Sport Stacking WM in Speichersdorf
Mit Plastikbechern um die Welt

Höchst konzentriert bauen die jungen Hochstapler nacheinander verschiedene Pyramiden aus zwölf Plastikbechern. Bilder: Schönberger
Vermischtes
Bayern
18.03.2016
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Schon im Eingangsbereich ist ein ungewöhnliches Geräusch zu hören. Im ersten Moment ist nicht klar, woher es kommt. Je näher die Saaltüre rückt, desto lauter wird das Geklappere. Im Raum selbst stehen 15 Jugendliche. Vor ihnen: bunte Plastikbecher.

Speichersdorf. An langen Tischen aufgereiht stehen sich die Jugendlichen im Saal des Landgasthofs Imhof in Speichersdorf (Kreis Bayreuth) gegenüber. "Ready, Set, Go", ertönt das Startkommando von Trainerin Heike Ziegler. Dann geht es los. Das Geklappere beginnt erneut.

In einer Geschwindigkeit, die Außenstehende nur noch staunen lässt, stapeln sie die Becher zu kleinen Pyramiden. Ebenso schnell bauen sie diese wieder ab. Sofort entsteht ein neues Gebilde. Jeder Handgriff sitzt. Der Blick in die Gesichter zeigt höchste Konzentration. Am Ende stehen wieder nur einzelne Becherstapel auf dem Tisch.

Sportart aus den USA


Die Jugendlichen, alle Mitglieder des Vereins "Die Hochstapler Speichersdorf", üben sich im Sport-Stacking - auf deutsch: Stapeln - einer in den 1980er Jahren in den USA erfundenen Geschicklichkeitssportart. Ziel ist, die Becher ohne Fehler und so schnell wie möglich in einer bestimmten Reihenfolge zu stapeln. "Sport-Stacking fördert die Koordination zwischen linker und rechter Gehirnhälfte sowie die Konzentrationsfähigkeit", erklärt Vorsitzende Monika Gosslau. Ihr Verein richtet heuer zum ersten Mal die Weltmeisterschaft im Sport-Stacking aus.

Stapeln statt Kegeln


Gosslaus Neffe, Robert Imhof, habe das Sport-Stacking, das seit Mai 2015 auch als offizielle Sportart vom Bayerischen Landessportverband (BLSV) anerkannt ist, nach Speichersdorf gebracht. Er kam 2008 in Österreich zum ersten Mal damit in Kontakt. "Wir könnten doch mal Becher stapeln", habe er seiner Familie vorgeschlagen, die eine zum Landgasthof gehörende Kegelbahn betreibt. "Irgendwann kamen zu viele Kinder, die Kegeln wollten, deswegen haben wir beschlossen, die Gruppe zu teilen. Die zweite Hälfte ging in den ersten Stock und begann zu stacken." Der Grundstein für die Hochstapler war gelegt - die Vereinsgründung erfolgte noch im selben Jahr.

Mittlerweile hat der Verein rund 90 Mitglieder, die meisten aus der Region, einige aber auch aus anderen Bundesländern. Diese externen Stacker trainieren zwar nicht zusammen mit den anderen Mitgliedern, treten aber für den Verein an. "Wir sind eine tolle Gemeinschaft", betont Gosslau. Zusammen fahre das Team zu Turnieren auf der ganzen Welt. So waren die Sportler 2015 bei der Weltmeisterschaft in Kanada, 2014 in Südkorea, davor in Florida.

Heuer stacken die Speichersdorfer dann von 1. bis 3. April Zuhause gegen Konkurrenten aus der ganzen Welt. 23 Hochstapler haben es ins 80-köpfige Nationalteam geschafft. "Wir erwarten um die 300 internationale Stacker", erzählt Gosslau. "Neuseeland, Australien, Thailand, Mexiko oder Israel", nennt sie nur einige der Herkunftsländer. Der Eintritt zu dem Spektakel ist kostenlos.

Zusammen mit Kollegin Ziegler hält Gosslau übrigens den Weltrekord im Doppel in ihrer Altersklasse. 10,489 Sekunden brauchen die beiden, um gemeinsam einen Cycle - eine bestimmte Abfolge - zu stapeln. Diese Disziplin besteht aus einer Kombination mehrerer Pyramiden, die auf- und wieder abgebaut werden müssen. Die Größte besteht aus zehn Bechern. Das Besondere am Doppel: Jede der Partnerinnen darf nur eine Hand benutzen - alle Griffe müssen genau auf die der anderen abgestimmt sein.

Für jedes Alter


Grundsätzlich könne jeder mit Sport-Stacking anfangen, betont Gosslau. "Es ist eine Sportart für alle Altersklassen. Unser jüngstes Vereinsmitglied ist sechs Jahre, das älteste 77." Ebenso sei keine große Ausrüstung nötig. Die passenden Becher inklusive Unterlage, Uhr und Tasche gebe es für rund 60 Euro. Dann werde nur noch ein Tisch benötigt und ein Trainingspartner - denn zusammen trainieren mache mehr Spaß. "Und es spornt an, wenn das Gegenüber schneller ist, als man selbst."

Die Disziplinen3-3-3: Mit neun Bechern werden nacheinander drei Pyramiden mit je drei Bechern erst auf- und dann wieder abgebaut.

3-6-3: Mit zwölf Becher werden links und rechts zwei Pyramiden mit jeweils drei Bechern und in der Mitte eine Pyramide mit sechs Bechern auf- und wieder abgebaut.

Cycle: Aus zwölf Bechern wird zu erst ein 3-6-3 gebaut, anschließend werden die Becher zu zwei Sechser-Pyramiden zusammengesetzt. Dann wird eine Pyramide aus zehn Bechern gebaut, die von jeweils einem einzelnen Becher flankiert wird. Diese wird am Ende wieder zu drei Stapeln in 3-6-3-Verteilung abgebaut. (ehi)




Selbstversuch: Hochstapeln für Anfänger


Die Anzeige leuchtet rot-grün. „Ready, Set, Go“ , gibt Monika Gosslau das Startsignal. Es geht los! Wir stapeln unsere Plastikbecher zu drei kleinen Pyramiden. Als ich anfange, ist sie bereits fertig. Die Vorsitzende des Vereins „Die Hochstapler“ versucht mir das Sport-Stacking beizubringen.

Vor uns liegt eine dünne Gummimatte. Auf ihr stehen zwölf Plastikbecher, an ihrem Rand ist eine Stoppuhr befestigt. Mehr ist für Sport-Stacking nicht nötig. „Wir beginnen mit der Disziplin 3-3-3“, erklärt Gosslau. Aus neun Bechern soll ich drei Pyramiden auf- und anschließend wieder abbauen. „Eigentlich nicht schwer“, denke ich. „Jede Pyramide muss mit beiden Händen berührt werden“, wirft meine Lehrerin dann ein. Als Rechtshänderin muss ich also auch die – weniger geübte – linke Hand zur Hilfe nehmen.

Die ersten Übungsrunden meistere ich – glaube ich – ganz gut. Dann starten wir die Stoppuhren. Kaum läuft die Zeit, werde ich hektisch. Die Koordination zwischen linker und rechter Hand funktioniert in der Eile nicht mehr richtig. Die Becher rutschen auseinander, einer fällt um – ich muss von vorne beginnen. Gosslau ist längst fertig.

„Sport Stacking birgt Suchtgefahr, weil man mit der Zeit immer schneller wird“, erzählt sie lachend. Übung sei alles. Außerdem hat die Vereinsvorsitzende einen besonderen Tipp: „Mit anderen zusammen trainieren. Ist der Partner schneller, spornt das an, auch die eigene Zeit zu verbessern.“

Weltrekord: 1,3 Sekunden

Der Weltrekord beim 3-3-3 liegt bei 1,3 Sekunden. Damit bin ich mit 6,3 Sekunden aber noch weit entfernt. Gosslau selbst hält zusammen mit ihrer Kollegin Heike Ziegler den Weltrekord im Doppel in ihrer Altersklasse. 10,498 Sekunden brauchen die beiden für den „Cycle“ – die komplizierteste der drei Sport-Stacking-Disziplinen.

Mein Lehrprogramm geht aber erst einmal mit dem 3-6-3 weiter: Außen zwei Dreierpyramiden, in der Mitte eine aus sechs Bechern. Auch das klappt einigermaßen. Ich bin zwar ziemlich langsam, aber nach einigen Versuchen hab ich den Dreh raus und die Pyramiden stehen. Der Abbau funktioniert mittlerweile auch – fast von allein verschwinden die einzelnen Becher ineinander. Am Ende steht nur ein einziger Stapel vor mir.

„Und jetzt der Cycle“, schallt es mir entgegen. Mir schwant Böses – und ich sollte Recht behalten: „Erst einen 3-6-3, den abbauen. Den linken Dreierturm neben den rechten schieben, dann zwei Sechserpyramiden bauen. Beide Pyramiden zu einem einzelnen Turm abbauen. Aus diesem eine Zehnerpyramide bauen. Die zwei einzelnen Becher links und rechts daneben stellen – einen davon auf den Kopf. Am Ende alles wieder in die Ausgangsposition bringen.“ Mein Gehirn kann schon diese verbale Erklärung nicht verarbeiten. Gosslau macht den Cycle vor – ich verstehe weiter nur Bahnhof. Ich teste die komplizierte Stapelei mit Hilfe ihrer Anweisungen – es wird. Ich probiere es alleine – ich gebe auf!

Eine Stunde pro Tag

„Jeder kann Sport-Stacking lernen“, betont Gosslau nach dieser Lehrstunde. Es gebe auch keine Altersbeschränkungen. „Klar sind die Jüngeren schneller“, fährt sie fort. „Aber in welcher Sportart ist das nicht so?“ Es gebe deswegen auch im Sport-Stacking verschiedene Altersgruppen. Wichtig sei es, viel zu üben. Irgendwann reiche dann eine Stunde Training in der Woche. „Und jeden Tag zehn Minuten Zuhause, damit man nicht aus der Übung kommt.“
Die besten Sport-Stacker aus der ganzen Welt zeigen ihr Können übrigens von 1. bis 3. April in der Sportarena in Speichersdorf. Die Hochstapler sind nämlich Gastgeber der diesjährigen Weltmeisterschaft. Und ich? Auf der Rückfahrt nach Weiden erwische ich mich dabei, wie ich überlege, mit welchen meiner Einrichtungsgegenstände ich Zuhause üben könnte.
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