Medien und der Schutz der Privatsphäre
Im Visier der Meute

Das Bild von Sabine Kehm entstand am 1. Januar 2014 vor dem Krankenhaus in Grenoble. Damals informierte die Managerin von Michael Schumacher über dessen Gesundheitszustand. Der ehemalige Formel-1-Pilot war am 29. Dezember 2013 beim Skifahren gestürzt und hatte sich eine Schädelfraktur zugezogen. Archivbild: dpa
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Bayern
17.03.2016
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Hartnäckige Suche nach der Wahrheit oder mediale Hetzjagd? Sind Journalisten schon Teil einer Meute, wenn sie wissen wollen, wie es dem ehemaligen Formel-1-Fahrer Michael Schumacher geht?

Tutzing. Am Anfang steht auch in Tutzing die Frage: Wie geht es ihm? "Er" ist Michael Schumacher. Doch eine Antwort gibt seine Managerin Sabine Kehm auf diese Frage nicht. So wie immer seit der Formel-1-Star am 29. Dezember 2013 seinen dramatischen Skiunfall erlitten hat, schützt die ehemalige Journalistin dessen Privatsphäre - und die seiner Frau Corinna, seiner 19-jährigen Tochter Gina und seines 16-jährigen Sohnes Mick. Notfalls durch Unterlassungsklagen: "Wir gewinnen alle."

Aber Kehm erzählt: Von den bangen Stunden und Tagen nach dem Unfall. Vom Belagerungszustand im Krankenhaus von Grenoble. Von Journalisten, die als Priester verkleidet in die Intensivstation vordringen wollten oder sich als Schumachers Vater ausgaben. Von Menschen, deren Angehörige neben Schumacher auf der Intensivstation lagen und die von Journalisten gebeten wurden, gegen Bezahlung Bilder zu machen oder dies selbst anboten.

Recht auf Information


Sie wissen, dass die Öffentlichkeit ein Recht auf Information hat, macht Kehm deutlich. "Ich kann absolut das Informationsinteresse verstehen." Sie hätten auch über den Unfall informiert. Schließlich habe Michael Schumacher seine Karriere im Licht der Öffentlichkeit gemacht. Er habe aber immer seine Privatsphäre geschützt. Es gebe einen öffentlichen Michael Schumacher, den Rennfahrer, und einen privaten. Zu letzterem zählt Kehm die Rehabilitation.

Sie diskutierte vergangenes Wochenende mit mehr als 80 Journalisten bei der Tagung "Im Visier der Meute. Journalistische Recherche zwischen Fairness und Exzess" in der Politischen Akademie in Tutzing am Starnberger See. Die Tagung, die vom Netzwerk Recherche mitorganisiert wurde, befasste sich mit journalistischer Berufsethik sowie dem angemessenen Umgang mit Politikern, Katastrophenopfern und traumatisierten Flüchtlingen.

"Manchmal hatte ich den Eindruck, das Gehirn war ausgeschaltet", sagt Kehm mit Blick auf das hysterische, aggressive Jagdfieber, dass die Reporter erfasst habe. "Wann gehen die wieder?", habe die Direktorin sie damals gefragt. Sie sind gegangen, aber es hat nicht aufgehört. Bis heute. Mit Drohnen, von Helikoptern aus oder von Booten auf dem See würden Fotografen und Journalisten versuchen, an Bilder von Michael Schumacher in seinem Zuhause im schweizerischen Gland zu kommen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, das Gehirn war ausgeschaltet.Sabine Kehm, Managerin von Michael Schumacher, zum Verhalten der Journalisten vor dem Krankenhaus in Grenoble


Kehn spricht von "Lemming-Journalismus", wenn alle der gleichen Sache unreflektiert hinterherrennen. Statt zu recherchieren, etwa die verbreiteten Zitate mit dem Original-Interview zu vergleichen, werde sie mit den abenteuerlichsten Aussagen konfrontiert. "Auf gut Bairisch: Da wird eine Sau durchs Dorf getrieben und alle laufen hinterher."

Der frühere SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück beklagt bei der Tagung mit Blick auf die Berichte über seinen Wahlkampf drei Trends: "Banalisierung, Personalisierung und Skandalisierung." Statt über die Themen zu berichten, würden Nebensächlichkeiten hochgespielt. Mit Blick auf den Umgang mit Christian Wulff spricht Steinbrück von einem "gewalttätigen Journalismus".

Diesen müssen häufig Angehörige von Opfern bei Unglücken oder Verbrechen erleben, wie die etwa die Schüler in Haltern nach dem German-Wings-Absturz oder in Winnenden nach dem Amoklauf. Durch einen Zufall werden sie und ihre toten Angehörigen in die Öffentlichkeit gezerrt. Die Nachricht vom Tod des Kindes ist oft keine Stunde alt, da klingelt der erste Reporter. Seine Frage: Können wir ein Bild bekommen? Und wird das Bild ungefragt veröffentlicht, fehlt vielen die Kraft, sich zu wehren. Sie haben keine Manager, die sie schützen.

Persönlichkeitsrecht


Die Tagung war nicht wie ein Elternabend, wo nur Interessierte kommen, wie der Schulleiter der Albertville-Realschule in Winnenden sagte. Nach Tutzing kam auch der Chefredakteur der "tz-München", Rudolf Bögel, als einziger Vertreter der Boulevardpresse. "Bild" hatte es abgelehnt, sagten die Veranstalter. Bögel wurde kritisiert, weil die "tz" nach dem Zugunglück von Bad Aibling Bilder von Todesopfern veröffentlicht hat und er dies nur mit zustimmenden Signalen aus dem Umfeld begründete. Für die Kritiker ein Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht.
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