Der Wolpertinger und andere verwandte Gestalten: Wo kommen sie her?
König der Fabelwesen

Katze Sissi und der Wolpertinger sind Freunde. (Foto: mia)
Vermischtes
Bayern
09.11.2016
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„Fachliteratur“ über die faszinierenden Wesen. (Foto: Madsen)
(Manuela Madsen)

Bei uns in Bayern wurde das wohl bekannteste aller Fabelwesen erfunden – der Wolpertinger. Im Jahre 1753 wurde er erstmals als „Kreißl“ von den Gebrüdern Grimm in ihrer Sagensammlung benannt. Es ist tatsächlich aber nicht klar, ob der Wolpertinger auch von den Gebrüdern Grimm erfunden wurde, oder das Wesen als eine Art „Jäger-Latein“ bereits vorher bestand. Schließlich sind viele Fabelwesen bereits seit der Antike bekannt und Geschichten hierzu überliefert.

Bewiesen ist allerdings, dass bayerische Tierpräparatoren erst im 19. Jahrhundert mit der Abbildung eines Wolpertinger genannten Mischwesens begannen. Sie fertigten mit Resten aus ihrer Werkstatt Tierformen, um sie als Kunstobjekte an leichtgläubige Menschen zu verkaufen. So wurden zum Beispiel Hasen mit Entenschnäbeln versehen oder Eichhörnchen mit Entenflügeln.

Woher der Name Wolpertinger kommt, ist ebenfalls unklar. Wolterdingen beispielsweise, eine Stadt in der Nähe von Donaueschingen, gilt als historischer Produktionsstandort für die Wolterdinger Schnapsgläser. Dort fertigten Glasbläser kleine Gläser in Form von Tiergestalten. Und diese konnten nicht immer eindeutig einem Tier zugewiesen werden, denn sie gelangen nicht immer und wurden somit als Mischwesen erkannt. Man nannte diese Gläser „Wolterdinger“.

Es könnte der Begriff Wolpertinger aber auch in Zusammenhang mit „walpern“ stehen. Dies ist ein Wort aus der Walpurgisnacht und bedeutet Sprachforschern zu Folge „sich zwischen Welten bewegen“.

Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Wolpertinger aus rein humoristischen Gründen erfunden wurden. Einer geschichtlichen Überlieferung nach soll er sich nämlich hauptsächlich von „preußischen Weichschädeln“ ernährt haben.

Die „Hirschbockbirkhuhnauergams“, wie Ludwig Ganghofer den Wolpertinger nannte, gibt es in vielen Formen und Gestalten. Meistens mit Flügeln und nicht immer mit einheitlichen Füßen. So ist zum Beispiel in der Schweiz ein ähnliches Fabelwesen unterwegs, genannt „Dahu“. Dieser hat links immer kürzere Beine als rechts. Warum, weiß man allerdings nicht.

In Thüringen gibt es den „Rasselbock“. Der wiederum gilt als begehrte Jägertrophäe und hängt in vielen Jägerklausen – immer mit Geweih.
Der „Blutschink“ aus Tirol kommt hauptsächlich als Wasserwesen vor und muss der Überlieferung nach „triefend vor Blut“ aus den Gewässern steigen um böse Kinder zu verschlingen. In direktem Zusammenhang mit dem Wolpertinger steht er aber nicht - lediglich die Form eines Mischwesens aus Fisch, Ente, Bär und Mensch deutet auf eine Art „Wolpertinger“ hin.

Dem Wolpertinger werden übrigens auch noch ganz merkwürdige Eigenschaften nachgesagt: Spucke soll seine Haare wachsen lassen, besiegen könne man ihn nur, indem man ihm Salz auf den Schwanz streut und sichtbar würde er nur für junge, schöne Frauen, die sich in Begleitung ihres Liebsten nachts in den Wald begeben. Der Hintergrund letzterer Eigenschaft scheint klar als Lockmittel und wurde wohl mit eindeutigen Absichten erfunden.

Auf Pfälzerisch nennt man den Wolpertinger übrigens „Elwetritsch“. Dieses Wesen wird meistens als Huhn mit Entenfüßen, Schweineschwanz und großen, weiblichen Brüsten präsentiert. Der Legende nach soll „Elwe“ von Elfe kommen, die sich versehentlich mit einem Hahn gepaart haben soll. Ein Elfen-Fehltritt, sozusagen. Diese Geschichte wurde und wird gerne in den Pfälzer Weinstuben erzählt.

Ein dem Wolpertinger naher Verwandter kommt auch aus Aachen: der „Bahkauv“. Und diese Fabelgestalt gab es nachweislich bereits im Mittelalter. Zunächst erzählte man nur von einem Tier, das nach Schwefel stank und in den heißen Quellen rund um Aachen hauste.

Dort wusch man im Mittelalter nämlich die Wäsche – jedoch nur bei Tag, niemals bei Nacht, da sonst das „Bachkalb“ aus dem Wasser steige und vorwiegend junge Männer angreifen würde. Frauen und Kinder ließe es in Ruhe, hieß es. Die erste Darstellung des „Bahkauv“ zeigt einen Jung-Stier mit schuppigem Fell und reißenden Wolfszähnen, der sich auf den Rücken eines Mannes stürzt.

Und schließlich gibt es in Hessen noch den „Dilldapp“ oder „Tilltapp“. Ein gehörtes Nagetier mit fuchsähnlichem Körperbau. Dieser soll einem Jäger einst begegnet sein. Die Geschichte verbreitete sich rasch und wurde letztendlich zu Folklore.

Psychologisch ließe sich diese Erscheinung natürlich erklären: Das menschliche Auge kann, wenn auch deutlich gesichtet, eine Gestalt nicht immer an das Gehirn eindeutig weitergeben. So entstehen „Trugbilder“ – unter anderem auch von Mischwesen.

Aber als Kultfigur gilt der „Dilldapp“ im Rheinland seit je her. Dort bedeutet das Wort auch „Trottel“ oder „Depp“. Denn immer am 11.11. mit Beginn der Faschingszeit würde er paarungsbereit - und diese Bereitschaft endet angeblich erst am Aschermittwoch des darauffolgenden Jahres. Ob das Zufall ist?

Doch ganz egal, woher die Figur des Wolpertingers wirklich kommt, ob es ihn gab oder gibt – Mischwesen wie Einhörner oder fliegende Pferde beschäftigen Menschen schon immer. Ob aus Angst oder wegen der Faszination des Unwirklichen.
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