Willkommen auf Gleis 1

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Bayern
05.10.2015
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Der Bahnhof in Passau: Das ist für tausende Flüchtlinge das erste, was sie von Deutschland sehen. Die Stadt ist Dreh- und Angelpunkt für 4000 Syrer oder Iraker täglich. Nur durch die Hilfe Freiwilliger kann die Stadt den Ausnahmezustand bewältigen.

Passau. „Das ist das Lampedusa Deutschlands“, sagt Frank Koller, Pressesprecher der Bundespolizei. Passau ist das große Ziel der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Iran auf der Balkan-Route.

Am Gleis 1 am Hauptbahnhof kommen die Züge mit den Flüchtlingen an. Ein Regionalzug aus Linz hält. Polizisten und Helfer stehen bereit. Diesmal steigen nur etwa 100 Flüchtlinge aus, manchmal sind es bis zu 400. Der Bahnhof ist meist das erste, was sie von Deutschland aus sehen. Von dem Reichtum der europäischen Wirtschaftsmacht ist hier zunächst nicht viel zu erkennen. Sie werden in einen abgesperrten Bereich auf dem Gleis geleitet.

Dort ist gerade Baustelle, der Asphalt ist aufgerissen, Betonteile stehen herum, ein paar Bierbänke dazwischen, abgesperrt durch brusthohe Polizeischranken. Familien und alleinstehende Männer werden getrennt. Eine Gruppe will nicht auseinander. „Geh da rüber etz“, drängt der Polizist einen Mann. Die Menschen verstehen ihn nicht, leichter Tumult bricht aus. Ein Junge mit gelber Warnweste kommt angelaufen, springt über den Zaun und redet auf arabisch auf den Mann ein. Die Situation entspannt sich.


Asylbewerber helfen Flüchtlingen

Weitere Menschen in gelben Warnwesten kommen hinzu mit einem Einkaufswagen voller Essen und Getränke. „Chai, chai, chai“, rufen sie. Das Losungswort für das wärmende Getränk, das alle Menschen bis in den asiatischen Raum hinein verstehen: Tee. Auf ihren Warnwesten steht „Dolmetscher“ und die Sprachen der derzeitigen Krisenregionen: arabisch, kurdisch, parsisch, somali. Es sind ehrenamtliche Helfer. Größtenteils selbst Asylbewerber aus den umliegenden Heimen, meist schon seit Jahren in Deutschland.

Menschentrauben umringen die Landsleute. „Sie wollen wissen, wie es weitergeht. Wo sie als nächstes hinkommen. Ob sie weiterreisen können zu Verwandten nach Schweden, Frankreich, England“, erzählt Mustafa aus Afghanistan. Oft muss der 23-Jährige ratlos mit den Schultern zucken. Doch die Rolle der Dolmetscher ist wichtig, um die Menschenmassen zu koordinieren.


Warten auf den Weitertransport

Sie vermitteln medizinische Hilfe, leiten die Flüchtlinge durch das Armeezelt, in dem die Fingerabdrücke überprüft werden. Grünes Licht bedeutet, dass sie nicht wegen terroristischer oder anderer Verbrechen angeklagt sind. Die Helfer sollen beruhigen, wenn sich zu viele Ankommende in dem abgesperrten Bereich zusammenpferchen müssen und stundenlang auf den Weitertransport warten.

Nachdem die Flüchtlinge das Armeezelt passiert haben, empfangen sie etwa 20 neue Helfer und verteilen Bananen, Sandwiches, Tee, Kaffee. Die Dolmetscher bleiben bei den Flüchtlingen, bis sie weitertransportiert werden. Sie scherzen und spielen mit den vielen Kindern. Alles Aufgaben, die weder die Stadt noch die Polizei übernehmen können.


Metzgerin sortiert Kleidung und Decken

Auch Michelle hilft, das Grundschulkind will jeden Tag mit ihrer Mutter hier herkommen. Bei jeder neuen Ankunft hofft sie, dass Kinder dabei sind. Sie verteilt Spielzeug an die Flüchtlingskinder. „Sie wird mit ihnen in die Schule gehen. Da finde ich es gut, wenn sie sich früh damit vertraut macht“, erzählt die Mutter. Bei der Ankunft des nächsten Zuges lächelt Helferin Tanja nur müde. „100 is a Klacks, wenn man schon mal 1000 gemacht hat“, kommentiert die Ende 30-Jährige. Wenn sie nicht gerade im Schichtdienst als Metzgerin arbeitet, ist sie hier, nimmt Spenden entgegen, sortiert Kleidung und Decken, gibt Essen aus.

Sie war dabei in einer Nacht, als mehrmals Züge mit 400 Flüchtlingen ankamen. Über 1000 Menschen standen am Bahnhof herum, alle Aufnahmelager waren voll. „Da war es brutal kalt“, klagt Tanja. Alle anderen Unterkünfte waren belegt und so brachte die Polizei die Flüchtlinge in einem Zug unter, wo sie bis halb vier Uhr morgens von den Helfern versorgt wurden.

Elisa ist zum ersten Mal hier. Als sie nach Feuer gefragt wird, fragt sie ihren Freund auf arabisch. Sie stamme aus Hartkirchen, tausend Einwohner, etwa 20 Kilometer entfernt von Passau. Sie habe sich mit den Flüchtlingen im dortigen Asylbewerberheim angefreundet. Viele Schulfreunde mobben sie, verbreiten Gerüchte, die Sechzehnjährige sei schwanger und ginge nur in das Heim, um Spaß zu haben. Vor zwei Monaten brannte die Garage ihrer Eltern, Gründe ungeklärt. Jetzt fühle sie sich wieder stabil. „Die meisten akzeptieren keine Menschen, die eine andere Weltsicht haben“, sagt sie.


Koordination mit Facebook und SMS

Als wichtigste Koordinationsstelle geben die Helfer die Facebook-Seite „Passau verbindet“ an. Die Initiatoren sind stadtbekannt. Beim Hochwasser 2013 starteten Studenten innerhalb kürzester Zeit die Seite „Passau räumt auf“. Von der Fachschaft Philosophie aus koordinierten sie im Ausnahmezustand bis zu 3000 Helfer. Über ein SMS-Informationssystem vermitteln sie auch jetzt schnell und unbürokratisch Freiwillige. Als die 1000 Flüchtlinge am Bahnhof standen, riefen sie per Internet und SMS zu Lebensmittelspenden auf. Innerhalb von Minuten kamen die ersten Unterstützer. Die Gruppe sendet wie beim Hochwasser Scouts aus und meldet den Hilfebedarf am Bahnhof und in den Übergangslagern.

Alle Flüchtlinge, die am Bahnhof ankommen, werden in die DEKRA-Halle gebracht. Sie ist das ehemaliges Gerätelager einer Sonderfahrzeugfirma. Die Dimensionen sind gewaltig. 1500 Menschen haben dort in den drei Hallen Platz. Sie dient als Übergangslager für die Flüchtlinge, die dann auf ganz Deutschland weiterverteilt werden. Sind genug Kapazitäten da, werden die Menschen hier auch erfasst. Schafft es die Polizei nicht, passiere das erst in den Erstaufnahmezentren.

Polizisten als Spiegel der Gesellschaft

Die Halle ist kein festes Aufnahmelager, und das merkt man auch. Feldbetten reihen sich aneinander. Es riecht nach Urin, Wasserflaschen liegen herum. Einer der Polizisten macht sich über die Menschen lustig, die dort ihre Zeit verbringen: „Das sind hier also unsere Fachkräfte. Naja, Angie macht das schon.“ Der Polizeisprecher erklärt, dass auch die Meinung der Polizisten ein Spiegel der Gesellschaft wären.

In separaten Containern sind die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge untergebracht. Es sind allesamt Jungs aus Afghanistan. Mit Händen und Füßen können sie sich verständigen, sie sind froh über Aufmerksamkeit. Ihrer wird sich das Jugendamt annehmen. Einer von ihnen heißt Saman. Ein Monat war der Siebzehnjährige unterwegs mit Bus und Bahn über Afghanistan, Iran, Türkei, Bulgarien, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Österreich. Auf der Frage nach seiner Familie streicht er mit dem Zeigefinger quer über seinen Hals. „Getötet“ bedeutet diese internationale Geste. „Taliban“, ergänzt er.

Die meisten Flüchtlinge kommen laut Auskunft der Polizei aus Syrien, Afghanistan und Irak. Länder, die auch in Deutschland als nicht sicher eingestuft werden. Doch auch wenn sie in Deutschland Asyl bekommen: wenn die Länder sicher sind, werden sie wieder zurück geschickt.

Der Anblick der tausenden Menschen ist erschütternd, aber er stumpft auch ab. Überall hängen Bilder mit Deutschlandflaggen, sie säumen die gegatterten Durchgänge. Sie zeigen wieder diese menschliche Seite, ein Polizist wirft ein Kind einen Ball zu. Die Pressesprecher der Polizei zeigt feierlich auf das Bild eines Flüchtlingskindes, das um die Welt ging. Abgebildet ist auf der einen Seite die Kriegsszene, auf der anderen Seite Deutschland Frieden. Jetzt hängt hier nur noch eine Kopie. „Das Original haben wir archiviert als Zeitzeugnis“, erklärt der Polizeisprecher.


Einfach mitmachen

Die Zahl der Freiwilligen beziffert die Stadt auf etwa 300. Sie sind zwischen 16 und 50 Jahre alt, viele Studenten, aber auch Arbeiter. Auf die Frage, warum sie hier am Bahnhof helfen, zucken viele mit den Schultern. „Besser als vor dem Computer rumzuhängen“, antwortet Tanja. Die beiden Dolmetscher Khalid und Jonas aus Syrien erklären, ihnen sei auch geholfen worden: „Wir wollen etwas zurückgeben.“ Ein freiwilliger Helfer sagt, ihm sei egal, wo er seine Arbeitszeit verbringe. „Warum sollen wir denn nicht helfen?“

Für die Helfer am Bahnhof ist viel zu tun, aber überfordert scheinen sie nicht zu sein, wie der Ehrenamtkoordinator der Stadt Passau, Werner Lang, gemeldet hatte. Erschöpft sind sie, aber sie machen weiter. Immer wieder kommen Leute mit Spenden am Bahnhof vorbei, bringen Decken, Kleidung, Essen. Neue Freiwillige bieten ihre Hilfe an. „Schnapp‘ dir ne gelbe Weste und mach einfach mit“, sagt Tanja dann zu den neuen Helfern. Auf Gleis 1 rollt gerade ein Zug ein.

Der Bahnhof in Passau: Das ist für tausende Flüchtlinge das erste, was sie von Deutschland sehen. Die Stadt ist Dreh- und Angelpunkt für 4000 Syrer oder Iraker täglich. Nur durch die Hilfe Freiwilliger kann die Stadt den Ausnahmezustand bewältigen. Bilder: blu
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