Großmetzgerei vor dem Aus
Sieber meldet Insolvenz an

Das Firmengelände der Fleischfirma Sieber ("Frische bayerische Spezialitäten günstig!") in Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Nach dem Fund von Listerien in einigen Produkten steht das Unternehmen nun vor dem Ende. Bild: dpa
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Bayern
07.06.2016
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Der alleinige Inhaber der Fleischfirma Sieber, Dietmar Schach, hat am Dienstag die Insolvenz des Unternehmens bekanntgegeben. Archivbild: dpa

Der Chef der Firma Sieber hat am Dienstag die Insolvenz seiner Großmetzgerei verkündet. Offenbar ging ihm das Geld aus, um den täglichen Einnahmeverlust zu verkraften. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Behörden.

Geretsried. Der behördlich angeordnete Produktionsstopp wegen bakterienbelasteter Wurst bedeutet das vorläufige Aus für das oberbayerische Unternehmen. "Ich habe heute Vormittag beim Amtsgericht Bad Tölz-Wolfratshausen einen Insolvenzantrag gestellt", teilte Firmeninhaber Dietmar Schach am Dienstag in Geretsried mit.

Das Landratsamt Bad Tölz hatte am 27. Mai ein Vertriebsverbot für sämtliche Produkte der Metzgerei erlassen und den deutschlandweiten Rückruf aller Ware angeordnet. In mehreren Wursterzeugnissen der Firma waren zuvor gesundheitsgefährdende Listerien gefunden worden.

Zur Begründung für die Insolvenz führte Schach den täglichen Einnahmeverlust von 100 000 Euro an, der durch das Verkaufsverbot entstanden sei. Er habe alles versucht, um die rund 120 Arbeitsplätze zu retten, erläuterte er. "Doch ich habe den Kampf verloren. Es ist aus." Er bedauerte, dass sein Wunsch nach einem "Runden Tisch" mit allen beteiligten Behörden zur Zukunft der Großmetzgerei abgelehnt worden sei. "Leider ließ man uns vonseiten der Politik allein", schrieb Schach in einer persönlichen Mitteilung.

"Bisher kein Gutachten"


Zudem beklagte der Firmeninhaber, dass ihm die Gesundheitsbehörden die Ergebnisse weiterer Proben von Sieber-Produkten vorenthielten. "Es gibt bis heute noch kein Gutachten, und es gibt bis heute noch keine Mitteilung an uns über die genauen Probenergebnisse." Soweit ihm bekannt lägen jedoch mit einer Ausnahme alle Messergebnisse unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert für Listerien in Lebensmitteln. Schach nannte es einen "einmaligen" Vorgang, dass man sein Unternehmen "bewusst platt macht". Die Zukunft der Firma Sieber liege nun in anderen Händen. Vom Verbraucherschutzministerium war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen.

Im März war bei Nürnberg in einem "Original bayerischen Wammerl" von Sieber eine deutlich über dem Grenzwert liegende Zahl von Listerien nachgewiesen worden. Nach umfangreichen Untersuchungen sehen das Robert Koch-Institut und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) einen Zusammenhang zwischen dem Schweinefleisch-Produkt und einem Ausbruch von Listeriose-Erkrankungen im Jahr 2012 hauptsächlich in Süddeutschland. Acht Menschen starben an den Folgen der Krankheit.

Sieber klagt vor dem Verwaltungsgericht München gegen den Produktionsstopp. Eine Entscheidung fällt frühestens Ende der Woche. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das fast 200 Jahre alte Unternehmen. Die Metzgerei Sieber wurde 1825 von Andreas Sieber in München gegründet und war einst königlich-bayerischer Hoflieferant. Sieber ist heute am Firmensitz in Geretsried bei Wolfratshausen ein Großbetrieb für Wurstwaren, die in ganz Deutschland in den Supermarktregalen zu finden sind.

Scharf bedauert Insolvenz


Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) bedauerte die Insolvenz. Der Insolvenzverwalter müsse nun sagen, wie es weitergehen soll. Ein Ministeriumssprecher ergänzte, für Betriebe einschneidende Maßnahmen würden zum Schutz der Verbraucher ergriffen, wenn sie rechtlich zulässig und erforderlich seien. "In diesem Fall hat das Verbraucherschutzministerium die Öffentlichkeit umgehend informiert." Der Sprecher machte klar, dass Sieber erst dann wieder produzieren dürfe, wenn ein umfassendes Hygienekonzept für den Betrieb vorliege.

Listerien und ListerioseDas Verkaufsverbot und den Rückruf von Fleischwaren der Firma Sieber begründen die Behörden mit Listerien in einzelnen Produkten. Listerien können Kranken und Kindern erheblich zusetzen. Die in der Natur häufig vorkommenden Bakterien geraten in tierische und pflanzliche Produkte - etwa Hackfleisch, Sushi oder Rohmilchkäse.

Listerien sind sehr widerstandsfähig. Sie überstehen sowohl Tiefgefrieren als auch Trocknen. Kochen, Braten, Sterilisieren und Pasteurisieren tötet die Bakterien dagegen sicher ab. Nur sehr wenige Menschen, die Listerien aufnehmen, erkranken auch an Listeriose. Bei gesunden Erwachsenen verläuft die Infektion meist unauffällig oder nimmt einen harmlosen Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber und Muskelschmerzen oder Erbrechen und Durchfall - oft erst bis zu acht Wochen nach dem Verzehr.

Gefährlich ist die Infektion für Neugeborene, alte Menschen, Patienten mit chronischen Erkrankungen oder Schwangere. Bei ihnen und bei Ungeborenen kann Listeriose zum Tod führen. In Deutschland gibt es im Durchschnitt 400 bis 650 Fälle pro Jahr. (dpa)


Leider ließ man uns vonseiten der Politik allein.Dietmar Schach, Firmeninhaber
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