Terror
Ein mulmiges Gefühl bleibt

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Bayern
01.01.2016
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Innenminister Joachim Herrmann (CSU) betont in der Pressekonferenz am Freitag, es bestünde nach dem Terroralarm in der Silvesternacht in München keine ganz konkrete Anschlagsgefahr. Bild: dpa
 
Trittbrettfahrer bekommen von uns eine intensive Behandlung.

Was auch immer hinter den Anschlagswarnungen von München steckt: Sollten Terroristen das Ziel gehabt haben, in der Silvesternacht Panik zu verbreiten, sind sie gescheitert. Die Münchener sind auch am Neujahrstag entspannt. Nur die Polizei bleibt alarmiert.

München. Reisende ziehen mit Rollkoffern über die Bahnsteige des Münchner Hauptbahnhofs. Die Schalter der Bahn sind geöffnet. An den Ständen gibt es Kaffee in Pappbechern und frische Pizza. Von dem Terror-Großeinsatz in der Silvesternacht hier und am Pasinger Bahnhof ist am Neujahrstag fast nichts mehr zu sehen und zu spüren.

Die Sicherheitslage sei nun nicht viel anders als zuletzt nach den Anschlägen von Paris, gibt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit Erleichterung bekannt. Es bestehe zwar eine hohe Terrorgefahr in Europa, "aber keinen unmittelbaren Hinweis auf eine Anschlag heute oder morgen an einem bestimmten Ort".

Mancher, der an diesem neblig-kalten Neujahrstag in der Innenstadt unterwegs ist oder an den Imbissbuden und in den Geschäften arbeitet, spricht von einem "mulmigen Gefühl". "Die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags steigt, weil Deutschland jetzt in den Krieg involviert ist", sagt der Leiter eines Gastronomiebetriebs, der nicht namentlich genannt werden will. "Die Frage ist nur, wo es passiert." Gemeint sind die Luftangriffe der Allianz auf Ziele in Syrien, die von Deutschland seit kurzem unterstützt werden. Ein Bäckereiverkäufer am Hauptbahnhof findet: "Man ist es schon gewohnt, dass es dauernd Bedrohungen gibt." Allerdings glaubt er: "Wenn es schon ein Ziel gibt, dann wäre es wohl Berlin."

Polizei schwer bewaffnet


In der Silvesternacht sorgen Terrorwarnungen für bange Stunden. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte ziehen vor den Eingängen des Hauptbahnhofs auf. Flatterband sperrt das Gelände ab. Sicherheitsbeamte drängen Passanten zurück, die sich auf Fragen nach dem nächsten Zug mit vagen Antworten begnügen müssen.

Zuletzt war der Hauptbahnhof zu Beginn der Flüchtlingskrise im September ein Brennpunkt. Damals trafen an einzelnen Tagen bis zu zehntausend Menschen aus den Krisengebieten der Welt ein und wurden von Einheimischen in großer Gastfreundschaft empfangen. Die Bilder applaudierender Münchner gingen um die Welt. Nun zeigen die Berichte maskierte Polizisten in Kampfmontur und mit Maschinenpistolen vor der Brust.

Am Neujahrstag bleiben die Einsatzkräfte in Alarmbereitschaft. "Wir haben derzeit weiterhin noch circa 100 Einsatzkräfte zusätzlich im Dienst", sagte der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä. Die Beamten liefen in der Innenstadt und an den betroffenen Bahnhöfen Streife. Dies geschehe, "um entsprechend Präsenz zu zeigen und dem Sicherheitsbedürfnis der Bürger gerecht werden zu können".

Zusätzliche Beamte sind in der Stadt unterwegs, hin und wieder kontrollieren sie. Durch die Fußgängerzone bahnt sich vorsichtig ein Polizeiwagen einen Weg durch die Menschen. Denn wenn es stimmt, was die Geheimdienste melden, dann könnten fünf bis sieben mögliche Attentäter weiter irgendwo in der Nähe sein. Insgesamt bewerte er die aktuelle Gefahrensituation für München wieder so wie vor der Warnung an Silvester, sagte Andrä.

Der Polizeipräsident warnte auch sogenannte Trittbrettfahrer eindringlich: Diese müssten sich "warm anziehen", sagte Andrä am Freitag in München. Er berichtete, die Warnung habe bisher auch zwei Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen, die Bombenschläge angekündigt hätten. Er kündigte hier scharfe Maßnahmen an. Das lasse man sich nicht gefallen. "Trittbrettfahrer bekommen von uns eine intensive Behandlung."

Münchener gelassen


Was auch immer hinter den möglichen Attentaten steckt: Die Münchener und die Touristen, darunter viele aus Italien, reagieren sehr besonnen. Gemütlich bummeln sie die Fußgängerzone entlang, fotografieren sich vor dem Karlstor oder drehen einige Runden auf der Eislauffläche am Stachus, ein paar Hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt.

"Wir fühlen uns sicher", sagt eine ältere Frau aus Mainz, die in München ihre Kinder besucht. Eine Großmutter, die mit ihrem Enkel ins nahe Kino geht, ist vorsichtiger. "Wir werden nachher nicht mit der U-Bahn fahren, wir werden mit dem Auto abgeholt", erklärt sie. Auf den Kinobesuch verzichten wollte sie aber nicht. "Sonst kann man sich zuhause gleich eingraben."
Trittbrettfahrer bekommen von uns eine intensive Behandlung.Hubertus Andrä, Polizeipräsident München


Twitter bei Terror: Polizei setzt auf neue KanäleNoch vor einigen Jahren hätte die Polizei in Extremlagen per Fax die Nachrichtenredaktionen informiert. Nun wendet sie sich auch direkt an die Bürger. Dank der sozialen Medien können sie direkt auf dem Handy die Terrorwarnung sehen - und schnell reagieren. Die Münchner Polizei nutzte diese in der Silvesternacht besonders intensiv - und bekam dafür viel Lob im Netz.

"Aktuelle Hinweise, dass in #München ein Terroranschlag geplant ist. Bitte meidet Menschenansammlungen und die Bahnhöfe Hauptbahnhof + Pasing", stand im ersten Tweet am Silvesterabend. Mehr als 4000 Mal wurde die Nachricht geteilt. Es folgte: "Wir halten Euch über die aktuelle Lage auf dem Laufenden!" Daraufhin habe sich die Zahl der Follower auf Facebook und Twitter etwa verdoppelt, sagt Polizeisprecher Wolfgang Behr am Freitag.

"Wir wollen in erster Linie die Bürger informieren, erhoffen uns aber auch Verständnis für die polizeilichen Maßnahmen", so Behr. An Silvester den Hauptbahnhof zu räumen, sei ein enormer Eingriff. Carsten Reinemann, von der Ludwig-Maximilians-Universität München ergänzt: "Twitter ist als Kanal für die Polizei ideal, weil man schnell reagieren kann und ungefiltert nicht nur normale Bürger erreicht, sondern auch viele Journalisten." Die Polizei könne in einer Krise die Verunsicherung etwas lindern. "Allein, dass die Polizei in den sozialen Medien präsent ist trägt schon zur Beruhigung bei. Kommuniziert man nicht, dann können sich gerade in sozialen Medien extrem schnell Gerüchte verbreiten", sagt Reinemann.

In der Silvesternacht wurden die wichtigen Tweets in mehrere Sprachen übersetzt - etwa auf Englisch, Italienisch und Polnisch. "Wir orientieren uns an denen, die sich an uns wenden", erläutert Behr.
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