Experten geben Tipps zum Umgang mit Demenz
Denken Sie an Ihre Vergesslichkeit

Vermischtes
Bayern
21.12.2015
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Im Kühlschrank liegen verstaubte Bücher neben dem Erdbeerjoghurt. Die Erinnerungen aus der Kindheit verblassen langsam. Die Orientierung in der eigenen Wohnung fällt zunehmend schwerer und alltägliche Wörter sind zur Hürde geworden. Demenz verändert die Menschen. Viele sind davon betroffen, meistens ab 65 Jahren. Doch Mediziner und Wissenschaftler haben noch kein Heilmittel gefunden. Die Experten geben jedoch Tipps, wie die Krankheit zumindest gehemmt werden kann.

Wie viele Menschen sind in Bayern und der Oberpfalz an Demenz erkrankt und wie entwickelt sich die Zahl der Erkrankungen?


In Bayern leben laut dem Gesundheitsreport, den das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im März 2014 erstellt hat, rund 220.000 Demenzkranke. "Die Zahl wird weiter wachsen", schätzt Dr. Wolfgang Rechl, zweiter Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer.


Bild: dpa

Bis 2020 zeigt der Report einen möglichen Anstieg in Bayern von 20 Prozent auf 270.000 Erkrankte. Im Jahr 2032 sollen demnach 340.000 Menschen an Demenz erkrankt sein. Grund dafür sei laut Rechl der demografische Wandel, aber auch die Tatsache, dass Demenz noch nicht heilbar sei. "Es gibt einige Medikamente gegen diese Krankheit, allerdings sind alle nicht erfolgsversprechend", bedauert der Arzt. Und die Zahl der Erkrankungen steigt weiter. Allein in der Oberpfalz litten im Jahr 2012 rund 18.400 Menschen an der unheilbaren Krankheit. Für 2020 wird ein Anstieg auf 22.200 Erkrankungen prognostiziert, während 2032 die Zahl bereits bei 27.800 liegen kann.

Was ist Demenz?


Demenz ist ein Sammelbegriff für mehrere Krankheiten, durch die sich die Hirnleistungsfunktion bei Frauen und Männern im Alter verändert. Sie nimmt ab. Betroffen davon ist vor allem das Gedächtnis. "Vereinfacht könnte man sagen, dass die Gehirnzellen abgebaut werden - also das Gehirn schrumpft", erklärt Maren Knebel, Diplom-Psychologin am Universitätsklinikum Heidelberg. In und um die Zellen würden sich laut Dr. Klaus Gebel, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Sulzbach-Rosenberg, durch einen gestörten Stoffwechsel Eiweiße ablagern und die Zellen beschädigen. Auch Durchblutungsstörungen können zu einer verminderten Funktionsfähigkeit des Gehirns führen. "Was ganz genau passiert, ist aber noch unbekannt", meint Knebel. Im Rahmen der Diagnostik werde unter anderem ein MRT durchgeführt. Darauf könne man sehen, dass sich das Gehirn verändert habe.



Die Krankheit schildert Rechl als einen schleichenden Prozess: "Zuerst vergessen sie Kleinigkeiten. Sie können die Uhrzeit nicht mehr richtig lesen, oder sich keine Namen merken. Oft verlegen sie ihre Habseligkeiten." Anfangs sei nur das Kurzzeitgedächtnis betroffen. "Im frühen Stadium haben sie komischerweise noch ein gutes Langzeitgedächtnis", stellt Rechl fest. Eine Erklärung dafür könne sein, dass Kindheitserinnerungen besser gespeichert werden, als flüchtige Momente, die eben erst passiert sind. "Etwas, was man erlebt, im Kopf immer wieder abgerufen und schon ganz oft erzählt hat, ist im Gehirn besser verknüpft. Neue Gedächtnisinhalte verfestigen sich bei einer Demenz nicht mehr so schnell. Daher erinnert man sich an das, was vor 30 Jahren war länger und detaillierter", versucht Knebel zu erklären.

Welche Symptome treten auf?


Zu den Symptomen der verschiedenen Demenzkrankheiten zählt laut den Experten vor allem die Störung des Gedächtnisses. "Es geht oft damit los, dass die Dementen ihren Schlüssel verlegen, Tabletten nicht einnehmen, den Herd nicht ausschalten, immer wieder nachfragen müssen und später auch vergessen, zu essen und zu trinken", weiß Dr. Wolfgang Rechl, zweiter Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer. Im frühen Stadium haben die Erkrankten außerdem Probleme, sich zu orientieren, zu konzentrieren oder können alltägliche Gegenstände wie einen Tisch oder ein Brot nicht mehr benennen. "Zu Beginn bekommt der Patient noch mit, dass er etwas vergessen hat", meint Rechl. "Dann nicht mehr."

Im späteren Stadium vergessen die Dementen, ausreichend Flüssigkeit und Nahrung zu sich zu nehmen und bauen dadurch körperlich ab. Außerdem können sie unter Schlafstörungen und wahnhaften Vorstellungen leiden. "Sie leben in der Vergangenheit", sagt der Facharzt für Innere Medizin aus Weiden. "Manche wollen ihrem Mann etwas zu essen machen, obwohl dieser schon lange nicht mehr lebt." Betroffen sei dann auch das Langzeitgedächtnis. Das könne so weit gehen, dass sogar die engsten Verwandten nicht mehr erkannt werden. Eine Begleiterscheinung zur Vergesslichkeit könne außerdem die Veränderung der Persönlichkeit sein. "Einige werden apathisch, bei anderen spitzen sich die Gefühle zu und sie werden sehr schnell aggressiv", beschreibt Rechl. "Der Mensch verändert sich durch die Krankheit nicht nur im kognitiven Bereich, auch auf emotionaler Ebene."


Welche sind die häufigsten Demenzformen?


Demenz ist der Oberbegriff für rund 50 Krankheitsformen, bei denen die Hirnleistung aufgrund verschiedener Ursachen abnimmt. Laut dem Gesundheitsreport des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sind die Alzheimer-Demenzen mit zwei Drittel die häufigsten Formen der Krankheit. Die Alzheimer-Krankheit trägt den Namen ihres Entdeckers, Dr. Alois Alzheimer. Im Gehirn der Betroffenen sterben laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über viele Jahre Nervenzellen und Nervenzellverbindungen ab. Betroffen sind davon besonders die Bereiche für das Gedächtnis, Denken, Sprache und Orientierung.

Heilbar ist die Krankheit noch nicht, sie lässt sich aber durch Medikamente hemmen. "Um sich orientieren oder konzentrieren zu können, brauchen wir Acetylcholin - ein Botenstoff, der für die Signalübertragung im Gehirn zuständig ist", erklärt die Diplom-Psychologin. "Medikamente wie der Acetylcholinesterasehemmer hemmen das Enzym Acetylcholinesterase, das bei Demenz das Acetylcholin sonst abbauen würde." Die Medikamente können die Krankheit rauszögern, aber nicht vollständig heilen.

Die vaskuläre Demenz ist nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste Form der Demenz, an der Menschen erkranken können. Die Ursache dafür seien unter anderem Durchblutungsstörungen. Die Störungen würden durch kleine Schlaganfälle hervorgerufen. Die Patienten seien phasenweise verwirrt und orientierungslos, hätten jedoch zwischenzeitlich wieder einen klaren Kopf. "Zwischen den Nervenzellen werden Verbindungen zerstört. Dadurch wird die Sauerstoffzufuhr unterbrochen." Die geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab. Auch die vaskuläre Demenz sei nicht heilbar.

Bei der Lewy-Körperchen-Demenz sind die Ursachen ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit. Eiweißreste lagern sich in den Zellen ab und können nicht abgebaut werden. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist die Lewy-Körperchen-Demenz nach Friedrich H. Lewy benannt. Er entdeckte im Gehirn von Demenzkranken Einschlüsse in den Nervenzellen der Großhirnrinde und dem Hirnstamm, die die Kommunikation der Zellen behindern können. Im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz bleibt das Gedächtnis bei der Lewy-Körperchen-Demenz länger erhalten. Heilbar sei die Krankheit allerdings bislang nicht.

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Welche Anlaufstellen gibt es in unserer Region?


Die Diagnose "Demenz" wird häufig zuerst im privaten Umfeld der Betroffenen durch die Familienmitglieder oder Freunde erstellt. "Wenn Symptome, die auf eine Demenz hindeuten könnten, auftreten, ist die erste Anlaufstelle in der Regel der Hausarzt", meint Dr. Wolfgang Rechl, zweiter Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer. "Beim Hausarzt kann der Patient einen kurzen Gedächtnistest machen. Zum Beispiel sagt ihm der Doktor drei Zahlen oder Wörter, die sich der Patient für drei Minuten merken muss", weiß die Diplom-Psychologin Maren Knebel vom Universitätsklinikum Heidelberg. "Stellt der Arzt Probleme bei der Merkfähigkeit fest, wird der Patient zum Neurologen, Psychologen oder in eine Gedächtnisambulanz überwiesen." Nach der Diagnose besprechen die Ärzte mit den Angehörigen und Betroffenen die Therapiemöglichkeiten und geben Tipps, wo man Hilfe finden kann. Anlaufstellen für Demente und Angehörige, wie ambulante Pflegedienste, Selbsthilfegruppen, Pflegeheime, Demenz-WGs und Krankenhäuser finden Sie hier (PDF).

Tipps für Erkrankte und Angehörige:


Wer Familienmitglieder oder Bekannte hat, die an Demenz erkrankt sind, erlebt oft eine komplette Wesensveränderung des Menschen mit - emotional, kognitiv und körperlich. "Meistens wissen die Angehörigen nicht, wie sie damit umgehen sollen", sagt Rechl. "Sie sind am Anfang vielleicht sogar sauer, weil der Betroffene Dinge vergisst, immer wieder nachfragen muss oder seine Sachen nicht mehr findet. Da müssen wir Ärzte erst einmal klarmachen: Er kann es gar nicht mehr können." Wichtig sei laut der Diplom-Psychologin Maren Knebel, nicht ständig darauf hinzuweisen, dass der Demente schon wieder etwas vergessen habe: "Im Anfangsstadium bekommt der Patient meist selbst mit, dass er sich manches nicht mehr so gut merken kann.


Bild: dpa

Das allein ist schon belastend für ihn. Wenn er dann auch noch auf die Defizite hingewiesen wird, ist das noch schlimmer." Statt seinem Ärger bei dem Dementen Luft zu machen, solle man versuchen, ihm weiterhin Respekt und Wertschätzung zu vermitteln. "Blick- und Körperkontakt sind dafür ganz wichtig", sagt Christian Floth von der Praxis für Ergo- und Physiotherapie in Pressath und Kemnath.

"Gut ist, wenn die Angehörigen die Dementen so gut es geht in den Alltag integrieren, mit ihnen beispielsweise kochen", rät Floth. "Zuhause sind auch Arbeitsblätter mit Kreuzworträtseln, Anagrammen oder Zuordnungsaufgaben sowie Sudoku, Memory oder Wissensspiele hilfreich, um die kognitive Leistung zu fördern." Dr. Klaus Gebel, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Sulzbach-Rosenberg, hält Kreuzworträtsel für wenig hilfreich, um das Gehirn fit zu halten. Sie würden immer dasselbe Schema beinhalten. Besser sei es, sich in neue Themen einzuarbeiten - heute Forstwirtschaft, morgen digitale Medien. Er rät, immer etwas Neues auszuprobieren und sozial und sportlich aktiv zu werden.

"Vor allem sollte man mit Dementen das tun, was ihnen früher Spaß gemacht hat. Wer gerne Ausflüge unternommen hat, mit dem sollte man genau das machen. Und wer gern im Garten war, mit dem sollte man vielleicht Pflanzen umtopfen", rät Knebel zur biografieorientierten Beschäftigung. Rechl hält auch das Anschauen von Fotos und das Erzählen von früher für gute Möglichkeiten, den Dementen ein Stück weit ihre Erinnerung zurückzugeben. Die Experten plädieren zudem dafür, illegale sowie legale Drogen wie Alkohol und Zigaretten wegzulassen, da sie Demenz fördern können.

Im Internet können sich Betroffene über die Krankheit und den Umgang damit beispielsweise auf den Seiten Wegweiser Demenz, Deutsche Alzheimer-Gesellschaft informieren oder auf Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Nordoberpfalz seelischen Beistand suchen. In Blogs wie Bürstenwurm oder Demenz für Anfänger beschreiben Angehörige ihre Erlebnisse mit Dementen und geben ihre Gedanken und Emotionen dazu wieder.

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