Wenn der Chef pokert

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Bayern
04.10.2014
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Mit ihren Wünschen stoßen Mitarbeiter nicht immer auf ein offenes Ohr beim Chef. Oft spielt er auf Zeit, um ein klares Nein zu vermeiden. Doch wie erkennen Beschäftigte solche Strategien? Und was können sie ihnen entgegensetzen?

(dpa/tmn) Fortbildung, Sabbatical oder Urlaubsantrag: Wer seinem Chef Forderungen präsentiert, erhält oft keine Antwort. Stattdessen laviert er sich durch. "Hinhaltetaktiken sind ein Dauerthema in Unternehmen", sagt Claudia Kimich. Sie ist Jobcoach in München. Oft geht es Führungskräften darum, Auseinandersetzungen zu vermeiden. Dabei steht für Mitarbeiter einiges auf dem Spiel - etwa Gehalt, Karriere oder eine Vertragsverlängerung. Wer so ein Verhalten akzeptiert, ist jedoch ein Stück weit selbst schuld. "Es gehören immer zwei dazu. Wenn ich nicht mitmache, kann mich der andere auch nicht hinhalten."

Anzeichen erkennen: Manche Führungskräfte geben nur vor, sich zu kümmern. Andere schieben ihren Vorgesetzten oder leere Kassen vor und vertrösten ihre Mitarbeiter auf später. Doch was ist dran an solchen Worten? Wer als Chef untätig bleibt, spiele auf Zeit, sagt Verhandlungsexperte Matthias Schranner aus Zürich. Ob ein Vorgesetzter sich einsetzt, ist jedoch oft nicht sofort zu erkennen. Mitarbeiter sollten bei Zusagen beobachten, was passiert, und gezielt nachfragen, wenn der Chef untätig bleibt.

Vertrauensbasis prüfen: Erfahrene Vorgesetzte kennen viele Wege, ihr Spiel auf Zeit zu tarnen. Daher sollten sich Mitarbeiter die Mühe machen, ihre Führungskraft richtig einzuschätzen, rät Kimich. Was für ein Typ ist das? Redet er Klartext oder geht er Konflikten regelmäßig aus dem Weg? "Dann sehe ich ja, ob es eine Vertrauensbasis gibt."

Falsche Rückschlüsse vermeiden: Gefährlich sei, sich nur auf gute Erfahrungen in der Vergangenheit zu verlassen, warnt Kimich. Auch die Position einer Führungskraft könne sich ändern, etwa durch neue Aufgaben oder Vorgesetzte. "Manche behalten dann ihre bisherigen Verhaltensweisen bei und nutzen sie nun, um Hinhaltetaktiken zu tarnen."

Aktiv werden: Viele Mitarbeiter stellen hohe Erwartungen an ihre Vorgesetzten. "Sie idealisieren ihren Chef regelrecht und erwarten, dass er sich immer richtig verhalten wird", erklärt Coach Heiko Brix aus Flensburg. Doch Führungskräfte seien auch nur Menschen, mit eigenen Motiven und manchmal untauglichen Konfliktlösungsmustern. "Wenn ich so einen Chef habe, darf ich nicht abwarten, sondern muss selbst aktiv werden, denn ich habe ja das Problem, nicht er."

Selbstbewusstsein stärken: Wer sich nicht hinhalten lassen will, muss von sich selbst und seiner Forderung überzeugt sein. "Wer an sich zweifelt, hat bei einer Hinhaltetaktik schon verloren", sagt Schranner. Daher sollten sich Mitarbeiter vorher klarmachen, wie wichtig ihnen ihr Anliegen wirklich ist. "Wie weit gehe ich? Wie sehen meine Alternativen aus, falls es nicht klappt?"

Klarheit schaffen:Brix rät, für mehr Transparenz zu sorgen. "Wenn sich beide Seiten bedeckt halten, kommt es nie zu einer Lösung, weil wichtige Informationen fehlen." Mitarbeiter sollten deutlich sagen, was ihr Ziel ist und was ihnen Sorgen bereitet. Sie sollten auch fragen, wer was tun kann, um das Ziel zu erreichen. "Dabei würde ich Ich-Botschaften nutzen, einen positiven Ton wählen und mich wertschätzend verhalten", sagt Brix. Im besten Fall löse das bei der Führungskraft eine Verhaltensänderung aus.

Nein sagen:Wer sich traut, sich nicht hinhalten zu lassen, erlebt oft eine überraschende Wende. "Wenn ich aktiv werde, werden auch die anderen aktiv", sagt Kimich. Vor allem dann, wenn ein Mitarbeiter Konsequenzen anspricht. Als Drohung sollte das allerdings nicht klingen, sondern als unvermeidliche Konsequenz. Ein guter Satz wäre zum Beispiel: "Versetzen Sie sich bitte in meine Lage, wie würden Sie sich denn verhalten?" Oft sei nicht einmal das nötig: "Je klarer ich mir bin und das ausstrahle, desto seltener probiert jemand eine Hinhaltetaktik."

Fristen setzen:Doch nicht jeder Vorgesetzte lässt sich von seiner Hinhaltetaktik abbringen. Wer zu Konsequenzen bereit ist, hat dann noch eine Chance: "Dann muss ich selbst Forderungen stellen, einen Termin setzen und etwas Druck ausüben", sagt Schranner. Zum Beispiel: "Ich hätte gerne eine Entscheidung von Ihnen bis Freitag, 12.00 Uhr, sonst müssen wir das mit dem Chef klären."

Üben lohnt sich: Leicht ist es allerdings nicht, Hinhaltetaktiken aus dem Stand zu kontern. "Da hilft nur eins: üben, üben, üben", erklärt Brix. Gelegenheiten dazu gebe es genug. Beschäftigte verhandeln ja nicht nur mit Führungskräften, sondern auch mit Freunden, Kollegen oder Familienmitgliedern. Die Mühe lohnt sich auf jeden Fall. "Sonst habe ich dieses Problem weiter, und wahrscheinlich wird es mir auch im nächsten Job wieder begegnen."
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