Schweres Zugunglück in Oberbayern
Mindestens zehn Tote bei Bad Aibling

Vermischtes
Bayern
09.02.2016
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    Bad Aibling. Bei einem Zugunglück sind in Oberbayern am Dienstag mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Rund 80 wurden verletzt. Zudem werde noch eine Person vermisst, teilte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd am Dienstagabend mit. «Wir haben wenig Hoffnung, diese lebend zu bergen», hieß es. Unter den Toten seien wahrscheinlich auch die beiden Lokführer, sagte ein Polizeisprecher. Es ist das schlimmste Zugunglück in Deutschland seit fünf Jahren.

Die Ursache für das Zugunglück war nach ersten Ermittlungen «menschliches Versagen». Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Dienstagabend aus zuverlässiger Quelle. Wer genau für das Unglück verantwortlich zu machen ist, war zunächst nicht bekannt. Zuvor hatte das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet.

Zehn Menschen wurden bei dem Zusammenstoß zweier Nahverkehrszüge in der Nähe von Bad Aibling im Landkreis Rosenheim schwer verletzt, acht Reisende mittelschwer und 63 leicht. Mindestens ein Mensch wurde zunächst noch vermisst. Die Vermutung liege nahe, dass sich das Opfer noch in einem der Zugwracks befinde, hieß es.

Triebwageb verkeilt

Gegen 6.50 Uhr waren auf der eingleisigen Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim zwei Züge frontal zusammengestoßen. Dabei verkeilten sich die Triebwagen. Ein Zug entgleiste, mehrere Waggons stürzten um.
Die Züge des privaten «Meridian» werden von der zur Transdev gehörenden Bayerischen Oberlandbahn (BOB) betrieben.

Die Bergungsarbeiten gestalteten sich extrem schwierig, weil die Unglücksstelle in einem Waldstück an einer Hangkante neben dem Flüsschen Mangfall liegt. Ein Großaufgebot an Rettungskräften mit zahlreichen Hubschraubern und Krankenwagen kümmerte sich um die Verletzten. In den Zügen sitzen um diese Uhrzeit üblicherweise zahlreiche Pendler, von denen viele weiter nach München fahren. Zum Glück seien am Unglückstag keine Schüler in den Zügen gewesen, sagte ein Polizeisprecher - in Bayern sind derzeit Faschingsferien.

Hubschrauber brachten die Schwerverletzten in Krankenhäuser, während die zahlreichen Leichtverletzten zunächst in einer Sammelstelle versorgt wurden. Dabei half auch die Wasserwacht, die die Verletzten auf das gegenüberliegende Ufer brachte. Die Bergwacht war ebenfalls im Einsatz. Zum Teil wurden die Opfer auch in Bergungssäcken von den Hubschraubern hochgezogen und an das andere Ufer geflogen. Die Bevölkerung wurde zum Blutspenden aufgerufen.

«Der Unfall ist ein Riesenschock für uns», sagte BOB-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch. «Wir tun alles, um den Reisenden, Angehörigen und Mitarbeitern zu helfen.» Auch Christian Schreyer vom Mutterkonzern Transdev sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. «Wir sind zutiefst erschüttert und fassungslos, dass so etwas passieren konnte.» Deutsche Bahn-Chef Rüdiger Grube schloss sich den Beileidsbekundungen an.

Die 37 Kilometer lange Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim wurde nach dem Unglück komplett gesperrt. Die Züge waren in einer Kurve auf dem vier Kilometer langen Abschnitt zwischen den Bahnhöfen Kolbermoor und Bad Aibling-Kurpark in der Nähe des Klärwerks von Bad Aibling zusammengestoßen. Wann die Strecke wieder geöffnet wird, blieb zunächst unklar. Der Betreiber richtete einen Ersatzverkehr mit Bussen ein.

"Kann eigentlich nicht vorkommen"

Wie genau es zu dem schweren Unglück gekommen ist, war zunächst unklar. Bislang habe es auf der Strecke keine Störungen gegeben, erläuterte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Zudem habe es in den vergangenen Jahrzehnten «massive Verbesserungen in der Zugsicherungstechnik» gegeben, so dass mit Blick auf die Technik und die geltenden Vorschriften «ein solches Unglück, wo sich zwei gegenläufige Züge auf dem gleichen Gleis befinden, eigentlich nicht mehr vorkommen kann».

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat von einer «schweren Stunde in der Geschichte des Zugverkehrs in Deutschland» gesprochen. Die Unfallstelle habe ein erschreckendes Bild abgegeben, sagte er am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Bad Aibling.

Die beiden Züge seien wohl mit hoher Geschwindigkeit aufeinandergeprallt, sagte der Minister nach einem Besuch der Unfallstelle. Dort seien Geschwindigkeiten von rund 100 Stundenkilometer möglich. Dobrindt dankte den rund 500 Rettungskräften. Sie seien bereits wenige Minuten nach dem Unfallort gewesen.

Es ist das schlimmste Zugunglück in Deutschland seit Januar 2011. Damals starben zehn Menschen, als ein Nahverkehrszug bei Oschersleben in Sachsen-Anhalt mit einem Güterzug zusammenstieß. In Bayern liegt ein schlimmeres Unglück bis 1975 zurück, als bei Warngau zwei Eilzüge frontal zusammenstießen und 41 Menschen starben.

Sicherungssystem erst kontrolliert

Das den Bahnverkehr in Deutschland sichernde System «Punktförmige Zugbeeinflussung» (PZB) war im Fall des Zugunglücks von Bad Aibling erst vor rund einer Woche technisch überprüft worden. Dabei habe es keine Probleme gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn (DB) für Bayern, Klaus-Dieter Josel, am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Bad Aibling.

Bei dem System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett. Die Magneten sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst.

Nach dem schweren Zugunglück haben zahlreiche Politiker und Kirchen-Vertreter ihr Bedauern ausgedrückt: Reaktionen auf das schwere Zugunglück


Schwere Eisenbahnunglücke
Bahnfahren gilt als relativ sicher, schwere Unfälle wie jetzt in Oberbayern sind vergleichsweise selten. Beispiele:


6. November 2015: Am Bahnübergang in Freihung in der Oberpfalz kommen zwei Menschen ums Leben, vier werden verletzt. Ein Lkw, der einenMilitär-Lastwagen auf dem Tieflader transportierte, war an demBahnübergang hängengeblieben und von dem Zug gerammt worden.

August 2014: In Mannheim rammt ein Güterzug einen Eurocity mit 250 Passagieren - zwei Waggons stürzen um, 35 Menschen werden verletzt. Der Lokführer des Güterzugs hatte ein Haltesignal übersehen.

September 2012: Ein Intercity entgleist beim Verlassen des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Acht Menschen werden verletzt. Bereits im Juli war an gleicher Stelle ein IC aus den Gleisen gesprungen. Ursache waren jeweils defekte Puffer an den Waggons.

April 2012: Eine Regionalbahn stößt bei Offenbach (Hessen) mit einem Baukran-Zug zusammen. Drei Menschen werden getötet, 13 verletzt.

Januar 2012: Ein Regionalzug rast in Nordfriesland in eine Rinderherde und kippt um. Ein Fahrgast kommt ums Leben.

September 2011: Geröll stürzt bei heftigen Regenfällen ins Gleis und lässt einen Intercity mit etwa 800 Menschen an Bord bei St. Goar im Rheintal entgleisen. 15 Menschen werden verletzt.

Januar 2011: Zehn Menschen sterben, als ein Nahverkehrszug bei Oschersleben in Sachsen-Anhalt mit einem Güterzug zusammenstößt. Ein Lokführer hatte zwei Haltesignale überfahren.

Oktober 2009: Bei einer Feier zum 125-jährigen Bestehen der historischen Lößnitzgrundbahn in Sachsen stoßen zwei der historischen Züge zusammen. 52 Menschen werden verletzt, 4 von ihnen schwer.

April 2008: Ein ICE rast südlich von Fulda (Hessen) in eine Schafherde und entgleist teilweise - 73 Verletzte.

Juni 2003: Bei Schrozberg in Baden-Württemberg stoßen zwei Regionalzüge zusammen. Sechs Menschen sterben.

22. Juni 2001: Ein schwarzer Tag für den bayerischen Schienenverkehr.
Bei zwei Unglücken an Bahnübergängen sterben 7 Menschen, mindestens
44 werden verletzt. In der Nähe von Vilseck-Gressenwöhr in der Oberpfalz rast ein Regionalzug in einen Lastwagen der US-Armee. Der Lokführer, der Lkw-Fahrer und ein Zugfahrgast sterben.Elf Stunden später rammt ein Regionalzug an der Strecke Donauwörth-Dillingen in Schwaben ein Auto. Ein Ehepaar und zwei Kinder in dem Wagen sterben.

Februar 2000: In einer Baustelle des Bahnhofs Brühl bei Köln entgleist der Nachtexpress von Amsterdam nach Basel an einer Weiche. Bilanz: 9 Tote, 149 Verletzte.

Juni 1998: Nach dem Bruch eines Radreifens prallen im niedersächsischen Eschede mehrere Waggons eines ICE bei Tempo 200 gegen eine Straßenbrücke. 101 Menschen sterben.

Rosenmontag 1969: Interzonenzug rast in Weiden in Tankwagen
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