Aus unserer Serie „Kurz(e) G(e)schicht(e)n"
Heimatkunde

Vermischtes
Bayern
09.11.2016
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(Christa Vogl)

„Also ehrlich“, meint mein Mann ein bisschen vorwurfsvoll in meine Richtung. „Unser Sohn interessiert sich mehr für Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen als für seine nächste Umgebung. Ein großes Fragezeichen erscheint gut sichtbar über meinem Kopf. „Ja weißt du“, fügt er erklärend hinzu, „gestern bin ich mit ihm durchs Dorf gegangen und er hatte keine Ahnung, welche Familie in welchem Haus wohnt, wie die Leute heißen und welche Namen die Dörfer um uns herum haben. Dafür hat er mir aber detailliert erzählen können, wo Benjamin Blümchen zu Hause ist und wo Bibi Blocksberg am liebsten Urlaub macht. „Hör mal“, meine ich mich verteidigen zu müssen, „Er ist gerade mal fünf Jahre alt. Da muss man doch noch nicht all das wissen. Das lernt er schon noch.“

Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, muss ich jetzt mal klarstellen, sind einfach die derzeitigen Favoriten meines Sohnes. Das ist aber in diesem Alter ganz natürlich, finde ich. Doch ich will meinem Mann den Wind aus den Segeln zu nehmen. Immer wenn also Lukas und ich in den nächsten Wochen zum Einkaufen fahren, durchs Dorf gehen oder sonst irgendwie unterwegs sind, erzähle ich ihm, wer in welchem Haus wohnt und wie die Dörfer in unserer Umgebung heißen. Er findet es toll, dass sein Freund Johannes in der Schule seine Arbeitsblätter mit „Reindl“ unterschreibt, aber eigentlich „Schmid“ heißt und dass sein Cousin mit „Dumler“ unterschreibt, der wirkliche Name aber „Adl“ ist. Nur dass wir keinen Hausnamen haben, das findet er wirklich schade.

Und dann, an einem schönen Sonntagnachmittag machen wir alle zusammen einen Spaziergang und gehen auf dem Rückweg langsam durch unser Dorf. Ich höre, wie Lukas seinem Papa, den er fest an der Hand hält, eifrig erklärt, wie sich das so verhält mit den Hausnamen und ich sehe, wie er immer wieder mit dem Zeigefinger auf die verschiedenen Häuser deutet und erzählt.

Die beiden gehen vor mir her und ich höre die Namen Wirtsgirgl Sepp, Döln Hans, Wewa, Schmid Hans, Wirt, Beindwirt, d’Mitlan, d’Reichn, da Dani Eichin, d’Schramml, da Lewakern, d’Adl, d’Heimerl und da Gröischousta. Ja, so klein ist unser Dorf. „Und da, Papa“, und damit zeigt er auf unser Haus, „da wohnen wir.“
Als wir uns auf der Türstaffel vor unserem Haus niederlassen, zwängt er sich auf seinen Lieblingsplatz zwischen uns beiden und wo er schon einmal dabei ist, erzählt er seinem Papa auch noch gleich in welchen Dörfern seine Schulfreunde wohnen: Motzaberch, Schwoisarad, Kirglds, Scheynarad, Waldeck, Hanarechadn, Deyfdaboch, Bingordn, Bergnasrad, Guhrdas und natürlich Gounwerg.

Mein Mann hört ihm zu, lehnt sich zurück, lässt sich von der Sonne anscheinen und schaut entspannt in die Ferne. Er drückt einen Kuss auf den Hinterkopf unseres Sohnes und hält ihn fest in seinen Armen. Dann zeigt er mit der rechten Hand auf den Schlossberg, hinter dem gerade die Sonne dabei ist, in den schönsten Rottönen unterzugehen und fragt seinen Sohn: „Und Lukas, wie heißt der Berg da vor uns?“ Mein Sohn hebt den Kopf, schaut in die Richtung, in die sein Papa deutet und sagt ohne zu zögern: „Also das Papa, das da ist der Blocksberg!“

Mehr über Autorin Christa Vogl:
www.christavogl.bayern
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