Schneizlreuth-Prozess vor dem Abschluss
Wegschauen von Amts wegen

Einsatzkräfte der Feuerwehr kämpfen am 23. Mai 2015 in Schneizlreuth gegen die Flammen im Eventhotel "Pfarrerbauernhof". In dem Prozess wird für diesen Freitag das Urteil erwartet. Bild: dpa
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Bayern
01.02.2016
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Sechs Männer kamen ums Leben, als 2015 ein alter Bauernhof in Schneizlreuth brannte. Vor Gericht steht der Pächter. Doch hat der Prozess ergeben, dass Amtsträger von den illegalen Übernachtungen wussten. Am Freitag fällt das Urteil.

Traunstein. Jennifer Doppelhofer hat die Antworten bekommen, die ihr wichtig waren: Als vor drei Wochen der Prozess um das todbringende Inferno von Schneizlreuth begann, sagte die zierliche junge Frau in die Mikrofone der Radio- und Fernsehsender: "Ich hoffe, dass ans Tageslicht kommt, wer weggeschaut hat." Seit vorigen Dienstag weiß die 31-Jährige, dass auch Mitarbeiter im Rathaus der kleinen oberbayerischen Gemeinde weggeschaut haben. Heute sollen die Plädoyers gesprochen, am Freitag das Urteil verkündet werden.

Doppelhofer verlor bei dem verheerenden Brand mit 6 Toten und nahezu 20 Verletzten im Mai 2015 ihren Ehemann. Sie muss seitdem ihre drei und neun Jahre alten Kinder alleine erziehen. "Ich frage mich, wie das alles passieren konnte", sagte sie am ersten Prozesstag noch in die Kameras, ehe sie in den Schwurgerichtssaal am Landgericht Traunstein ging, um fortan als Nebenklägerin den Prozess ganz genau zu verfolgen.

Keine Genehmigung


Dort muss sich ein Veranstalter von Abenteuerurlauben wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Bei dem Inferno waren sechs Mitarbeiter einer Baufirma aus dem niederbayerischen Arnstorf erstickt. Besonders tragisch: Das Unternehmen hatte seinen Mitarbeitern das Eventwochenende zum 50-jährigen Bestehen spendiert. Der 47-Jährige wusste, dass er in dem von ihm gepachteten historischen "Pfarrerbauernhof" keine Gäste hätte übernachten lassen dürfen - wegen Mängeln beim Brandschutz. Er tat es trotzdem, auch nachdem er 2009 dem Landratsamt schriftlich versichert hatte, auf Gästeübernachtungen zu verzichten. "Ich bin schon der Meinung, dass die Behörden genau Bescheid wussten, dass ich im 'Pfarrerbauernhof' Gäste übernachten ließ", sagte der Angeklagte.

Bei seiner Vernehmung als Zeuge geriet der Ex-Bürgermeister von Schneizlreuth arg in die Bredouille. Nachdem er - offenbar wenig glaubwürdig - gesagt hatte, nichts von der Übernachtung ganzer Schulklassen in dem denkmalgeschützten Gebäude mitbekommen zu haben, platzte einem der Richter der Kragen. Er solle jetzt lieber gar nichts mehr sagen als zu lügen, so der dringende Appell. Daraufhin schwieg der Mann. Eine Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung brachte es als Zeugin auf den Punkt, als sie sagte, jeder im Rathaus habe von den illegalen Übernachtungen gewusst.

Für die beiden Verteidiger Harald Baumgärtl und Frank Starke ist erwiesen, dass die Gemeinde von der illegalen Praxis wusste. Neben dem Wissen um die Übernachtungen habe es auch keine von der Gemeinde veranlasste Feuerbeschau gegeben. "Hätte es sie gegeben, wäre als erstes der Wäscheschrank verschwunden, in dem das Feuer ausbrach", so Baumgärtl. Der Anwalt hält es für wahrscheinlich, dass ein Gast sich eine Zudecke holte und dabei eine glimmende Zigarette verlor.

Gemeinde im Visier


Die Aussagen des Ex-Bürgermeisters und auch seines Nachfolgers haben auch die Staatsanwaltschaft aufhorchen lassen. "Die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Amtsträgern wurde im Laufe des Ermittlungsverfahrens geprüft", so Staatsanwalt Björn Pfeifer. Bis zur Anklageerhebung habe kein Anlass für Ermittlungen bestanden. Doch nun prüft die Behörde, ob sie nicht doch Ermittlungen gegen Amtsträger einleitet.
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