"Bluthochzeit" in Wunsiedel
Tanztheater zwischen Liebe und Tradition

Das Unheil nimmt seinen Lauf - am Ende sind zwei Tote zu beklagen. Bild: Luisenburgfestspiele
Vermischtes
Bayern
18.07.2016
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Lorcas meistgespieltes Stück "Bluthochzeit" in einer brillanten Komposition aus fesselndem Sprech- und emotionalem Tanztheater wird dem Anspruch als Vorreiter in der deutschen Open-Air-Tanzszene gerecht.

Wunsiedel. In der Inszenierung von Eva Lerchenberg-Thöny vor der gewaltigen Naturkulisse auf der Luisenburg wird die poetische Sprache des spanischen Dichters mit Tanz und Musik vollendet.

Das Stück, das 1933 mit großem Erfolg in Madrid uraufgeführt wurde, startet irritierend: Gespenstisch steigen die Ensemblemitglieder in langen weißen Gewändern mit Spitzmützen aus den Felsen auf die Bühne herab. Sie tragen einen schwarzen Plastiksack, der am Ende über eine Seilwinde in der Mitte der Bühne aufgehängt wird. Unweigerlich drängt sich der Gedanke an den rassistischen Ku-Klux-Klan auf. Die großen Themen Liebe, Leidenschaft, Tod, Ehre und Rache sind in der Tragödie des spanischen Autors vorgegeben; aber auch gesellschaftliche Aspekte wie die Rolle der Frau in einer bäuerlich-archaisch geprägten Welt oder der Ehrenkodex. Lerchenberg-Thöny, national und international ausgezeichnete Choreografin, Regisseurin, Autorin und Filmemacherin, ist Expertin in Sachen Garcia Lorca. Ihre Arbeiten sind gesellschaftskritisch, oft mit politisch-aktuellem Bezug.

Faszinierende Mimen


Auf der Luisenburg faszinieren die wundervolle Katy Karrenbauer als Mutter, Maria Kempen als Braut, Marc Schöttner als Leonardo Felix und Peter Scheufner als Bräutigam. Großartig auch der tschechische Tänzer Jiri Kobylka, der den Tod gibt und von Anfang an vom Felsen auf das Unausweichliche hinweist.

Zur Erinnerung: In Lorcas Tragödie geht es um eine Braut, die der Familie und Vernunft zuliebe einen Mann heiratet, den sie nicht liebt. Am Tag ihrer Hochzeit flieht sie zusammen mit Leonardo, ihrem Geliebten. Am Ende sind beide Männer tot. Lorca wurde von einem Zeitungsartikel inspiriert und hat die Tragödie in kürzester Zeit geschrieben. Lerchenberg-Thöny versteht das Stück im Spannungsfeld zwischen Liebe und Erotik, zwischen Individuum und Gruppenzwang und lässt die Schauspieler ihre Emotionen heraustanzen, herausstampfen.

Im Zentrum ihrer Inszenierung stehen zwei starke Frauen: Die eine kann sich ihrer Leidenschaft, ihrer Liebe nicht erwehren, die andere kann den Hass nicht bezwingen, kann nicht vergessen und verzeihen. In dem Sich-mit-den-eigenen-Fäusten-Schlagen wird das plastisch und eindringlich verkörpert.

Je weiter das Stück voranschreitet, desto packender werden die Tanzszenen. Im Mittelpunkt und unvergessen die Liebeszene zwischen der Braut und Leonardo. Dieser Tanz ist Ausdruck tiefster, nicht zu bändigender Leidenschaft, der vergebliche Kampf der Vernunft gegen das Gefühl. Sie kriechen aufeinander zu, sie kämpfen gegen die Wucht ihrer Begierde und geben sich schließlich geschlagen. Die Hochzeitsgäste singen und aus der Gruppe hebt sich zuerst Leonardo hervor, der zur modernen, zerrissenen Musik tanzt, später gesellt sich auch die Braut dazu. Der Schluss des fesselnden Spektakels prägt sich ein: Alle tanzen, stampfen, marschieren Im Vordergrund töten sich beide Männer. Zurück bleibt die Braut, die sich mit den Fäusten schlägt und schreit.

Das Publikum gefordert


Unterm Strich ein beeindruckendes Erlebnis, mit unglaublich engagierten Schauspielern, die den hohen Ansprüchen gerecht werden, das Publikum fordern, aber nicht überfordern. Ein Stück eines großen europäischen Dichters der Moderne, der auf der Seite der Unterdrückten stand und als Republikaner und Homosexueller von Francos Gefolgsleuten am 16. August 1936 erschossen wurde.
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