opfern als Nebenkläger vertritt, sagte der Zeuge: "Es sollte eine einfachere Lösung geben." Denn es bestehe Verwechslungsgefahr beim Bedienen der Tasten. Tatsächlich hatte der Angeklagte beim Abschicken des Notrufes, nachdem er seinen Fehler bemerkt hatte, versehentlich die Fahrdienstleiter in der Umgebung informiert und nicht die Lokführer der beiden betroffenen Züge. Es gibt dafür zwei verschiedene Tasten, die nahe beieinanderliegen.

Die Nebenkläger wollen im Prozess auch die Rolle der DB durchleuchten, die das Streckennetz betreibt, während die Bayerische Oberlandbahn (BOB) als privater Betreiber die Züge stellt. Nicht wenige Opfer sehen die Bahn in der Mitverantwortung. Angeklagt ist aber nur der 40-jährige Fahrdienstleiter.

Zuverlässig und pünktlich


Der unmittelbare Vorgesetzte des Angeklagten berichtete, sein Mitarbeiter sei sehr zuverlässig, pflichtbewusst und pünktlich gewesen. Es habe bis zum Unfalltag kein einziges dienstliches Vergehen gegeben. Von der unerlaubten Nutzung des Handys durch den 40-Jährigen habe er nichts gewusst, sagte der Vorgesetzte.

Er sagte aber aus, dass der Angeklagte am Unglückstag in seinen Unterlagen nicht vermerkt habe, dass er das Sondersignal gesetzt hatte. Dies sei jedoch Vorschrift. Als er kurz nach dem Unfall im Stellwerk von Bad Aibling eingetroffen sei, habe er nur gehofft, "dass das nicht passiert ist, was dann tatsächlich passiert ist", so der Zeuge. Die Deutsche Bahn stellte ihren Mitarbeitern für deren Zeugenaussagen Rechtsbeidstände zur Verfügung. Das Urteil soll am 5. Dezember verkündet werden. Die Höchststrafe für fahrlässige Tötung beträgt fünf Jahre.
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