Wenn die Wohnung zum Problem wird

Wenn die Wohnung zum Problem wird
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Bayern
27.03.2015
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Wenn die Wohnung zum Problem wird_klein

Nach Krankheit und Unfall oder durch altersbedingte, körperliche Einschränkungen kann die eigene Wohnung zum Problem werden. Wegen eines Schlaganfalls, dessen Folgen jetzt weitgehend überstanden sind, musste sich der Amberger Architekt Dieter Roßdeutscher (63) selbst mit dem Thema „Barriefreiheit“ auseinandersetzen. Seine Erfahrungen und sein Fachwissen gibt er jetzt in kostenlosen Beratungen der Freiwilligenagentur „Engagiert in Amberg“ an Betroffene weiter. Dieter Roßdeutscher über Hindernisse zu Hause und wie sie sich überwinden lassen.

Herr Roßdeutscher, welche typischen Barrieren gibt es denn in Haushalten?
„Was als Barriere empfunden wird, hängt prinzipiell natürlich vom Einzelfall ab, obwohl der Begriff auch in einer DIN-Verordnung definiert ist. Typische Barrieren sind zum Beispiel zu enge Türen, Treppenstufen, aber auch rutschige Böden bis hin zu Teppichen, die sich vom Boden lösen und eine Stolperfalle darstellen. Alte Menschen kommen unter Umständen auch nicht mehr in die Badewanne oder die Duschwanne stellt ein Hindernis für sie dar. Manchmal sind auch die Möbel ganz einfach nur unpraktisch aufgestellt und lassen wenig Raum an Engstellen. Auch in Nassräumen lauern häufig Gefahren. Schon drei Stufen am Hauseingang können eine echte Barriere sein.“

Wie läuft denn eine Beratung durch Sie ab?
„Zunächst einmal machen wir keine Neubauberatung, sondern beraten Menschen, die in Bestands-objekten wohnen. Menschen, die bei uns Hilfe suchen, können zum Beispiel motorische Einschränkungen haben, also etwa auf einen Gehstock oder einen Rollator angewiesen sein. Oder sie haben Probleme mit dem Sehen oder dem Hören. Aber auch Familien mit Kindern können betroffen sein. Das Wichtigste ist für mich ein Ortstermin in der Wohnung oder dem Haus des Hilfesuchenden. Nur so kann ich mir ein konkretes Bild von der Situation machen. Neben meiner Ausbildung und Erfahrung als Architekt habe ich als Außenstehender natürlich auch einen anderen Blick auf die Dinge, sehe was, was der Bewohner gar nicht bemerkt. Das können zum Beispiel störende Kabel sein, die sich anders verlegt gehören, zu hoch angebrachte Griffe an Duschen, Türen oder Schränken. Auch viele Einrichtungsgegenstände sind ganz einfach überflüssig und behindern beim Gehen. In anderen Fällen kann natürlich auch ein baulicher Eingriff, wie etwa eine Badewanne mit Einstieg, hilfreich sein. Handelt es sich um eine Mietwohnung, muss man sich da selbstverständlich mit dem Vermieter erstmal einig werden. Dieser hat keine Verpflichtung zu baulichen Maßnahmen, andererseits kann eine ,barrierefreie‘ Wohnung aber auch für spätere Vermietungen ein Plus sein. Wir werden älter. Und wer in der zweiten Lebenshälfte eine Wohnung sucht, wird verstärkt auf solche Dinge achten.“

Beschränkt sich der Begriff „Barrierefrei“ auf Gebäude?
„Im heimischen Umfeld sind Barrieren natürlich am Unangenehmsten, weil ich ständig damit konfrontiert bin. Barrieren können sich aber auch in allen anderen Lebensbereichen zeigen, zum Beispiel im Straßenverkehr. Unter Umständen ist mein Auto für Gehbehinderte nicht geeignet oder der Randstein am Gehsteig stellt ein Hindernis dar. Das ist aber nicht Gegenstand meiner Beratungen. Hier geht es tatsächlich um Barrieren in Haus und Wohnung. Was unter einer Barriere zu verstehen ist, ist in der DIN (Deutsche Industrie-Norm) 18040 (dort Teil 2: Wohnungen) nachzulesen, die erst im vergangenen Jahr in Kraft getreten ist und für Neubauten gilt. Innerhalb von Wohnungen werden zwei Standards unterschieden. Es gibt einen Basisstandard, ,barrierefrei nutzbar‘, und einen erweiterten Standard, ,barrierefrei und uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbar‘. Beim Basisstandard kann ich als Rollstuhlfahrer durchaus meine Probleme haben. Generell heißt ,Barrierefreiheit´, Wohnungen so zu gestalten, dass sie in verschiedenen Lebenssituationen und bis ins hohe Alter gut nutzbar sind.“

Wie lässt sich „Barrierefreiheit“ schon bei der Planung von Häusern und Wohnungen umsetzen?
„Wie bereits erwähnt, Neubauten sind nicht Gegenstand unserer Beratungen. Aber klar, man sollte sich schon vor der ersten Blaupause seine Gedanken machen. Da spielen auch Fragestellungen jenseits des Gebäudes selbst eine Rolle. Gibt es in der Nähe Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten? Wie ist die infrastrukturelle Anbindung? Komme ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt? Beim Gebäude selbst sollte man sich vom Architekten beraten lassen. Jede Stufe kann später mal zum Problem werden. Lichtschalter kann ich bereits im Neubau niedriger einbauen, so dass auch Kinder oder Rollstuhlfahrer leicht rankommen. Die lichte Breite von Türen kann von vorneherein so ausgelegt sein, dass sie für Rollstuhlfahrer kein Problem darstellen. Vielleicht habe ich sogar eine zentrale Steuereinheit für elektrische Rollläden. Platz für Sitzgelegenheiten im Flur ist auch wichtig. Gerade Bewegungsflächen sind später oftmals ein Problem. Ich rate auch gerne, ein nicht mehr gebrauchtes Zimmer einfach als Abstellraum zu nutzen. Da kommt dann alles rein, was man nicht ständig benötigt. Ist das Gebäude mehrgeschossig, macht es Sinn auch parterre ein vollwertiges Bad einzubauen, sollte man später nicht mehr die Treppe hochkommen. Sinnvoll ist es auch, auf der gleichen Etage ein Zimmer zu haben, das später einmal als Schlafzimmer Verwendung finden könnte.“

Wenn Sie sich bei uns im öffentlichen Raum umsehen, stoßen Behinderte da auf viele Barrieren oder haben sich die Oberpfälzer Kommunen schon auf die wachsende Bedeutung dieses Themas durch die Bevölkerungsentwicklung eingestellt?
„Ich kann da natürlich nicht für die gesamte Oberpfalz sprechen. Ich habe aber schon den Eindruck, dass man in öffentlichen Gebäuden bereits ganz gut auf Barrierefreiheit achtet. Zugleich muss aber auch klar sein, dass es keine hundertprozentige Barrierefreiheit geben kann. So gesehen wird man die Situation immer verbessern können. Und die Probleme werden mit dem demografischen Wandel ganz sicherlich auch wachsen. Manche Dinge lassen sich aber ganz einfach rückwirkend nicht mehr ändern, weil die Maßnahmen im Bestand schlichtweg nicht mehr realisierbar oder finanziell nicht mehr tragbar wären. Die Schwierigkeiten der Zukunft liegen im ersten, zweiten, dritten Stock – egal ob im öffentlichen Raum oder im privaten Umfeld.“