Schweres Zugunglück bei Bad Aibling
Zehn Tote und rund 80 Verletzte [Aktualisierung: Kein Vermisster mehr]

Der Aufprall der Züge erfolgt mit voller Wucht: Fassungslose Rettungskräfte stehen an der Unfallstelle bei Bad Aibling. Bild: dpa
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Bayern
09.02.2016
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Bad Aibling: Klärwerk Bad Aibling | Aktualisierung (Mittwoch, 10. Februar):
Nach dem schweren Zugunglück in Oberbayern mit zehn Toten am Dienstag rechnet die Polizei nach neuesten Erkenntnissen nicht mit weiteren Todesopfern. «Es wird niemand mehr vermisst», sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd am Mittwochvormittag. Nachdem alle Personalien abgeglichen worden seien, dürfte sich kein Opfer mehr in den beiden Zügen befinden. «Es wird keine elfte Leiche geben.» Der Sprecher war zudem optimistisch, dass alle Verletzten überleben werden. «Wir dürfen optimistisch sein.»

Hintergrund: So arbeiten FahrdienstleiterIm Juli 2015 haben wir in einer Reportage über die Arbeit der Fahrtdienstleiter bei der Oberpfalzbahn berichtet: "Sie sind immer am Zug"
Am Mittwochmorgen hatte es zunächst Verwirrung um die Zahl der Opfer gegeben. Am Dienstagabend waren bereits zehn Todesopfer bekannt, ein weiterer Mensch wurde vermisst und unter den Trümmern vermutet. Dann hatte am Mittwochmorgen eine Mitarbeiterin der Polizeieinsatzzentrale zunächst berichtet, die sterblichen Überreste des Vermissten seien gefunden worden. Dies stellte sich jedoch als falsch heraus. Wenig später wurde bekannt, dass niemand mehr vermisst werde.

Ursprünglicher Beitrag:

Zwei Züge rasen ineinander. Eine Lok schlitzt den entgegenkommenden Zug auf. Mindestens zehn Menschen sterben, viele sind verletzt. An der Unfallstelle sind Helfer pausenlos im Einsatz, um die Verletzten des Zugunglücks von Bad Aibling zu bergen.

Bad Aibling. Dienstagfrüh, gegen 6.45 Uhr. In voller Fahrt rasen zwei Regionalzüge im oberbayerischen Bad Aibling direkt aufeinander zu - auf einer eingleisigen Strecke. Die Züge knallen frontal zusammen. Ein Triebwagen wird aus dem Gleis geworfen, der entgegenkommende bohrt sich in einen Waggon des anderen Zuges, schlitzt ihn auf. Ein Zugteil hat sich zur Seite geneigt, Blechteile ragen in die Höhe.

Für mindestens zehn Insassen gibt es keine Rettung. Sie können nur noch tot aus den Wracks geborgen werden. Es ist eines der bundesweit schwersten Zugunglücke der vergangenen Jahre. Als die ersten Helfer an der Unglücksstelle eintreffen, wartet eine Herkulesaufgabe auf sie. Rund 80 Insassen sind verletzt, fast 20 von ihnen schwer. Die Unfallstelle nahe einem Klärwerk ist nur schwer zugänglich: auf der einen Seite ist ein Berghang, auf der anderen liegt der Mangfallkanal. Die Rettungsfahrzeuge kommen nur auf einem schmalen Weg zum Unfallort. Deshalb fliegen Hubschrauber die Verletzten aus.

Mit schwerem Gerät


Am schwierigsten gestaltet sich die Bergung der Schwerverletzten aus den vorderen Zugteilen. Teilweise muss schweres Gerät eingesetzt werden. Der Leitende Notarzt Michael Riffelmacher schildert, dass der Zusammenstoß der beiden Züge enorme Kräfte freigesetzt habe. Dadurch sei es zu extremen Verformungen in den Waggons gekommen.

"Ich will Ihnen Einzelheiten ersparen", sagt Riffelmacher, doch von einem Schwerverletzten seien für die Retter zunächst lediglich Gesicht und eine Hand zugänglich gewesen. Feuerwehrmänner befreien die teils eingeklemmten Opfer in einem mehrstündigen dramatischen Rettungseinsatz. Behutsam beugen sich Notärzte und Sanitäter auch noch mittags über ein Loch an einer der Lokomotiven, arbeiten sich zu einem der Opfer vor. Dass sie eine Decke darüberbreiten, lässt Schlimmes ahnen.

An der Unfallstelle herrscht fast andächtige Stille, die nur vom Lärm der Rotorblätter der Hubschrauber unterbrochen wird. Feuerwehrmänner stehen in Zweierreihen auf dem Damm des Mangfallkanals und warten auf ihren Einsatz. Vor ihnen stehen Kisten mit medizinischem Gerät.

Beide Lokführer tot


Die Schwerverletzten werden direkt in umliegende Kliniken geflogen, die Leichtverletzten zu einer Sammelstelle gebracht, wo sie mit Rettungswagen in die Krankenhäuser gefahren werden. Etliche Verletzte werden in Rettungsbooten auf die andere Seite des Mangfallkanals gebracht und von dort weitertransportiert. Die Toten werden derweil in Metallsärgen zu eigens hergebrachten kleinen Schienenwagen auf dem Gleis gebracht. Christian Schreyer von der Transdev, die den Meridian auf der Nahverkehrsstrecke betreibt, muss am Mittag mitteilen, dass auch die Lokführer unter den Toten sind.

Am Abend erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus zuverlässiger Quelle, dass das Unglück laut ersten Ermittlungen durch menschliches Versagen ausgelöst wurde. Wer verantwortlich ist, blieb jedoch vorerst unbekannt.

Keine Beanstandungen


Sowohl Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) als auch Klaus-Dieter Josel von der Deutschen Bahn versicherten, dass auf der Strecke das seit 2011 bundesweit installierte "Punktförmige Zugbeeinflussungssystem PZB 90" angebracht sei. Es soll verhindern, dass zwei Züge zusammenstoßen. Warum es an diesem Morgen in Bad Aibling offenbar nicht funktioniert hat, soll die Auswertung der drei Blackboxen in den Zügen zeigen.

Josel ergänzte, dass erst vergangene Woche alle signaltechnischen Anlagen auf der Strecke überprüft worden seien. Es habe keine Beanstandungen gegeben.

ZugunglückeBahnfahren gilt als relativ sicher. Technische Fehler oder menschliches Versagen führen aber immer wieder auch zu Katastrophen. Beispiele aus Bayern:

8. Juni 1975: Im Oberland Schaftlach und Warngau sterben an dem strahlenden Frühsommersonntag 43 Menschen, mehr als 100 werden verletzt. Es ist eines der schwersten Zugunglücke in der deutschen Nachkriegsgeschichte - und es ist amtlicherseits programmiert. Der Sommerfahrplan sieht einen zusätzlichen Zug für die Sonntagsausflügler vor. Damit muss es auf der eingleisigen Strecke zwischen Schaftlach und Warngau einen Zusammenstoß geben. Niemand bemerkt das. Und an den Bahnhöfen passiert offenbar ein fataler Fehler: Die Bahnbediensteten lassen die Züge abfahren und melden sie erst dann beim jeweils anderen Fahrdienstleiter an.

18. Februar 1999: In Immenstadt im Allgäu im schwäbischen Landkreis Oberallgäu stößt ein Intercity-Zug mit einem InterRegio zusammen. Zwei Menschen kommen ums Leben, etwa 20 werden verletzt.

22. Juni 2001: Ein schwarzer Tag für den bayerischen Schienenverkehr. Bei zwei Unglücken an Bahnübergängen sterben 7 Menschen, mindestens 44 werden verletzt. In der Nähe von Vilseck-Gressenwöhr (Kreis Amberg-Sulzbach) rast ein Regionalzug in einen Lastwagen der US-Armee. Der Lokführer, der Lkw-Fahrer und ein Zugfahrgast sterben. Elf Stunden später rammt ein Regionalzug an der Strecke Donauwörth-Dillingen in Schwaben ein Auto. Ein Ehepaar und zwei Kinder in dem Wagen sterben.

5. November 2015: Am Bahnübergang in Freihung (Kreis Amberg-Sulzbach) kommen zwei Menschen ums Leben, vier werden verletzt. Ein Lkw, der einen Militär-Lastwagen auf dem Tieflader transportierte, war an dem Bahnübergang hängengeblieben und von dem Zug gerammt worden. (dpa)
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