Schlechter Faschingsscherz mit "Panzerabwehr"
Unter aller Kanone

Brachialer Humor: Der Panzer mit der Aufschrift "Ilmtaler Asylabwehr" beim Faschingsumzug in Reichertshausen, Landkreis Pfaffenhofen. Bild: dpa
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Bayern
08.02.2016
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"So etwas hat in einem Faschingszug nichts verloren." Hans Martin Schertl, Vilseck
Co-Autor: Dominik Konrad

Humor ist, wenn man trotzdem lacht? Ein Brüderpaar löst bei einem Faschingszug in Oberbayern mit einem selbst angemalten "Panzer" eine Empörungswelle aus. Die Aufschrift: "Ilmtaler Asylabwehr". Was halten regionale Faschingsorganisatoren davon?

Steinkirchen/Weiden. Frauke Petry lässt grüßen. Was die AfD-Vorsitzende zu einem neuen Schießbefehl erst bierernst absonderte und dann als Erfindung der "Lügenpresse" abzuschütteln versuchte - die Polizei müsse an der Grenze notfalls Schusswaffen gegen Flüchtlinge einsetzen - setzten die "Buben", wie Konrad Moll, Organisator des Zugs, die Männer in den Dreißigern nennt, mit brachialem Humor ins Bild: Als "Asylpaket III", die Aufschrift auf der anderen Seite, ist die Panzerabwehr gegen Flüchtlinge zu verstehen.

Anzeige: Volksverhetzung


Lustig? Reichertshausens Bürgermeister Reinhard Heinrich (CSU) konnte nicht lachen und entschuldigte sich für den Fehltritt. Der Staatsanwalt ermittelt wegen Volksverhetzung. Auch die Organisatoren der Oberpfälzer Faschingszüge sehen die Grenze zur Geschmacklosigkeit weit überschritten. "Als ich das heute Vormittag in der Zeitung gelesen habe, bin ich etwas erschrocken", sagt Vilsecks Bürgermeister Hans Martin Schertl . "So etwas hat in einem Faschingszug nichts verloren." Schertl, der seit 21 Jahren den Zug in Vilseck mitorganisiert, räumt allerdings ein: "Wir haben keine Vorkontrolle, sondern hoffen auf die Vernunft der Teilnehmer." Bisher zu Recht: "Wir hatten immer nur lustige, ortsbezogene Themen." Und auch am Sonntag verlief die Großveranstaltung mit 55 Gruppen, rund 600 Teilnehmern und geschätzten 7500 Besuchern "ohne Zwischenfälle".

Gebranntes Kind in dieser Beziehung ist Michael Hierold, Vorsitzender des Faschingszugvereins Neustadt/Waldnaab . "2013 drangen Mitglieder des rechten Freien Netzes Süd in unseren Zug ein", erinnert er sich. Die Neustädter zogen Konsequenzen: "Seit damals haben wir in unsere Satzung aufgenommen", sagt Zeremonienmeister Georg Kunz, "dass die Verbreitung rechtsradikaler Schriften und ebensolchen Gedankenguts verboten ist." Dieser Tiefpunkt des erstmals 1878 urkundlich erwähnten Zuges blieb der einzige, unverschuldete Ausreißer.

Die Grenze des Humors ist für Andreas Hahn, als Vorstandsmitglied im Heimat- und Kulturverein mitverantwortlich für den Freudenberger Faschingszug , erreicht, sobald persönlich verletzende Beleidigungen in Szene gesetzt werden. "Umso schlimmer, wenn pauschal ganze Bevölkerungsgruppen diffamiert werden." Sein Verein sei bemüht, Integration in der eigenen Ortschaft zu leben: Etwa als eine georgische Familie in einem von ihm moderierten Jahresrückblick 2015 Gelegenheit hatte, ihre Geschichte zu erzählen. "Bei uns zählen Zusammenhalt und Offenheit, keine Heimattümmelei", sagt der Redakteur.

Kein rechtes U-Boot


"Unser Zug hatte seinen Ursprung", sagt der Freudenberger lachend, "als ein Fußgänger, ein Rad und ein Cabriofahrer spontan an einem Faschingsdienstag aus dem Wirtshaus heraus durch den Ort zogen." Die Gefahr, dass sich auch hier ein "rechtes U-Boot" in den Umzug schmuggle, sei gering: "Das ist übersichtlich", sagt Hahn, "wir haben neun Wagen, kennen unsere Leute, hauptsächlich Landjugend und Kirwavereine aus dem Umkreis, persönlich - und wir müssen ja auch das TÜV-Gutachten überprüfen." Seit den Vorkommnissen in Neustadt schaue man ohnedies genauer hin.

"Unser Faschingszug ist selbst organisiert", sagt stolz der Präsident des Faschingszugs Münchenreuth . "Wir sind eine Faschingsgesellschaft, das macht unser Dorf selbst." Alexander Hübner ist der lokale Bezug bei den Wagen wichtig: "Wir machen Schmunzelgeschichten aus der Region, keine große Politik." So können auch Ausrutscher vermieden werden: Ein Panzer wie in Pfaffenhofen ist für ihn in Münchenreuth unvorstellbar: "Ein Panzer ist kein Narrenstück. Das hat mit Fasching nichts zu tun." Übers Jahr werden in Münchenreuth die Themen für die Wagen gesammelt. Wochenlang werden die Themen im Elferrat diskutiert, bevor sie an die Wagenbauer vergeben werden. Die zentrale Vergabe stellt die Qualität sicher. Seit 17 Jahren ist Hübner Präsident des Faschingszugs. "Wir decken alle Ortschaften thematisch ab und bauen auch die Wagen selbst", verkündet er stolz. "Ich kontrolliere die Wägen vor der Abfahrt auch noch einmal persönlich." Eingreifen habe er zwar noch nie gemusst. "Aber Qualitätssicherung gehört dazu." Das Schlimmste, was in Münchenreuth vorgekommen sei, war eine "beleidigte Leberwurst".

Am heutigen Faschingsdienstag rollt er wieder, der Münchenreuther "Fosnatzug" und das ganze Dorf ist auf den Beinen. Ein "Micharath, Helau!" darauf, dass hier keine Panzer rollen.
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