«Und seid vorsichtig!»
Münchener trotzen Terroralarm in der Silvesternacht

Bilder: dpa
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Bayern
01.01.2016
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Mitten in die Silvesterfeiern in München platzt eine Terrorwarnung. Die Polizei riegelt zwei Bahnhöfe ab. Großalarm in Bayerns Landeshauptstadt.

München. (dpa) Um 18.47 Uhr warnt die Münchner Polizei noch über Twitter: «Alkoholisiert nicht ans Steuer!». Silvester wie immer. Doch keine vier Stunden später versetzen die Beamten mit der nächsten Nachricht die Stadt in Alarmzustand: Es gebe aktuelle Hinweise, dass in München ein Terroranschlag geplant ist. «Bitte meidet Menschenansammlungen und die Bahnhöfe Hauptbahnhof + Pasing.»

Nach und nach wird klar: Terroristen des sogenannten Islamischen Staats sollen Selbstmordanschläge geplant haben. «Es gab Hinweise auf konkret fünf bis sieben Attentäter», sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Die beiden Bahnhöfe werden geräumt und abgeriegelt. Polizisten und Spezialkräfte rücken zur Verstärkung an.

Am Hauptbahnhof weht Flatterband. Polizisten drängen Passanten zurück. Fragen, wann der nächste Zug fährt, beantworten sie nur vage. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte stehen vor den Eingängen des Bahnhofs. Drumherum sind aber nach wie vor Menschen unterwegs.

Auch in Pasing wird der Bahnhof evakuiert - doch abgesehen von der unmittelbaren Bahnhofsnähe ist in dem Stadtteil im Münchner Westen nichts von der Terrorwarnung zu spüren. Überall sind Menschen auf den Straßen, treffen sich in kleinen Parkanlagen, um Raketen in den Himmel zu schießen und das neue Jahr zu feiern. Viele – vielleicht die meisten – haben von der Terrorwarnung noch gar nichts gehört.

Marienplatz, gegen 1.00 Uhr. Es sind noch einige Hundert Menschen auf dem Platz, der von den Überresten von Raketen, Böllern und Glasscherben übersät ist. Robert (35) sagt: «Wir haben es in der U-Bahn mitbekommen, sie hat am Hauptbahnhof nicht gehalten, und es gab eine Durchsage. Und dann hat meine Mutter angerufen. Wir haben trotzdem hier gefeiert.» Es sei wohl etwas mehr Polizei unterwegs. «Ich denk, es ist zu 99 Prozent sicher. Man muss nicht übertreiben.»

Rikschafahrer Christian sagt: «Der Platz war voll wie eh und je, man kam nicht vor oder zurück. Wenn Isis hier einen Anschlag machen würde, also die Hälfte der Menschen hier käme doch aus diesen Ländern, das wären ihre eigenen Leute.» Ein älteres Ehepaar will zur U-Bahn. Er sagt: «Wir waren heut' Abend im Prinzregenten-Theater im Konzert. Das ist auch eine Menschenansammlung. Die Gefahr ist inzwischen jedem bewusst. Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir bleiben doch deswegen nicht zuhause!»

Pablo (18) singt mit einer Gruppe aus der Toskana Fußballlieder. «Ja, wir haben es über Internet mitbekommen. Das macht uns zornig! Ich bin zum vierten Mal in München, früher mit der Schulklasse, jetzt mit Freunden. Das ist eine schöne Stadt, die Läden, das Nachtleben, die U-Bahn. Das ist alles super hier.» Peter (27) aus München ist mit seiner Freundin, einem Freund und seiner Mutter nach der Feier auf dem Heimweg. «Man hat schon ein mulmiges Gefühl. Klar, man macht sich Sorgen. Es kann immer was passieren, kann schon sein, dass jemand was mitschleppt, irgendwo was abstellt, das merkt man ja nicht.»

Am Odeonsplatz feiert Gunther M. (56) aus München mit Freunden. Er sagt: «Wir lassen uns das Feiern nicht vermiesen. Aber ein komisches Gefühl ist schon da.» Um Mitternacht seien sie trotzdem auf die Straße gegangen. «Es ist weniger los als in den letzten Jahren. Aber ob es am Wetter oder der Terrorwarnung liegt, weiß ich nicht.»

Ute S. aus München hat über eine Eilmeldung auf ihrem Handy von der Terrorwarnung erfahren. «Dann habe ich gleich überlegt, wo unsere Söhne unterwegs sind. Ich habe sie angerufen, dass sie öffentliche Plätze und Verkehrsmittel meiden und vielleicht bei Freunden übernachten sollen», erzählt die Mutter. «Wir selbst nehmen nun auch lieber ein Taxi oder den Bus statt der U-Bahn.» Die U- und S-Bahnen fahren in der Nacht nach Plan. Nur an den beiden Bahnhöfen halten sie nicht. Straßenbahnen und Busse betrifft der Ausnahmezustand nicht.

Anna hat bis Mitternacht in einer Bar gearbeitet. «Jetzt fahre ich mit Freundinnen zum Ostbahnhof zum Feiern», sagt die 18-Jährige. «Wir gehen in einen Club. Ein mulmiges Gefühl habe ich nicht. Aber wir fahren aber mit dem Taxi, nicht mit der U-Bahn.»

Auch viele Münchner, die die Nachrichten in den Sozialen Netzwerken mitverfolgen, lassen sich nicht einschüchtern. Auf Twitter laufen Fotos feiernder Menschen, «trotzdem» steht dort immer wieder zu lesen. Einer hat über ein Foto geschrieben: «For freedom, against terrorism». Und auch die Polizei twittert: «Trotz der ernsten Lage lassen wir es uns nicht nehmen: Frohes neues Jahr Euch allen!» Ganz am Ende heißt es aber dann doch noch: «Und seid vorsichtig!»

Die Fakten aus einer bewegten Nacht

Gegen 19.40 Uhr kommt nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) vom Bundeskriminalamt der Hinweis auf ein bevorstehendes Attentat. Das BKA habe zuvor von einem befreundeten Nachrichtendienst die «dringende Warnung» vor einem Anschlag in München um Mitternacht erhalten. Aus Sicherheitskreisen heißt es, die erste konkrete Warnung sei aus Frankreich gekommen.

Der Hinweis beinhaltete laut Herrmann eine konkrete Uhrzeit, einen konkreten Ort und eine klare Benennung von Tätern aus dem Bereich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Es solle sich um fünf bis sieben Attentäter handeln. Der Bayerische Rundfunk meldet später, es handele sich um sieben Iraker, die sich schon in München aufhielten und namentlich bekannt seien - eine Bestätigung dafür gibt es zunächst nicht.

Um 22.40 Uhr warnt die Polizei München via Twitter vor einem Attentat. Kurz darauf teilt sie mit, der Hauptbahnhof und der Bahnhof Pasing im Westen Münchens seien geräumt worden.

Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä gibt später bekannt, dass es sich bei den geplanten Attentaten um Selbstmordanschläge handeln soll. Rund 550 Einsatzkräfte seien im Einsatz.

Zum Neujahrsmorgen entspannt sich die Lage. Zwischen 3.30 und 4.00 Uhr gibt die Polizei die Bahnhöfe wieder frei. Die Polizei bleibt in Alarmbereitschaft und ist mit mehr Beamten als üblich in der Stadt präsent. Die Fahndung nach den möglichen Attentätern läuft weiter.

Internetnutzer danken Münchner Polizei für TerroreinsatzFür ihren Terroreinsatz in der Silvesternacht hat die Münchner Polizei viel Dank und Lob aus der Internetgemeinde erhalten. «Den Diensthabenden von Herzen vielen Dank», schrieb ein User im Sozialen Netzwerk Facebook. Ein anderer kommentierte: «Ihr seid nicht zu beneiden, aber trotzdem alles Gute für 2016.» Bei manchem klang auch etwas Mitleid durch: «Danke für euren Einsatz und die Zeit, in der ihr nicht Silvester feiern konntet!» Im Kurznachrichtendienst Twitter schrieb einer: «Dickes Danke an alle, die gerade bis dato erfolgreich für unsere Sicherheit arbeiten.»

Binnen weniger Stunden hatten die Nutzer die Warnmeldung der Polizei bei Facebook mehr als 26 500 Mal geteilt. Den ersten Hinweis auf die drohende Terrorgefahr bei Twitter verbreiteten die Nutzer mehr als 4100 mal weiter. Dort informierten die Beamten die ganze Nacht über regelmäßig über den aktuellen Stand der Dinge. Einige Tweets veröffentlichten sie in mehreren Sprachen.
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