Für Vernetzung, Information, Reichweite, und manchmal: Leben retten
Warum eigentlich Twitter?

Vermischtes
Bayern
10.12.2015
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Twitter hat mich vorher eigentlich nie wirklich interessiert. Weil ich ja schon mit Facebook ganz gut vernetzt bin. Das denke ich zumindest. Mein Chef sieht das anders! Er twittert gerne und viel. Das merke ich, nachdem ich mich endlich von ihm breit schlagen lassen habe. Jetzt bin ich nämlich auch bei Twitter. Und es ist anders!

Wie wichtig dieses Twitter-Profil noch für mich sein wird, merke ich erst, als ich beim Barcamp in Nürnberg bin. Da kommt man an Twitter einfach nicht vorbei! Als ich mich zum ersten Mal über mein Handy einlogge, sehe ich, dass ich bereits etwas verpasst habe. Obwohl bis auf das Frühstück noch nicht viel passiert ist.

Ich habe eine Kommunikation verpasst, die mir in diesem Ausmaß nicht bewusst war. Sie findet online statt. Die Teilnehmer twittern in Kurznachrichten, die auf 140 Zeichen beschränkt sind, über ihre Anfahrt, das Frühstück, die Sessionplanung und später auch über die Sessions. Parallel zur Diskussion, die bei den Vorträgen aufkommt. Aber warum twittern sie und besprechen es nicht vor Ort? Wäre doch einfacher!


Die Vernetzung bei Twitter gleicht einem Spinnennetz.

Und genau das ist der Punkt: Es ist eben nicht einfacher, wenn man jeden und wirklich jeden erreichen will. Auf Twitter sind auch die Nichtanwesenden, die andere Workshops besuchen, integriert. Und sogar die, die nicht mal auf dem Barcamp sind. "Flink und für die ganze Twitter-Welt öffentlich lesbar werden Informationen verbreitet, ohne die Redner zu stören", erklären mir die zwei Barcamp-Besucher Torsten Maue und Kersten Riechers. Und das geht live aus jeder Session. Vorausgesetzt natürlich, man hat Internet.

Wer Fragen hat, kann diese einfach mal "raushauen", wie es so schön in der Blogger-Sprache heißt. Der Grund: Mit Twitter lässt sich anders als mit anderen üblichen sozialen Netzwerken, am schnellsten die meisten Leute erreichen. Das geht unter anderem mit sogenannten Hashtags. Die bestehen aus einem Rauten-Zeichen und einem oder mehrerer Begriffe. Die Hashtags können in die Fragen integriert werden. So ist die Chance größer, viele Leute zu erreichen. "Mit Facebook wäre so eine offene Kommunikation gar nicht möglich", weiß Torsten Maue.

Selbst die Organisatoren nutzen dieses Mittel. Für kurzfristige Änderungen beispielsweise. Und auch der Sessionplan wird rumgeschickt. Damit nicht jeder ständig zum Print-Aushang laufen muss. Und obwohl Twitter heute wohl nicht mehr wegzudenken ist, gibt es den Dienst noch nicht so lange. Am 21. März 2014 feierte Twitter nämlich erst seinen achten Geburtstag.

Eigentlich wollte die Firma Odeo in San Francisco einen Podcasting-Dienst entwickeln. Jack Dorsev kam stattdessen auf die Idee, kurze Nachrichten an alle Teammitglieder zu verschicken, damit jeder über die aktuelle Arbeit der anderen informiert wird. Innerhalb von zwei Wochen entstand ein Prototyp und am 21. März 2006 schickte Dorsev die erste Nachricht: "Just setting up my Twtrr." Bis heute ist sie erhalten, denn Twitter war von Anfang an sein eigenes Archiv.

Twitter ist nicht nur für Barcamps nützlich, es kann durch seine Vernetzungsmöglichkeiten auch Leben retten. Wie in dem Fall von Jeremy L. Der 18-Jährige wohnt in Florida und hatte seinen Twitter-Account nur für einen Zweck eingerichtet:

Die Welt und besonders Demi Moore über seinen geplanten Suizid zu informieren. Mit einem @-Zeichen (@mrskutcher) an Demi Moore adressiert, prophezeite er seinen Tod. Moore reagierte prompt und fragte, ob es sich tatsächlich um einen Hilferuf handelt. Jeremy L. antwortet "Ja". Und dann nichts mehr.

Da die Nachrichten bei Twitter für jeden zugänglich sind, bekamen die Follower von Demi Moores Twitter-Account die Kommunikation mit. Plötzlich interessierten sich fremde Menschen für das Schicksal des 18-Jährigen. Sie posteten aufmunternde Worte. Weil er seinen vollständigen Namen und den Wohnort bei Twitter angegeben hatte, konnte der Junge noch rechtzeitig gefunden werden. Weinend vor seinem Computer.

Ein anderes Beispiel, das zeigt, welche Reichweite und damit Macht Twitter hat, fand in Südafrika statt. Dort half Twitter dabei, einen entführten Südafrikaner zu retten. In Johannesburg war der Mann überfallen und in einen Kofferraum gesperrt worden. Sein Glück: Die Entführer übersahen sein Handy. So konnte das Opfer seiner Freundin eine SMS schicken. Sie enthielt unter anderem das Autokennzeichen der Diebe. Die Freundin twitterte sofort einen Hilferuf. Und das Kennzeichen der Entführer. Plötzlich beteiligten sich Freunde, aber auch viele Unbekannte bei der Suche. Bis die Entführer schließlich dingfest gemacht werden konnten.

Im Katastropheneinsatz konnte Twitter ebenfalls zeigen, was in den digitalen Netzwerk-Plattformen steckt. Wassermassen überrollten im Juni 2013 viele Städte und ganze Landstriche in Deutschland. Twitter ermöglichte es, in Echtzeit, Hilfe zu koordinieren: Wo gibt es noch Sandsäcke? Wo werden Rettungskräfte benötigt? Steigt der Wasserpegel noch weiter?Auch Bilder gehen bei Twitter um die Welt. Sie zeigen die überfluteten Gebiete. Und Helfer, die unermüdlich gegen das Wasser ankämpfen. Accounts wie @magdeburg und@dresden berichten zu dieser Zeit aktiv über die Geschehnisse in ihrer Stadt.


Torsten Maue dokumentierte die Hochwasser-Katastrophe in Magdeburg. Sogar den Schildern stand das Wasser bis zum Hals.

Die Follower-Zahl der beiden Accounts stieg rapide an. Menschen nutzten das Medium, um sich über die aktuelle Lage zu informieren. Torsten Maue betreibt den Account @magdeburg. Er berichtete in seinem Blog von einem Anstieg um 31,25 Prozent allein im Zeitraum vom 31. Mai bis zum 16. Juni 2013.

Mit Wasser hatte auch die Sternstunde für Twitter zu tun. Janis Krums war live dabei, als ein Airbus A320 auf dem Hudson River eine Notlandung vollziehen musste. Bevor auch nur ein Radio- oder Fernsehsender darüber berichten konnte, ging sein Tweet bereits um die Welt. Der Informationskanal von Twitter ist also enorm.



Und das ist es, was Twitter von anderen digitalen Netzwerken unterscheidet: Informationen gezielt weltweit zu finden. Und das gigantische Netzwerk. Mit Tools können Umfragen gestartet, spezifisch nach bestimmten Stichworten gesucht, oder die neuesten Tweets von beispielsweise Politikern konsumiert werden.

Der Nutzen, der durch die Vernetzung, für den Job, aber auch privat entsteht, ist gewaltig. Also doch recht praktisch so ein Twitter-Account! Ich bin froh, dass ich mich angemeldet habe, und werde mich nicht nur zur Freude meines Chefs jetzt regelmäßig damit befassen.
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