"YouNow" ermöglicht Live-Sendungen von überall
Das Kinderzimmer als Sendezentrale

Livesendung aus dem Kinderzimmer: Das Programm "YouNow" macht es möglich. Datenschützer und Eltern machen sich Sorgen um die Jugendlichen. Bild: dpa
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Bayern
21.12.2015
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Sonntag, 11 Uhr. Im Fernsehen laufen Nachrichten und Sport. Im Internet laufen Sendungen zu Themen wie Schminken, Frisuren und Fußballvereine. Live aus Kinderzimmern. Jugendliche nutzen die Internetplattform "YouNow" und gewähren Einblicke in ihr Leben und ihre Gefühlswelt - ohne zu wissen, wer am "anderen Ende der Leitung" sitzt.

Fernsehstudio Kinderzimmer: Jugendliche machen die Webcam oder das Smartphone an und senden Live-Bilder ins Internet. Unter Teenagern hat sich das Programm „YouNow“ zum Renner entwickelt. Eltern, Datenschützer und Politiker schlagen bereits Alarm. Jeder kann schließlich zusehen, wenn sich eine 14-Jährige die Haare macht oder ein gleichaltriger Junge über seinen Alltag redet.

„Wir sehen das mit gemischten Gefühlen“, betont die pädagogische Geschäftsleiterin des Kinderschutzbundes Bayern , Margot Czekal, im Gespräch mit oberpfalznetz.de. Kinder und Jugendliche, für die das Programm „YouNow“ besonders attraktiv zu sein scheint, haben ihrer Erfahrung nach in diesem Alter einen natürlichen Wunsch, Anerkennung zu erhalten. Eine Art Belohnungssystem bei der Anwendung bediene zusätzlich den „Wettbewerbscharakter zwischen den Jugendlichen“, alle Aktionen mit und vor der Kamera würden eher „als Spiel gesehen“, ohne sich der Konsequenzen des Handelns bewusst zu sein.

Auch bei YouTube, Facebook und anderen Plattformen liegt die Faszination in der Selbstdarstellung, in dem Wunsch nach Anerkennung durch ein „Gefällt mir“ und viele Kommentare. Doch durch „YouNow“ bekommen diese Nutzungsmotive eine neue Dimension. Die Live-Übertragung macht es unmöglich, über Dinge erst noch einmal nachzudenken, bevor sie gesendet werden. „Es ist unmöglich, Gesagtes und Gezeigtes wieder rückgängig zu machen.“

„Begriffe wie Privatsphäre und Öffentlichkeit sind theoretische Konzepte, die erst in der Jugendphase reifen“, so Margot Czepal. So können Kinder und Jugendliche die Konsequenzen dieser „Öffentlichkeit“ nur schwer einschätzen: Denn: „Wer am anderen PC sitzt und wer welche Absichten verfolgt, kann ich nicht wissen.“ Und: „Was ich einmal ins Netz stelle, ist für immer dort.“ Die Live-Sendungen können ohne besonderen Aufwand oder Programmierkenntnisse mitgeschnitten, gespeichert und weiterverbreitet werden.

„Das Problem sind nicht die Eltern“, so Margot Czekal. "Die Generation, die Kinder zwischen 12 und 15 Jahren hat, ist ja selbst mit der Technik und dem Internet aufgewachsen und vertraut. Junge Eltern sind eigentlich fit im Umgang mit den neuen Medien.“ Es gelte, den Nachwuchs über die Konsequenzen des eigenen Handelns aufzuklären. „Medienkompetenz muss erlernt werden. Eltern setzen ihr Kind auch nicht aufs Fahrrad und sagen ihm ’Jetzt radel mal los!’".

„Was passiert mit den Bildern, was geschieht mit den Filmen? Auf diese Fragen sollten Eltern den Kindern eine Antwort geben können.“ Ist eine ständige und lückenlose Kontrolle der Kinder nötig? „Nein, das ist gar nicht machbar. Kinder brauchen auch Freiräume“, so Margot Czekal, „Das ist auch ein Lernprozess für die Erziehenden."

Das Programm „YouNow“ war in seiner ursprünglichen Konzipierung gedacht war, um Künstlern und Musikern eine weitere Präsentationsplattform zu bieten. In genau diese „Helden der Jugend“ setzt auch Margot Czepal große Hoffnungen. „Diese Vorbilder haben großen Einfluss auf die Jugendlichen – auch wenn sie anders aussehen oder sich mitteilen wie früher. Das Wissensvakuum über die Folgen der Eigenpräsentation im Netz sollten aber die Eltern füllen.“

“Es muss cool sein, sicher im Netz zu agieren.“


„Die Risiken haben damit eine neue Qualität erreicht“, sagt Dr. Michael Littger, der Geschäftsführer von „Deutschland sicher im Netz“, einer Initiative unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums des Inneren, die sich mit IT-Sicherheit für Unternehmen und Verbraucher beschäftigt. Die Unmittelbarkeit des spontanen Handelns aus der privaten Umgebung, in Kombination mit der weltweiten Verfügbarkeit des gesendeten Materials birgt Littgers Meinung nach eine „explosive Mischung“. Die vertraute Umgebung des Kinderzimmers vermittelt in diesem Fall eine trügerische Sicherheit.

„Verbote bringen da aber nichts“, betont Dr. Michael Littger gegenüber oberpfalznetz.de. Er meint bei Eltern eine „starke Verunsicherung“ im Umgang mit neuen Plattformen festzustellen. Die Gefahr, von den Kindern als „uncool“ wahrgenommen zu werden und wegen mangelnder Erfahrung mit diesen Plattformen als inkompetent zu gelten, ist hoch. „Wir müssen die Eltern befähigen, über das zu reden, was es gibt. Kinder müssen auch für das Internet eine Haltung entwickeln. Das geht nur über Erziehung, Bildung und Informationen.“

Erweiterte gesetzliche Regelungen als letztes Mittel wünscht sich Dr. Michael Littger nicht. Mit der Aktion „My Digital World“ will die Initiative Jugendliche animieren sich für den bewussten Umgang mit den Risiken im Internet auseinanderzusetzen. Denn: “Es muss cool sein, sicher im Netz zu agieren.“


Wettstreit zwischen Nutzern als Faszination


„Besonders die Einfachheit von 'YouNow' fasziniert Jugendliche“, sagt Otto Vollmers, Geschäftsführer des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) , gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Damit testen Jugendliche ihre Wirkung im Wettstreit mit anderen Nutzern aus, wie Fachleute sagen. „Wenn man sich mal durch die Videos klickt, sieht man schnell die eindeutigen Fragen und Kommentare von Nutzern, heißt es in einem Bericht auf der Internetplattform „Juuuport" von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt. „Eine 13-Jährige wird dort aufgefordert: ’Zeig mal deinen BH’, ein anderer Nutzer fragt: ’Sind deine Eltern nicht zu Hause, mein Kind?’", schildert das Portal für Jugendliche. Wer die Fragen stelle, sei unklar: „Ist es ein 52-Jähriger oder ein 16-jähriger Mitschüler?“


Unter Teenagern hat sich das Programm „YouNow“ zum Renner entwickelt. Bild: dpa

In einer Nachricht an die deutschen Nutzer reagierten die Betreiber von "YouNow" auf die Kritik. „Wir nehmen diese Angelegenheiten sehr ernst“, steht in dem Anfang Februar veröffentlichten Blogeintrag (Link zum Blog; Englisch). „Wir haben ein Moderationsteam, das 24 Stunden am Tag arbeitet, um User zu verbannen, die gegen unsere Bedingungen und Regeln verstoßen“, heißt es. Täglich werde das Team vergrößert. Die Nutzung sei nur Jugendlichen ab 13 Jahren gestattet. Eine verletzende Sprache sei verboten. Mit einem Melde- und Blockiersystem sollen Verstöße geahndet werden. "YouNow" betreibt jedoch keine Vorsorge, um Kinder und Jugendliche wirkungsvoll vor Übergriffen und Gefährdungen zu schützen. Altersangaben werden nicht verifiziert und das Angebot lässt sich nicht so einstellen, dass die Zugänglichkeit von Live-Streams beschränkt werden kann.

Ein weiterer Grund für die Faszination und Verbreitung von "YouNow" liegt wohl in der Bedienung. Zur Anmeldung reicht derzeit ein Facebook-, Twitter-, oder Google-Konto. Auch das Belohnungssystem übt offensichtlich einen besonderen Reiz auf Jugendliche aus. Steigt die Zahl der Zuschauer und der Weiterempfehlungen, steigt der Nutzer auch im Ranking der Plattform. Das nächste Level lockt. Die Freude an der Selbstdarstellung bringt aber auch Gefahren mit sich. Einige verraten bedenkenlos ihren Namen und ihr Alter. Andere verraten Adressen oder Telefonnummern. Eine Anmeldung mit einem Facebook-Konto ermöglicht es, den Namen herauszufinden.

Gefahrenstelle Persönlichkeits- und Urheberrecht


Gefahren lauern aber auch in anderer Form. Wer beispielsweise aus einer Veranstaltung sendet, muss sich bewusst sein, dass er eventuell unerlaubt filmt. „Dies verstößt klar gegen die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen“ erklärt Medienanwalt Christian Solmecke in seinem Blog (Link zum Beitrag) : „Nicht nur der Jugendschutz ist durch das leichtsinnige Verhalten der Minderjährigen gefährdet, auch bei der Übertragung der Live-Chats werden zum Teil gravierende Verstöße gegen das Persönlichkeits- und Urheberrecht begangen“. Auch die Gema könnte seiner Einschätzung nach auf "YouNow" aufmerksam werden, denn viele Streamer lassen im Hintergrund urheberrechtlich geschützte Musik laufen.



Um den Gefahren zu entgehen, empfiehlt beispielsweise das Internetportal „Schau hin" den Eltern, die Übersicht über das Internetverhalten ihrer Kinder zu behalten. Und sogar Adi Sidemann, Chef der Videoplattform "YouNow", empfiehlt im Interview mit Spiegel Online: “ Kinder unter 13 Jahren sollten 'YouNow' nicht nutzen.“

Unerwartet Hilfe für die Eltern kommt derzeit vom YouTuber „LeFloid“(Link zum Video-Kanal) , dessen Video-Kanal rund 2,4 Millionen Nutzer abonniert haben. Er warnt seine Fans davor, Daten wie Telefonnummern oder Adressen an fremde Menschen in Chats herauszugeben. „Leute, ihr wisst doch: Machst du erst den Kopf an und dann das Internetz!“



Internetportal YouNowNutzer benötigen nur einen Rechner mit Internetzugang und eine Webcam. Auch per Smartphone mit Kamera und App funktioniert der Dienst. Wer selbst Videos senden will, muss sich anmelden - Zuschauen und Chatten funktioniert ohne Anmeldung. Zuschauer stellen Fragen, die Teenager antworten live im Video. "Was machst du da mit der Nase" oder "Bitte sing mal was, hast schöne Zähne hahaha», lauten Kommentare. Beliebte Themen erscheinen als Schlagworte, etwa #deutsch-girl, #deutsch-boy oder #schule.

In den USA gibt es die Plattform seit 2011. Seit Ende vergangenen Jahres sind auch die Nutzerzahlen hierzulande gestiegen. 16 Millionen Streams sendeten YouNow-Nutzer aus Deutschland laut dem Magazin "Stern" im Januar 2015. Nach Angaben des Webdienstes Alexa kommen ein Drittel der Nutzer aus Deutschland.

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