Streit um Glyphosat
Herbizid im Bier gefunden

Sprühen gegen Unkraut: Umweltschutzverbände fordern nach der Einstufung von Glyphosat als krebserregend ein Verbot des Pflanzenschutzmittels. Archivbild: dpa
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Bayern
25.02.2016
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"Wir spritzen Glyphosat ja nicht verantwortungslos, schließlich sind wir als Anwender am stärksten davon betroffen." Anton Huber, BBV.

Rauchen ist krebserregend, ein Allgemeingut. Laut Internationaler Krebsforschungsagentur (IARC) gilt das auch für Wurst und sogar Schichtarbeit. Und eben auch für Glyphosat, des Bauern liebstes Herbizid, das jetzt auch im Bier gefunden wurde. Doch warum sieht das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) das anders?

Weiden/München. Dem Laien gelingt die Unterscheidung nur mit viel Gehirnakrobatik: "Die IARC weist auf die Gefahr hin, das BfR bewertet das Risiko", erklärt Anton Huber vom Bayerischen Bauernverband (BBV) in München. Wie meinen? "Man könnte sagen, Feuer ist eine potenziell tödliche Gefahr, aber wenn man aufpasst, ist das Risiko beherrschbar." Für den Bauernvertreter ist das Urteil des BfR maßgeblich, das jetzt eine Neubewertung vornehmen muss.

BfR: Kein höheres Risiko


Was ist geschehen? Die Internationale Krebsforschungsagentur hat das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörende Behörde wertete mehrere Studien zu dem Mittel aus. Das BfR aber war bei seinen Bewertungen zu dem Schluss gekommen, dass bei richtiger Anwendung kein höheres Krebsrisiko für den Menschen zu erwarten sei. Dass die Aufnahme von Glyphosat negative Auswirkungen auf das Hormonsystem, auf Fehlbildungen und ein erhöhtes Krebsrisiko haben könne, schließt auch Anton Huber nicht aus. Aber: "Keiner trinkt doch aus dem Behälter Glyphosat." Das vielleicht nicht, aber Bier wird gern getrunken. Ändert das im Licht der aktuellen Untersuchungsergebnisse des Umweltinstituts München nicht die Lage? Huber winkt ab: "Der Grenzwert für Trinkwasser gilt allgemein für Pestizide und ist für einen Vergleich nicht geeignet", sagt er und verweist auf die alte Redensart mit den Äpfeln und den Birnen. Relevant sei einzig der ADI-Wert (Acceptable Daily Intake), der die Menge einer Substanz beschreibt, die pro Tag und Kilo Körpergewicht unbedenklicher Weise zulässig ist. Und die liegt im Fall von Glyphosat bei 0,3 Milligramm (30 000 Mikrogramm), festgelegt von der EU-Kommission.

Diese habe angekündigt, "im Lauf des Jahres" über die Wiederzulassung von Glyphosat zu entscheiden, sagt Hubertus Wörner, Pressesprecher des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums. "Dabei muss aus unserer Sicht der Schutz der Verbraucher an erster Stelle stehen - unabhängig von der unbestritten hohen Bedeutung des Wirkstoffs für die Landwirtschaft." Bundesweit würden jährlich derzeit wohl rund 5000 Tonnen Glyphosat eingesetzt. "Bayern ist aber nicht in das Neubewertungsverfahren eingebunden", stellt Wörner fest. "Deshalb möchten wir auch keine Spekulationen anstellen, zumal das Thema zwischen verschiedenen Institutionen sehr kontrovers diskutiert wird."

Wiederzulassung offen


Noch sei unklar, ob der Wirkstoff wieder zugelassen werde und wenn ja, welche Einschränkungen von den Zulassungsbehörden in den Mitgliedstaaten gegebenenfalls zu beachten seien. "Darauf muss sich die Landwirtschaft dann einstellen." Dass ausgerechnet Monsanto, der wegen Gentechnik-Praktiken umstrittene US-Konzern, 1971 das Herbizid Glyphosat - Jahresumsatz zwei Milliarden US-Dollar - patentierte, trägt nicht gerade zur Versachlichung der Diskussion bei: "Für mich ist das BfR ein unabhängiges Gremium", rechtfertigt Huber das Festhalten am bewährten Mittel. "Für mich ist wichtig, dass man sich das fachlich, sachlich anschaut. Das ist für uns ein wichtiger Stoff, den man nicht einseitig bewerten sollte, weil er den falschen Hersteller hat."

Der Vertreter der Landwirtschaft weist daraufhin, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zu einem völlig anderen Ergebnis kommt als die IARC. "Wir spritzen Glyphosat ja nicht verantwortungslos", sagt Huber. "Schließlich sind wir als Anwender am stärksten davon betroffen." Der BBV-Angestellte ist davon überzeugt: "Wir haben alle die Sachmittelausbildung gemacht. Wenn man sachgerecht damit umgeht, schadet das weder Mensch noch Umwelt."

Wir spritzen Glyphosat ja nicht verantwortungslos, schließlich sind wir als Anwender am stärksten davon betroffen.Anton Huber, BBV

Das Umweltbundesamt (UBA) sieht das kritischer: Bei Urinproben von rund 400 Studenten in den letzten 15 Jahren stieg der Messwert stetig an: Konnten 2001 nur bei 10 Prozent Glyphosat nachgewiesen werden, waren es 2013 schon fast 60 Prozent. "Nachweisen kann man heute alles mögliche", hält Huber dagegen.

Außerdem werde bei der Diskussion übersehen, dass die einzige Alternative zur Verwendung von Glyphosat nicht gerade umweltschonend sei: "Wir brauchen das Herbizid für eine schonende, konservierende Bodenbearbeitung." Ansonsten seien mehr Bearbeitungsgänge erforderlich: "Wir haben errechnet, dass dann im Jahr 182 000 Tonnen Diesel mehr verbraucht würden - und Diesel hat die Risikostufe 1."

Die Kritik, der Wirkstoff trage wesentlich zur Verarmung der biologischen Vielfalt in landwirtschaftlich geprägten Ökosystemen bei, indem er Vögeln wie der Feldlerche indirekt die Nahrungsgrundlage entziehe, kann Huber nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, für die Biodiversität sei der Pflug mehr Gift als Glyphosat: "Mit dem Herbizid haben wir 312 Regenwürmer pro Quadratmeter, unter dem Pflug sind es nur 125."

Glyphosat: Pflanzenschutzmittel und ErntebeschleunigerGlyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln. Es kam 1974 auf den Markt und wird inzwischen zum Schutz etlicher Pflanzen eingesetzt, unter anderem im Weinbau, bei Kartoffeln und weiteren Feldfrüchten, im Obstbau und bei Getreide.

Glyphosat steckt in Hunderten Pflanzenschutzmitteln und wird unter verschiedenen Handelsnamen vertrieben. In der Landwirtschaft und im Gartenbau wird es vor der Aussaat zur Unkrautbekämpfung verwendet. Getreide darf in Deutschland unter bestimmten Umständen auch vor der Ernte damit behandelt werden. Bundesweit wurden laut Umweltbundesamt im Jahr 2012 knapp 6000 Tonnen reine Wirkstoffmenge ausgebracht.

Glyphosat hemmt in Pflanzen ein wichtiges Enzym, das beim Menschen nicht vorkommt. Es wird meist vor dem Auspflanzen eingesetzt, um die Nutzpflanzen nicht zu gefährden. Außerhalb Deutschlands gibt es gentechnisch veränderte Nutzpflanzen wie Mais, die gegen Glyphosat resistent sind.

Glyphosat werden oft noch Beistoffe beigemischt. Sie sollen das Eindringen in die Pflanze erleichtern. Diese Stoffe sind nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zum Teil giftiger als das Glyphosat selbst.

Die Zulassung für Glyphosat ist offiziell Ende 2015 abgelaufen. Über eine Neuzulassung will die EU-Kommission voraussichtlich schon im März entscheiden. (dpa)

Umweltschützer warnen: Bier ist belastet


München. (dpa) Mehrere deutsche Biere sind einer Untersuchung des Umweltinstituts München zufolge mit dem Pestizid Glyphosat belastet. Beim Test von 14 der beliebtesten Biermarken Deutschlands wurden Spuren des Unkrautvernichters gefunden.

Die Werte lagen demnach zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter und damit im extremsten Fall fast 300-fach über dem gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser von 0,1 Mikrogramm. Einen Grenzwert für Bier gibt es allerdings nicht. Das Pflanzengift steht im Verdacht, krebserregend zu sein.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht keine Gefahr für die Gesundheit. "Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1000 Liter Bier trinken", hieß es vom BfR.

Weitere Informationen: www.bfr.bund.de, www.umweltinstitut.org


Reaktionen
Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) sagte gegenüber dem Nachrichtensender n-tv: "Für eine gesundheitlich bedenkliche Menge müsste man 1000 Mass Bier trinken. Ich habe in Bayern noch niemanden gesehen, der 1000 Mass Bier trinkt. Und wenn er sie trinkt, dann tritt der Exitus nicht wegen Pflanzenschutzmitteln ein, sondern aufgrund anderer Gründe, die Sie und ich sich vorstellen können."

Der Deutsche Brauer-Bund hat die Studie des Umweltinstituts als "nicht glaubwürdig" bezeichnet. Die Brauereien betrieben einen hohen Aufwand, um die natürlichen Rohstoffe auf mögliche Schadstoffe zu kontrollieren. "Unser Monitoring zeigt, dass die gemessenen Werte stets deutlich unter den Höchstgrenzen liegen. Zu keiner Zeit konnten Überschreitungen der zulässigen Rückstandshöchstwerte bei Glyphosat festgestellt werden."

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat die Verantwortung von sich gewiesen. Möglich sei, dass Spuren von Glyphosat durch den Import von Braugerste Eingang in die Produktionskette gefunden hätten. Nach Angaben des Bauernverbands werden in Deutschland jährlich rund eine Million Tonnen Braugerste angebaut. Eine ebenso große Menge wird importiert - hauptsächlich aus Frankreich, Dänemark und Großbritannien.

Die SPD fordert ein Verbot des umstrittenen Unkrautvernichters für private Gärten, Spielplätze und öffentliche Grünflächen. "Bei der privaten Nutzung ist die Gefahr durch Fehlanwendung und Überdosierungen am größten", sagte die SPD-Agrarpolitikerin Rita Hagl-Kehl am Donnerstag. Solche Produkte sollten aus Vorsorgegründen auch nicht mehr in Baumärkten und im Internethandel zu haben sein, heißt es in einem SPD-Positionspapier.

Rosi Steinberger, Sprecherin der bayerischen Landtags-Grünen, fordert ein Verbot: "Wenn Agrargifte sich in unser Bier schleichen, kann von Reinheit nicht die Rede sein. ... Glyphosat hat auf unseren Äckern nichts verloren; der Einsatz dieses Monsanto-Gifts muss verboten werden." (dpa/üd)
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