Verhandlung um Babymord
Wallenfels vor Grusel-Prozess

Nach dem Fund von acht Babyleichen im November 2015 in Wallenfels scheint es in dem kleinen oberfränkischen Dorf wieder etwas ruhiger geworden zu sein. Der nun beginnende Prozess könnte dies ändern. Bild: dpa
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Bayern
12.07.2016
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Acht Babyleichen werden im Haus einer Familie in Wallenfels gefunden. Die Bestürzung ist groß, nicht nur in dem kleinen Dorf. Inzwischen ist es dort ruhiger geworden - scheint es. Nun beginnt der Prozess.

Wallenfels/Coburg. Vor ein paar Monaten standen noch Porzellan-Engel und brennende Kerzen auf der Fensterbank des Hauses. Heute ist nichts mehr zu sehen von der Trauer, die Wallenfels im November überzog. Acht Babyleichen waren im gedrungen wirkenden Haus gefunden worden. Nach dem Medientrubel herrscht nun Schweigen im Ort.

"Ich frage die Leute nicht danach, wenn ich bei ihnen bin", sagt Pfarrer Jan Poja. Wie es den Menschen in der Gemeinde geht? Was das Wissen um die toten Kinder mit ihnen gemacht hat? "Es schmerzt uns, und was uns schmerzt, da spricht man nicht so einfach drüber wie übers Wetter." Poja blickt zur Seite.

"Öffentlich wird nicht mehr drüber geredet", sagt eine Frau im Ort. Manchmal spreche sie zu Hause darüber, mit ihrem Mann. "Das Örtchen war aufgeregt, jetzt ist wieder alles wie immer." Sie will eigentlich nichts sagen, auch nicht ihren Namen. "Aber offenbar holt einen das immer wieder ein, nicht?"

Acht Monate zuvor: Polizisten und Rechtsmediziner finden die sterblichen Überreste der Neugeborenen. In einem Abstellraum, in Plastiktüten und Handtücher gewickelt. Im Haus der Mutter und des Vaters. Die damals 45-jährige Frau lebt da schon nicht mehr in Wallenfels, hält sich mit ihrem neuen Freund in einer Pension in Kronach auf. Mit dem Vater der toten Säuglinge hat die Frau drei gemeinsame Kinder, die leben. Beide brachten in die Beziehung je zwei weitere Kinder mit.

Heute Prozessauftakt


Am Dienstag soll in Coburg nun der Prozess gegen die beiden beginnen. Die Mutter sitzt in Untersuchungshaft - sie ist wegen Mordes angeklagt, der Vater wegen Beihilfe. Hat das Entsetzen etwas gemacht mit den Menschen? Ein Mann im Dorf schüttelt den Kopf, langsam. Auch er will seinen Namen nicht nennen, in Wallenfels kennt jeder jeden. Der Mann sieht die Familie oft. Er habe der Frau die Schwangerschaften nicht angesehen. Wieder das langsame Kopfschütteln. Sie sei mal ein bisschen fülliger gewesen.

Der Psychiater und Gutachter Michael Soyka ist Experte für Fälle der Kindstötung. "Es gibt da eine Kultur des Wegschauens, des Verdrängens", sagt er. In der Familie - und im Dorf. "Eine Schwangerschaft kann man mal übersehen, acht übersieht man nicht. Das ist unmöglich." Gerade in einer 2800-Seelen-Gemeinde.

In kleinen Gemeinschaften sei die soziale Kontrolle viel stärker als in Großstädten. In solchen Analysen liegt auch ein Vorwurf, und die Wallenfelser spüren ihn deutlich. "Wir funktionieren weiter", sagt die Frau auf dem Parkplatz. "Es ist unfassbar, das ist einfach so. Vielleicht verdrängt man's auch. Ich schieb das weit von mir."

Wer etwas bemerkt hat oder nicht, das wird das Gericht versuchen zu klären. Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter vor, vier der Babys vorsätzlich umgebracht zu haben; dem Vater, ihr dabei geholfen zu haben. Die beiden Angeklagten wollten, so die Ermittler, ohne Einschränkung durch weitere Kinder leben. Der neue Freund der Frau wendet sich an die Polizei, und schließlich legt sie ein Geständnis ab: Sie habe einige Kinder lebend geboren und getötet.

"Sich ein Urteil darüber zu bilden, dazu sind wir nicht berechtigt", sagt die Wallenfelserin auf dem Parkplatz. "Es war eine ganz normale Familie."
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