Syrische Familie in Mangolding
Geduld ist gefragt bei Flüchtlingen in der bayerischen Provinz

Die syrische Flüchtlingsfamilie Al Ali mit einem Foto von ihrer Ankunft am Bahnhof in Passau. Nach einer Odyssee über den Libanon, der Türkei und der Balkanroute lebt die Familie nun in Mangolding. (Foto: Armin Weigel/dpa)
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Bayern
21.12.2015
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Am Ortsschild von Mangolding im Landkreis Regensburg. (Foto: Armin Weigel/dpa)

Mit einem wenige Tage alten Säugling und drei Kindern flieht Walid aus Damaskus. Vier Jahre ist das her. Nach einer Odyssee über den Libanon, der Türkei und der Balkanroute kommt die Familie in die Oberpfälzer Provinz. Dort ist die Integration aber noch schwierig.

Von André Jahnke

Mangolding. Vier Jahre hat die Flucht der Familie Al Ali aus Syrien gedauert. Vater Walid gehörte 2011 zu den ersten Syrern, die in Damaskus für Frieden und gegen Machthaber Baschar al-Assad demonstriert hatten. Als das Regime mit Panzern anrollte und mit Reizgas und Schüssen gegen die Menschen vorging, flüchtete er aus dem zuvor gesicherten, fast schon luxuriösen Leben mit einer großen Eigentumswohnung und eigenem Auto.

Seit Ende November lebt die Familie in Mangolding bei Regensburg. Sie sind froh und dankbar, endlich angekommen zu sein, in Frieden zu leben. Ihr Glück haben sie in der bayerischen Provinz aber noch nicht gefunden.

«Es ist gut, dass wir ein Haus für uns alleine haben. Aber wir sind weit weg von Regensburg. Dort lebt mein Bruder», sagt Walid in fließendem Englisch. Der 38-Jährige kann auch schon einige Worte Deutsch, will aber noch mehr lernen und arbeiten. Vieles geht ihm zu langsam. Er kann nicht verstehen, warum er nicht in Regensburg bleiben durfte.

In dem Mintrachinger Ortsteil leben gut 340 Menschen, eine Zugverbindung gibt es nicht. Zum Arzt fahren die Al Alis oft mehrere Kilometer mit dem Fahrrad. Nach einer Woche hatte die Familie noch keinen Kontakt zu den Nachbarn, die Kinder spielen viel im Haus und langweilen sich. Zudem gibt es kein Internet.

Die Bürgermeisterin von Mintraching bittet um Geduld, weil die Al Alis die erste Flüchtlingsfamilie in dem Ort ist, die länger bleiben wird. «Der wichtigste Schritt ist nun, die Kinder in die Schule zu bringen», sagt Angelika Ritt-Frank (SPD). Das Problem sei jedoch, dass die Kapazitäten der meisten Übergangsklassen erschöpft seien.

Während der vierjährige Mohamed Bakr bereits zum Schnuppern in einem Kindergarten war, soll die achtjährige Sham in einer Übergangsklasse in Neutraubling unterkommen. «Die beiden 14 Jahre alten Zwillinge kommen wohl nach den Weihnachtsferien in eine Schule in Regensburg», betont Ritt Frank.

Inzwischen hat die Bürgermeisterin einen Helferkreis von 20 Menschen aktiviert. «Wir wissen alle, dass es ohne ehrenamtliche Hilfe nicht geht.» Neben Deutschunterricht könnten die Helfer auch bei Fragen im Alltag unterstützen. «Die Familie ist bereits zum Plätzchenbacken eingeladen worden. Und einige Helfer haben Fahrdienste übernommen», erläutert Ritt-Frank. Sie ist überzeugt, dass die Integration klappen wird.

Walid hatte in Damaskus ein Geschäft auf einem großen Basar. 2011 beteiligt er sich mit Tausenden Syrern an den Demonstrationen gegen Machthaber Baschar al-Assad. Als die Lage zu gefährlich wird, flüchtet er in den Süden zur Familie seiner Ehefrau - sein jüngster Sohn Mohamed Bakr ist da gerade zehn Tage alt.

Etwa 30 000 US-Dollar (gut 27 000 Euro) hatte Walid auf die Seite gelegt, das Geld ist aber schnell aufgebraucht. Er fährt Taxi und muss schließlich mit Frau und vier Kindern in den Libanon fliehen. Er arbeitet als Maurer und Anstreicher, das Geld reicht aber nicht. Walid flüchtet alleine nach Istanbul und arbeitet dort eineinhalb Jahre, um Pässe für seine Familie zu bekommen. «Aber wir hatten keine Zukunft in der Türkei, wir mussten weiter, nach Griechenland», erklärt Walid.

An einem Strand mussten die Al Alis mit Dutzenden Flüchtlingen das etwa neun Meter lange Schlauchboot selbst aufblasen. 6000 US-Dollar (gut 5400 Euro) hat die kurze aber gefährliche Überfahrt nach Griechenland für die Familie gekostet. «Wir hatten schwere See und mussten das kniehohe Wasser mit Bechern aus dem Boot schöpfen, um nicht unterzugehen», sagt Walid. Alle 47 Flüchtlinge in dem kleinen Boot hätten gewusst, dass zuvor zahlreiche Menschen bei der Überfahrt ums Leben gekommen sind. «Aber was hatten wir für eine Wahl?», fragt der 38-Jährige.

Über Mazedonien und Kroatien kommt die Familie schließlich nach Österreich. «Dort sind wir das erste Mal auf unserer Flucht von Helfern angelächelt worden», sagt Walid. In Wien kauft er von seinem letzten Geld Zugtickets nach Regensburg, wo sein Bruder lebt. In Passau endet im Oktober jedoch die Reise. Wie alle Flüchtlinge werden auch die Al Alis von der Bundespolizei aus dem Zug geholt. Nach einigen Tagen in Notunterkünften in Passau und Leipzig kommen sie aber schließlich doch nach Regensburg.

40 Tage lebt die sechsköpfige Familie in einer Turnhalle in der Domstadt. «Das war am Anfang schwierig mit so vielen anderen Flüchtlingen in einer Halle. Aber wir haben jeden Tag Deutschunterricht bekommen und die Kinder hatten schnell Freunde, mit denen sie spielen konnten», erklärt Walid. Weil er gut Englisch spricht, hilft der Familienvater dort als Dolmetscher und findet schnell Freunde unter den Helfer. «Als wir gehen mussten, haben wir geweint.»

In Deutschland will Walid arbeiten und nicht lange von staatlichen Hilfen abhängig sein. Die Langeweile zu Hause bedrückt den Mann. Und irgendwann, wenn in Syrien wieder Frieden herrscht, will er auch zurück. Wenn er und seine Frau über das frühere Leben in Syrien sprechen, geraten sie ins Schwärmen: Das Obst und das Gemüse waren herrlich «und wenn ihr jemals das Wasser in Damaskus getrunken habt, wollt ihr nichts anderes mehr.»
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