70 Jahre "Der neue Tag": Wie die Oberpfalz den Wandel schaffte
Stark auf den Märkten der Welt

Wirtschaft BY
Bayern
31.05.2016
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Die Oberpfälzer Unternehmen sind heute auf den Weltmärkten so stark und erfolgreich wie noch nie: Dabei liegt der einschneidende, dramatische Strukturwandel erst wenige Jahrzehnte zurück.

Eine der beliebtesten Radrouten in der Nordoberpfalz, der Waldnaab-Radweg, führt den industriellen Wandel drastisch vor Augen. In Neubau (Weiden) erinnert eine düstere Brache an einst florierende, gläserne Zeiten. Die Agonie holt den Radler nur ein paar Kilometer weiter in Altenstadt/WN und Neustadt/WN erneut ein. Die trostlosen Areale und Fabrik-Ruinen stehen für den Niedergang nahezu der gesamten Bleikristallindustrie der Region Ende der 1980er Jahre.

In Neustadt/WN - die Stadt wirbt mit einem Schild an der nahen Autobahn A 93 als europäisches Zentrum für Bleikristall - wird längst kein einziges Stück Glas mehr hergestellt. Windischeschenbach toppt schließlich diese Dimension des Scheiterns noch: Wo einst bei Eschenbach-Porzellan und Annahütte in den Nachkriegsjahrzehnten fast 1500 Menschen Brot und Arbeit fanden, herrscht heute (weitgehend) Friedhofsruhe. Zahlreiche mittlere Städte wie Waldsassen, Tirschenreuth oder Vohenstrauß verloren ihre industriellen Kraftzentren. Denn zum Exitus von Glas und Porzellan kam noch das Ende der Textilindustrie.

So viel zur Vergangenheit. Und heute? Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung und der geglückte industrielle Wandel stellt längst ein einmaliges Stück Erfolgsgeschichte in Bayern dar. Eine Vielzahl tüchtiger Mittelständler löste mit hochwertigen Arbeitsplätzen die nicht immer zum Vorteil gereichenden Monostrukturen ab. Gleichsam wie Perlen wuchsen entlang der neuen Entwicklungs-Magistralen - den Autobahnen A 93 und A 6 - pulsierende Gewerbegebiete. Die durchwegs familiengeführten Unternehmens-Gründungen aus der Oberpfälzer Verwurzelung heraus bewerkstelligten eine sensationell anmutende Entwicklung, die andauert.

Beherzter Pioniergeist


Das Wirken von Unternehmer-Persönlichkeiten wie Klaus Conrad (Conrad Electronic), Walter Winkler (Witron) oder Peter Unger (ATU) kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: Ihr beherzter, kreativer Pioniergeist steckte an und beflügelte. Heute ist die Nordoberpfalz nicht nur das zukunftsträchtige Zentrum für Intralogistik - noch vor dem Raum Stuttgart - in Deutschland: Zahlreiche Spin-offs sorgen für einen beispiellose Welle von Existenzgründungen, die auf die digitale Welt als Geschäftsmodell setzen.

Dazu kam eine durchsetzungsfreudige politische Interessensvertretung, wie sie die Region seit den Zeiten eines Gustav von Schlör (Handelsminister von 1866 bis 1871) nicht mehr hatte: Gustl Lang stand 19 Jahre als Vorsitzender der CSU-Landtagsfraktion, Innen-, Justiz- und Wirtschaftsminister von 1974 bis 1993 in herausragender Verantwortung. Hätte die regionale Wirtschaft dieses Tempo aufgenommen, wenn die A 6 nicht über Waidhaus, sondern über Furth im Wald laufen würde?

Lang hat auch visionär die A 93 in den späten 80er Jahren gegen breite Widerstände durchgesetzt. "Eine Autobahn ins Nirgendwo" spottete damals eine große Zeitung. Das sprichwörtliche "i-Tüpfelchen" bildete in den 90er Jahren die Ansiedlung der damaligen Fachhochschule mit dem Doppelstandort Amberg-Weiden - wider alle Bedenkenträger.

Diese Standortwahl trägt ebenfalls die Handschrift von Lang. Die heutige OTH gilt als beste Infrastruktur-Entscheidung der Staatsregierung seit 1946 für die nördliche Oberpfalz. Die Region steckte auch den Rückzug der Bahn mit dem Wegfall tausender Arbeitsplätze und der Stilllegung sogenannter Nebenstrecken weg, oder die Schließung des Stahlwerks Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg. Eine Exportquote von annähernd 60 Prozent zeigt, wie gefragt die Produkte aus der nördlichen und mittleren Oberpfalz auf den Weltmärkten sind. Das Denken über Grenzen hinweg fängt vor der eigenen Haustür an: Die überschreitende Zusammenarbeit mit dem westböhmischen Wirtschaftsraum ist längst keine Einbahnstraße mehr.

"Das größte Kapital der Oberpfälzer Firmen sind die Oberpfälzer", sagte einmal ein Siemens-Manager aus Amberg. Wie wahr!

Zahlen und Daten: Die Nordoberpfalz holt aufÜber dem Landesdurchschnitt in Bayern (2,1 Prozent) legte von 2008 bis 2013 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu: im Landkreis Amberg-Sulzbach um 2,9 Prozent, Neustadt/WN 3,8 Prozent, Schwandorf 4,6 Prozent sowie in Weiden um 2,7 Prozent. Nach Erhebungen des Landesamts für Statistik führt Weiden in absoluten Zahlen mit 50 467 Euro je Einwohner vor Amberg mit 46 231 Euro. Mit klarem Abstand folgen die Landkreise Amberg-Sulzbach (22 961 Euro), Neustadt/WN (25 057 Euro), Tirschenreuth (28 945 Euro) sowie Schwandorf (31 616 Euro). Der Bayern-Durchschnitt beträgt 39 691 Euro. Allerdings bekommt der Nordoberpfälzer mehr für sein Geld. Im Vergleich zu den Marktpreisen stieg das BIP von 2008 bis 2013 um mehr als 20 Prozent in TIR, SAD und NEW, um über 15 Prozent in AM und AS.

Im gleichen Zeitraum erhöhte sich überproportional auch das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte: AM 8,7 Prozent, WEN 9,4 Prozent, AS 15,2 Prozent, NEW 13,1 Prozent, SAD 12,2 Prozent und TIR 15,7 Prozent. Der Bayern-Schnitt beträgt hier 8,5 Prozent. Die nördliche und mittlere Oberpfalz holt also beim Wohlstand gewaltig zum Rest des Freistaats auf.

Von 2009 bis 2013 erhöhte sich der Umsatz des Verarbeitenden Gewerbes in AM um 50,5 Prozent, in AS um 45,7 Prozent, in NEW um 41,2 Prozent, in SAD um 26,4 Prozent und in TIR um 20,3 Prozent (Bayern: 20 Prozent). Überwiegend "rote Zahlen" gibt es bei den Gästeübernachtungen. Von 2009 bis 2014 betrug die Bettenauslastung in AS und NEW kaum mehr als 20 Prozent, in SAD und TIR über 25 Prozent: bei sinkender Aufenthaltsdauer. Interessant sind die Strukturdaten. So spielt die vor 70 Jahren dominierende Land- und Forstwirtschaft heute nur noch eine geringe Rolle: Ihr Anteil liegt im sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich; die Landkreise TIR und NEW führen mit 5,5 und 5,2 Prozent mit Abstand in der Oberpfalz (2,7 Prozent). Mit einem Anteil bis zu 80 Prozent rückt der Dienstleistungsbereich immer stärker in den Fokus. (cf)
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