Wie Experten und unsere Leser über das Thema denken
"Pille danach" ohne Rezept - Freifahrtschein oder überfälliger Beschluss?

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Bayern
11.03.2015
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Pillen danach
 
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Verhütungspanne hin oder her. „Frau“ hat die Pille vergessen. Das Kondom ist geplatzt. Oder die Lust war größer als der Verstand - und kein Verhütungsmittel zur Hand. Und nun? Die „Pille danach“ ist für viele Frauen eine Notfalllösung. Ab Sonntag, 15. März, gibt es die Präparate "Ella One" und "Pidana" rezeptfrei in der Apotheke. Ein Freifahrtschein oder ein längst überfälliger Beschluss?

Der erste Schock ist groß. Ist heute wirklich schon Mittwoch?! Es folgt ein prüfender Blick auf das Handy: Tatsächlich – der Bildschirmschoner zeigt die Buchstaben „Mi“ an. Die Augen wandern zurück zur Pillenpackung. Die Pille für Dienstag ist allerdings noch im Blister. Jetzt heißt es schnell handeln: Die „Pille danach“ als letzte Rettung?
 
Die „Pille danach“ bekamen Frauen bisher nur, wenn sie von einem Arzt verschrieben wurde und zuvor ein ausführliches Gespräch stattgefunden hatte. Ab Sonntag ist sie allerdings rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich. So lautet der Beschluss des Bundesrats vom 6. März.

Gespräch mit Checkliste im Beratungsraum


Ganz so einfach, wie es sich viele vorstellen, ist es jedoch nicht: Die Bundesapothekerkammer hat für alle Apotheken Handlungsempfehlungen für die rezeptfreie Abgabe von Notfallkontrazeptiva verfasst. Ein wichtiger Bestandteil sei dabei die sogenannte Checkliste, die Apotheker zusammen mit der betroffenen Frau persönlich abarbeiten sollen, erklärt Andreas Biebl, Sprecher der Weidener Apotheken.

Ist es möglich, dass bereits eine Schwangerschaft besteht? Wie lange liegt die letzte Monatsblutung zurück? Warum wurde nicht anderweitig verhütet? Und vor allem: Wann fand der Geschlechtsverkehr statt? Fragen über Fragen. Für viele nicht gerade angenehm. Um Diskretion zu bewahren, findet das Gespräch in den jeweiligen Beratungsräumen der Apotheken statt.

Ob die „Pille danach“ an die betroffene Frau abgegeben wird, liegt letztendlich bei der Entscheidung des Apothekers oder der Apothekerin. Sollte eine Schwangerschaft nicht ausgeschlossen werden können, oder auch ein Missbrauchsfall infrage kommen, wird die Kundin an einen Arzt verwiesen. Dies sei auch generell bei Mädchen unter 14 der Fall.

Präparate unterscheiden sich

 
Die „Pille danach“ verschiebt den Eisprung um einige Tage und verhindert somit eine Schwangerschaft. Wie es der Name schon verrät, muss die Frau dafür nach dem Geschlechtsverkehr einmalig eine Tablette einnehmen.

Die beiden zugelassenen Präparate "Ella One" und "Pidana" unterscheiden sich allerdings: "Pidana" enthält den Wirkstoff Levonorgestrel und kann bis zu 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. "Ella One", ein neueres Präparat mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat, muss dagegen innerhalb von fünf Tagen (120 Stunden) eingenommen werden.

Bei beiden gilt jedoch: Je früher, desto besser. Und desto kleiner das Risiko einer Schwangerschaft. Deshalb gibt es die „Pille danach“ auch nicht über den Versandhandel. Sollte allerdings bereits ein Ei befruchtet worden sein oder sich sogar schon in die Gebärmutter eingenistet haben, zeigt die „Pille danach“ keine Wirkung mehr. Das Medikament führt also nicht zur Abtreibung.

Es sei auch kein Fall bekannt, bei dem es durch die Einnahme des Präparats in vorgeschriebener Dosierung - trotz einer bereits bestehenden Schwangerschaft - Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes gab, erklärt Biebl.

"Pille danach" schützt nicht vor Krankheiten


Der Apotheker steht dem Beschluss der rezepfreien Abgabe des Medikaments kritisch gegenüber. Die Beratungsfunktion der Frauenärzte falle komplett auf die Apotheken zurück. Vor allem bei Nacht- und Notfalldiensten sei dies „schwierig zu handlen“. Eine intensive Beratung über die Sprechanlage? Es wird sich zeigen, ob das Sinn macht.

Er befürchtet außerdem, dass durch die Abschaffung der Rezeptpflicht die klassischen Verhütungsmethoden vernachlässigt werden könnten. Ganz nach dem Motto: „Dann lass‘ ich es eben darauf ankommen. Und für den Fall der Fälle nehme ich die Pille danach.“ Vor allem bei Frauen, die keinen festen Partner haben, könnte diese Einstellung keine Seltenheit sein. Was viele nicht bedenken: „Vor Krankheiten schützt das Medikament trotzdem nicht“, so Biebl.

Wenig Wissen über den Zyklus


Die gleichen Befürchtungen hat auch Elisabeth Schieder von der Schwangerschaftsberatung „Donum vitae“ in Weiden. „Wie werden Männer und Frauen aufgrund der Änderung zukünftig mit Verhütung umgehen?“ Ihrer Meinung nach wissen viele Frauen zu wenig über das eigene Zyklusgeschehen und wann die „Pille danach“ sinnvoll ist.

Um diesem Phänomen schon in jungen Jahren entgegenzuwirken, kooperiert die Beratungsstelle mit vielen Schulen. Sie veranstalten gemeinsam Informationstage mit Themen über Zyklus und Verhütung. „Wir bringen den Jugendlichen oft auch spielerisch sensible Themen bei. Dabei schlüpfen sie in die Rolle von Hormonen und verschiedenen Organen“, erklärt Schieder. „Eine Verhütungspanne kann jedoch jedem passieren. Wichtig ist, darüber zu reden.“

Rita Waschbüsch, Bundesvorsitzende von „donum vitae“, schreibt zum Thema „Pille danach“ in einer Pressemitteilung von November 2014: „Hierbei handelt es sich um ein Mittel, das bislang einer Verschreibung durch einen Arzt bedurfte, weil dieser die Situation qualifiziert bewerten und die Notwendigkeit des Einsatzes des Hormons abschätzen kann.“


Was, wenn eine Untersuchung nötig ist?


Auch Dr. Andreas Falkert, Frauenarzt in Weiden, steht der Abwälzung der Beratung auf die Apotheken kritisch gegenüber. Ohne die Kompetenzen der einzelen Apotheker in Frage stellen zu wollen, sei es in einigen Fällen nicht eindeutig, ob die Pille danach der Betroffenen verabreicht werden sollte oder nicht. Ein Apotheker habe nicht die Möglichkeit einer Untersuchung, die in manchen Fällen notwendig sei.

Er verstehe außerdem den derzeitigen Medienhype um die „Pille danach“ nicht. „Sie ist in unserem Land bereits seit mehreren Jahren für jede Frau zu jeder Zeit erhältlich – nur eben mit Rezept“, betont er. Durch die medizinische Rundumversorgung in Deutschland sei die Notfalllösung der „Pille danach“ auch schon vor der Abschaffung der Rezeptpflicht 24 Stunden am Tag erhältlich gewesen. Im Gegensatz zu anderen Ländern.

Sinn mache ein rezeptfreier Zugang zum Notfallkontrazeptiva vor allem dann, wenn eine Frau nicht rund um die Uhr einen Arzt aufsuchen kann. Ein Problem sehe er außerdem in der kontrollierten Dosierung des Medikaments. Bei einer Überdosis des Präparats „Ella One“ seien durchaus negative Effekte für eine Schwangerschaft denkbar.

Katholische Kirche stimmt zu - mit Einschränkungen

 
Die Begeisterung für die Änderung der Rezeptpflicht hält sich also bei vielen in Grenzen. Aus Sicht der katholischen Kirche gibt es derzeit noch keine öffentliche Meinung. Doch auch sie hat der „Pille danach“ bereits 2013 zugestimmt. Allerdings nur im Fall einer Vergewaltigung. Und auch nur dann, wenn noch keine Befruchtung des Eis stattgefunden hat.

„Die Vollversammlung hat bekräftigt, dass in katholischen Krankenhäusern Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, selbstverständlich menschliche, medizinische, psychologische und seelsorgerische Hilfe erhalten. Dazu kann die Verabreichung einer ‚Pille danach‘ gehören, insofern sie eine verhütende und nicht eine abortive Wirkung hat.“ So heißt es in einer Pressemitteilung der deutschen Bischofskonferenz.

"Pille danach" kein Schnäppchen

 
Übrigens: Das Präparat "Ella One" kostet 35,72 Euro. "Pidana" erhält „Frau“ für 18,33 Euro. Nicht gerade ein Schnäppchen für eine einzige Tablette. Denn: Die klassische Pille kostet laut Biebl im Durchschnitt rund 20 Euro – allerdings für ein Vierteljahr Rundumschutz. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit können sich Mädchen und Frauen unter 20 Jahren die Kosten für die „Pille danach“ von ihrer Krankenkasse bezahlen lassen - allerdings nur mit Verschreibung.

Nach wie vor gilt also: Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte sich nicht auf die „Pille danach“ verlassen. Sie gilt als Notfalllösung. Und definitv nicht als klassische Verhütungsmethode. Auch ohne Rezeptpflicht.


Auf der Facebook-Seite Oberpfalznetz haben wir unsere Leser gefragt (Link zur Diskussion), was sie von der Rezeptfreiheit für die "Pille danach" halten. Hier eine Auswahl ihrer Antworten:

Anonym (Name der Redaktion bekannt): "[...] Ich bezweifle, dass gerade jüngere Leute verstehen, dass eine Verhütung mit diesen Präparaten nur VOR dem Eisprung möglich ist und nicht mehr danach. Weil ja oft die Befürchtung geäußert wird, dass viele nicht mehr generell verhüten sondern nur noch die Pille danach nehmen wollen. Falls nochmals ein Artikel erscheint, bitte weisen Sie nochmals speziell darauf hin, dass man diese Verhütungsmethode NACH dem Eisprung NICHT mehr anwenden kann! Es wirkt einfach nicht mehr. Die Nebenwirkungen hat man aber trotzdem! Und die sind echt extrem! Es ist ein starker Einschritt in die Hormonhaushalt des Körpers. Da ich selbst in einer öffentlichen Apotheke tätig bin, weiß ich was für schwere Zeiten auf uns zukommen werden. Wir werden auf sehr viel Unverständnis und wenig Kooperation der Patienten stoßen. Wir haben eine Menge Informationen abzufragen, wobei fast alles nur vom Betroffenen selbst beantwortet werden kann. Also jemand anderen herschicken für die Pille danach geht dann mal gar nicht. Ich hoffe auch, dass alle Kollegen so korrekt arbeiten in dieser Hinsicht, und auch wirklich alle Punkte abfragen und nicht leichtsinnig dieses Medikament verkaufen."

An Ki: "Schon rein kostentechnisch denke ich wird sich die Pille danach nicht als normales Verhütungsmittel durchsetzen. Wär dann jedesmal ein teuerer Spaß! Da rentiert sich der halbjährliche Gang zum Frauenarzt dann schon, um sich ein normales Pillenrezept verschreiben zu lassen..."

Mel Anie: "Ich finde es furchtbar.. ganz ehrlich. Die Pille wird inzwischen als harmloses kleines Ding vermarktet. Selbst Frauenärzte sagen einem, dass die Pille heutzutage nicht mehr gefährlich sei, da niedrig dosiert. Fakt ist aber dass die Pillen der 3. und 4. Generation ein höheres Thromboserisiko haben als Pillen der 2. Generation. Die Pille danach frei verkäuflich zu machen, setzt ein völlig falsches Signal. [...] Jetzt gibt die Pille danach die volle Dosis Hormone mal so nebenbei ohne ohnehin schon schlechte Aufklärung durch die Frauenärzte? Na Prost Mahlzeit."

Lyn LaPlegua: "Ich finds gut, dass es sie rezeptfrei gibt. Jeder kann frei entscheiden, wie er verhütet und das ist auch gut so. Dass nicht immer alles glatt geht, kann passieren, zum Beispiel, dass das Kondom reißt etc... sich in so einem Fall noch dem Arzt stellen zu müssen oder am Wochenende auch noch in eine Notaufnahme setzen zu müssen, nur um ein Rezept zu kriegen, halte ich für etwas demütigend - man fühlt sich so schon schlecht genug und schämt sich auch irgendwo (ich spreche aus Erfahrung). Die Bedenken vieler sind, dass nun keiner mehr verhütet. Dieses Argument ist Quatsch, denn vor allem unsere Teens haben sicher nicht so viel Taschengeld, sich mehrfach im Monat die Pille danach leisten zu können, immerhin ist der Preis ziemlich hoch angesetzt. [...]"

Lina Mac: "[...] Man sollte sowas immer vorher mit dem Frauenarzt abklären, hat ja nen Sinn, dass es die 'Pille danach' bisher nicht einfach so wie ein Kopfschmerzmittel zu kaufen gab.
Jede wird sie sich sinnlos besorgen und schlucken, gleich den Tag darauf, ohne einmal zu wissen, ob sie überhaupt schwanger war."


Michaela Neidl: "Macht wahrscheinlich nicht viel Unterschied, ob die Pille danach in der Apotheke einfach so geholt werden kann oder ob sie davor vom Arzt verschrieben werden muss. Zu spät ist es dann sowieso schon."

Mar Tin: "Wie soll das nachts im Notdienst geleistet werden? Durch die Klappe? Tür auf ist nachts ein Sicherheitsrisiko für Apothekerinnen und Apotheker. Nicht durchführbar. Wie soll das Alter kontrolliert werden? Ausweiskontrolle? Wieder ein völlig undurchdachter Irrsinn in der Umsetzung."

Maria Macbeth: "Da die Pille danach als Notfallverhütung so schnell wie möglich eingenommen werden sollte, ist die Rezeptfreiheit zu begrüßen. Das Gespräch mit Apotheker/in fände ich entwürdigend, denn ich bin der Überzeugung, dass sich die meisten Frauen, die diesen Schritt gehen, sehr wohl im Klaren darüber sind, dass es sich um ein Medikament für den Notfall, nicht für den Alltag handelt."

Kerstin Schreiber: "Wer sie schon mal genommen hat weiß, wie übel es einem da gehen kann mit den Nebenwirkungen... Allein schon deswegen und weil es meiner Meinung nach so zu noch mehr Blödsinn angeregt durch Alkohol kommen könnte, ist es Unsinn, es rezeptfrei zu machen. Und weil schon mehrfach durchklang, dass aufgrund von Schamgefühl gegenüber dem Arzt es besser wäre, es in der Apotheke zu holen: Wer Sex hat, muss auch erwachsen genug sein, sich einem Arzt anzuvertrauen. Oder gehen diese Frauen auch nicht zur Vorsorge?"

Steffi Gebel: "Ich kann Folgendes dazu sagen: Gehen wir davon aus, dass die Jugend aufgeklärt ist und nicht infantil handelt. Es gibt auch Fälle, in denen die Pille nicht genommen werden kann, nicht vertragen wird oder ähnliches, aber dennoch die normalen Verhütungsmethoden versagen. Und das alles noch am Wochenende, an dem es zum Beispiel in einer fremden Stadt schwer ist, einen Notfalldienst zu konsultieren. So ist es durchaus einfacher - vorausgesetzt man hat auch alle üblichen Vorkehrungen getroffen und handelt nicht ins Blaue - wenn die Pille danach in der Apotheke geholt werden kann."

M. R. (Name der Redaktion bekannt): "Ich wollte, das es die Pille danach vor 40 Jahren gegeben haette, wurde nach einer Vergewaltigung ungewollt schwanger."

Helmut Vogl: "Die Pille danach ist zu begrüssen, wenn es nicht zum Normalfall wird. Es kann durchaus zu Situationen kommen, wo es angebracht ist, aber dann bitte ohne Alkohol und andere Drogen."

Nadine Kreuzer: "[...] Ich würde gerne zu den schon gesagten Argumenten noch einen anderen Aspekt ins Licht rücken: nämlich, dass man auch an den Aufwand denken sollte, den ein Apotheker durch die verpflichtenden Gespräche mit den Mädchen/Frauen bekommt, die sich die Pille danach holen wollen! Es müssen Fragen gestellt werden, die nicht im Verkaufsbereich ausgeführt werden können, sondern in einem extra Raum stattfinden. Dies sehe ich eigentlich als Aufgabe des Frauenarztes, wobei man in der Apotheke natürlich zur Beratung zur Verfügung steht. Ich denke, das solch ein Gespräch für Frauen sogar angenehmer ist, wenn sie es mit dem Arzt ihres Vertrauens besprechen können."

Herzlichen Dank für die Rückmeldungen!
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